Der wacklige Blick durchs Raketenfenster

Das Biopic über Neil Armstrong und die Mondlandung ist sehenswert. Und anstrengend.
Wer die "Simpsons"-Folge kennt, in der Homer zum Astronauten wird, kann das Dilemma von "Aufbruch zum Mond" in etwa erahnen. In dieser Episode kämpft die NASA nämlich verbissen darum, das öffentliche Interesse am Raumfahrtprogramm neu zu entfachen. Ein Durchschnittsamerikaner soll ins All, weil die Massen nicht mehr für sozial verkümmerte, spaßbefreite Techniker jubeln.

Im neuen Werk von Oscar-Preisträger Damien Chazelle (beste Regie, "La La Land") wird Hauptfigur Neil Armstrong (Ryan Gosling) als eben solcher dargestellt. Vom strahlenden Helden, der als ultimativer Weltraumpionier in die Geschichte eingegangen ist, sieht man wenig. Chazelles Armstrong kann den Tod seiner kleinen Tochter nicht bewältigen, mit Zahlen und brenzligen Situationen geht er hervorragend um, ein Lächeln für die TV-Kameras bringt er aber nicht zustande.

Der Trailer von "Aufbruch zum Mond":



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Uns den Menschen hinter der Legende näherzubringen, macht die eine Seite des Biopics aus. Die andere beleuchtet die Geschichte der Mondlandung zwischen öffentlicher Wahrnehmung und individueller Grenzerfahrung. Im "Space Race" liegen die USA hinter der Sowjetunion zurück, die Steuerzahler wollen kein Geld mehr fürs Raketenbasteln abdrücken; für die Astronauten kann jeder Materialtest der letzte sein, die menschlichen Versuchskaninchen beißen der Reihe nach ins Gras.

Anstrengend

Beide Seiten sind spannend, bewegend, nur - und dagegen kämpft "Aufbruch zum Mond" nicht nur an den US-Kinokassen auf verlorenem Posten - interessieren sie die Leute einfach nicht. Mit extremen Close-ups, wackligen Handkamera- und zahlreichen POV-Einstellungen (aus der Sicht des Protagonisten, der meist durch winzige Cockpit-Fenster in den Himmel starrt) will Chazelle sein Publikum einfangen und an die Geschichte binden. Kombiniert mit dem körnigen Siebziger-Look des Films hat das jedoch den gegenteiligen, einen abschreckenden Effekt.

Nüchtern

Gosling hat sich mal wieder eine Rolle ausgesucht, die gut zu seiner blechernen Mimik passt, Claire Foy brilliert als Armstrongs Frau Janet, Corey Stoll gefällt als unsympathischer Buzz Aldrin. Hilft alles nichts, wenn man bei der Sichtung des Biopics mehr seekrank als mitgerissen wird. Da geht selbst eine so fantastische Szene wie die Aussprache zwischen Neil und seinen Söhnen unter, in der der emotional abgeschnürte Vater so nüchern klingt, als ginge es um eine Pressekonferenz.

"Aufbruch zum Mond" startet am 8. November 2018 in den österreichischen Kinos.

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