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Die letzten Minuten eines Widerstandskämpfers

Heute Redaktion
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Seit fast sechs Monaten war der ehemalige Polizist Óscar Pérez untergetaucht, nachdem er mit einem Helikopter Granaten auf Regierungsgebäude abfeuerte.
Seit fast sechs Monaten war der ehemalige Polizist Óscar Pérez untergetaucht, nachdem er mit einem Helikopter Granaten auf Regierungsgebäude abfeuerte.
Bild: Screenshot

Óscar Pérez galt in Venezuela als Staatsfeind Nummer eins. Als er von der Polizei umstellt wird, protokolliert er in 14 Videos den tragisch endenden Angriff.

Der venezolanische Helikopterpilot Óscar Pérez, der vergangenen Sommer ein Gerichtsgebäude und ein Ministerium in Venezuela aus der Luft angegriffen hatte, ist beim Kampf gegen Spezialeinsatzkräfte der Polizei ums Leben gekommen. Das berichtet die venezolanische Zeitung "El Nacional". Seine Leiche wurde demnach in ein Bestattungsinstitut nach Bello Monte gebracht.

Während der rund zweistündigen Attacke hatte der 36-jährige Pérez mehrere Videos auf Instagram gepostet und live darüber berichtet. Ein Protokoll des Angriffs:

• Video 1: Pérez und seine Männer wollen eine friedliche Verhandlung

"Wir befinden uns auf der neuen Hauptstraße von El Junquito, wir verhandeln. Wir wollen nicht angreifen, auch weil einige von ihnen ehemalige Arbeitskollegen sind. Wir sind Patrioten, wir sind Nationalisten und wir kämpfen mit voller Überzeugung. Für diejenigen, die an uns zweifelten, hier sind wir. Wir wurden beschossen, wir haben uns versteckt, aber wir verhandeln mit den Beamten. Die Medien kommen gleich. Wir haben die Hoffnung nicht verloren."

Im Hintergrund ist einer von Pérez' Männern zu hören, wie er mit den venezolanischen Sicherheitskräften spricht: «Wir sehen euch nicht als Feinde. Wir haben das nicht für uns getan, sondern für euch, für eure Kinder, Familien, Cousins, Großeltern, Eltern».

• Video 2: Eine Botschaft an seine Söhne

"Ich will die Venezolaner bitten, nicht aufzugeben, dass sie kämpfen, dass sie auf die Strasse gehen. Damit wir frei werden können. Und nur ihr habt die Macht dazu. (...) Sebastián, Santiago, Dereck, ihr wisst, dass wir das für euch getan haben, für alle Kinder in Venezuela. Ich hoffe, ich sehe euch bald. Ich liebe euch, meine Söhne, ich liebe euch."

• Video 3: Pérez und seine Truppe werden belagert

"Ich appelliere an das tapfere venezolanische Volk; in diesem Moment werden wir belagert. Jetzt habt nur ihr die Macht, uns alle zu befreien. Gott und Jesus Christus sind mit uns (...)."

Dann schwenkt die Kamera und ein Mitstreiter spricht: "Venezuela, das haben wir nicht getan, um an die Macht zu kommen, oder für unsere Interessen, sondern für die Kinder, die verhungern, für die Alten, für euch selber. Tut es, legt eure Hand aufs Herz und lasst nicht zu, dass eure Angehörigen sterben."

• Video 4: Scharfschützen kommen zum Einsatz

Pérez sieht verzweifelt aus. Mit Tränen in den Augen sagt er: "Wir sind immer noch hier in Fortaleza und halten durch. Wir haben uns nicht gestellt.» Er wird unterbrochen. Einer seiner Mitstreiter warnt: "Es gibt Scharfschützen im Gebäude gegenüber". Pérez erhält eine Nachricht auf seinem Handy. Dann sagt er zu seinem Kollegen: "Positioniere dich." Weiter an seine Instagram-Follower: "Die Leute sollen auf die Strasse gehen. Humanitäre Hilfe."

• Video 5: Sie verhandeln

"Wir verhandeln gerade. Es gibt Zivilpersonen hier. Wir werden sie nicht im Stich lassen. Wir werden auch nicht erlauben, dass sie diese Unschuldigen töten."

• Video 6: Die Lage spitzt sich zu

Pérez' Gesicht ist mit Blut verschmiert, seine Stimme ist laut, er tönt immer verzweifelter: "Sie schießen auf uns mit RPG-Panzerbüchsen. Es gibt Scharfschützen." Im Hintergrund schreit ein Mitstreiter: «Wir haben Familien, die wir wiedersehen wollen!". Dann Pérez weiter: "Wir haben gesagt, dass wir uns stellen werden, aber sie lassen uns nicht. Sie wollen uns töten.»

• Video 7 Es fallen die ersten Schüsse

"Sie schießen auf uns, das Volk von Venezuela soll für immer frei sein."

• Video 8: Pérez ruft das Volk auf, zu kämpfen

"Venezuela, wir kämpfen für unser Land! Bitte, geht auf die Straße!"

• Video 9: Schüsse, Rauch und Verzweiflung

Pérez schreit: "Venezuela, sie töten uns! Seid unser Panzer, wir sind das Schwert. Aber das wahre Schwert ist das vereinte Volk." Im Hintergrund sind zwei Schüsse zu hören.

• Video 10: Jetzt wird mit Granatwerfern geschossen

"Sie attackieren uns mit Granatwerfern. Das Haus ist voller Löcher. Venezuela, wir brauchen euch, wir sind verletzt. Sie schießen weiter auf uns." Im Hintergrund schreien auch die anderen Männer. "Schießt nicht!", rufen mehrere unisono. "Hier hat es Frauen und Kinder. Ihr habt sie gesehen, warum schießt ihr? Ihr werdet unschuldige Menschen tö..." Dann unterbricht das Video.

• Video 11: Klare Absicht, Pérez zu töten

"Wir schießen nicht, aber sie attackieren uns weiter. Wir verhandeln, um uns zu stellen, aber sie wollen uns töten."

• Video 12: Sie sollen hingerichtet werden

Die Stimme von Oscar Pérez ist ruhiger, er atmet schwer, während er in die Kamera spricht: "Sie wollen nicht, dass wir uns stellen. Sie wollen uns hinrichten. Das haben sie uns gerade gesagt." Es fällt wieder ein Schuss. Dann Pérez nur: "Kraft."

• Video 13: Noch mehr Schüsse

"Venezuela, wir wollen uns stellen, aber sie schießen ständig auf uns."

• Video 14: Pérez' letzte Worte

"Hier gibt es Verletzte und sie schießen weiter auf uns», sagt Pérez in die Kamera. Dann ruft er den Angreifern zu: «Wir werden uns stellen! Hört auf zu schießen!"

Dann ist Funkstille. Oppositionspolitiker Antonio Ledezma, der seit November im Exil in Spanien lebt, sagte am Dienstag zu "El Nacional": "Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat die Anweisung gegeben, Óscar Pérez hinzurichten." (kle)