Die Tiefen des Geschäfts mit den Arbeitslosen

Wie mörderisch das Geschäft aus Nachweisen, Zertifikaten und Arbeitslosen-Beratungen sein kann, zeigt der Wiener Krimi-Autor Stefan Peters in seinem neuen Roman.
Verpflichtende Beratungen für arbeitslose Menschen und bestechliche Beamte, die hoffen, damit den großen Reibach zu machen. Das sind die Zutaten zu Stefan Peters neuem Krimi "Strenge Rechnung". Im Zentrum steht, wie schon wie bei Peters Debütroman "Erstbezug" (war 2017 auf der Shortlist des Leo-Perutz-Preises) wieder der Sozialberater Michael Bogner.

Diesmal führt ihn sein Job mitten hinein in eine Welt dubioser Arbeitsmarktprojekte, europäischer Fördergelder und habgieriger, kaltblütiger Unternehmer. Mit viel Wiener Lokalkolorit – dazu zählen etwa unbekannte Stadt-Highlights, wie der Fischkutter bei der "Villa Aurora" am Wilhelminenberg (Wilhelminenstraße 237, Ottakring), eine Verfolgungsjagd durch das Gassengewirr der Wiener Altstadt oder der verwunschene Sternwartepark (Währing) – entwirft Peters eine beängstigendes System, wie es auch in der Realität existieren könnte. "Heute" hat den Autor in der "Villa Aurora" zum Interview getroffen.

Heute: Es heißt, ein guter Roman ist wie ein Spiegel. Sie arbeiten selbst als systemischer Coach und beraten arbeitslose Menschen. Wie viel von Ihrer persönlichen Erfahrung ist in die Figur des Michael Bogner geflossen?

Stefan Peterswurde 1967 in Wien geboren. Nach seinem Studium der Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, arbeitete er als Journalist für verschiedene Tageszeitungen und Magazine, das ORF-Radio und Privat-TV.

Heute erledigt er, wie er selbst sagt, Cowboyjobs (spontane Aufträge in der ganzen Welt, Anm.) als Kameramann für Spielfilm, Werbung und internationale Events. Daneben arbeitet er als Systemischer Coach mit Schwerpunkt Kreativwirtschaft.
Peters: Eine berechtigte Erwartung meiner Leser ist, dass ich weiß, worüber ich schreibe. Mein Ressort ist die Arbeitsmarktpolitik, da habe ich eineinhalb Jahrzehnte an Expertise im Rücken. Das hilft enorm, wenn ich Antworten auf meine Lieblingsfrage als Autor finde: "Was wäre, wenn…"?

CommentCreated with Sketch.0 Zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Heute: In ihrem Roman schwingt auch viel Sozialkritik mit. Hier werden Arbeitslose zu Nummern und alles was "die da oben interessiert" ist, dass die Zahlen und Statistiken stimmen. Für Einzelschicksale ist hier kein Platz. Ist das etwas, womit Sie selbst konfrontiert waren?

Peters: Wäre ich Bäcker, wäre die Sache einfach. Ich verkaufe eine Semmel und bekomme dafür Geld, ein beidseitiger Interessensausgleich. In der Arbeitsmarktpolitik stehst Du ständig in einem Spannungsfeld völlig widersprüchlicher Interessen. Da bleibt zwischen Politik und Geschäftssinn relativ wenig Raum für die Frage, was dem einzelnen arbeitssuchenden Menschen nützt.

Heute: Ein weiteres Thema ist der undurchsichtige Dschungel der Wiener Bürokratie. In seiner "Göttlichen Komödie" siedelt Dante Alighieri bestechliche Beamte im 5. Ring des 8. Höllenkreises an. Würden Sie dem zustimmen?

Peters: Echte Beamte kommen im Buch nicht vor, dafür aber einige, die sich beamtet benehmen. Was sie betrifft, sei im Sinne altgriechischer Logik gesagt: Menschen sind bestechlich. Beamte sind Menschen. Folglich sind Beamte bestechlich.

Ich habe den Begriff "Arbeitsamt" absichtlich benützt. Er kann für das AMS stehen, die deutsche Arbeitsagentur oder jede vergleichbare Institution. Mir ist aber wichtig, klarzustellen, dass ich nicht auf billiges AMS-Bashing hinauswill. Das AMS ist mit der Arbeitslosenversicherung eine der zentralen Säulen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in diesem Land. Dass es schon von früheren Regierungen missbraucht wurde, um dreckige Jobs zu erledigen, ist eine Sache. Eine andere Sache ist, dass diese Säule gerade von Amts wegen sturmreif geschossen wird. Die Folgen für den sozialen Frieden will ich mir gar nicht vorstellen.

Heute: In ihrem Buch ist viel "Lokalkolorit" zu finden. Nach welchen Kriterien haben Sie die Schauplätze Ihres Romans ausgewählt?

Peters: Ich war schon in meiner Schulzeit mit der Kamera in der Hand ein leidenschaftlicher Stadterkunder. Aus dem damals kartographierten Fundus zehre ich noch heute und nehme her, was mir zur Handlung passt. Schon damals waren mir die Seitengassen wichtiger, die Ecken, wo sie vergessen haben, alles für den Bustourismus zu optimieren.

Heute: Haben Sie beim Schreiben der ersten Kapitel das Ende des Buches schon im Kopf oder ist das etwas, dass sich erst entwickelt?

Peters: Ich halte es mit Alfred Hitchcock. Wenn das Drehbuch, also die detaillierte Struktur steht, ist der spannende Teil der Arbeit vorbei. Dann mühe ich mich entlang der Roadmap schreibend durch die Ebene.

Heute: In Ihrem Roman kommen Charaktere auch unterschiedliche Weise zu Tode. Wie ist das, als Autor Herr über Leben und Tod zu sein?

Peters: Ein Gefühl barocker Machtentfaltung. Nein, ehrlich: Es macht mir Freude, als Krimiautor quasi sanktionsloser Berufskiller zu sein.

Heute: Haben Sie literarische Vorbilder?

Peters: Weniger Vorbilder als Lichtgestalten, und die quer durch den Gemüsegarten. Heinrich Steinfest, Haruki Murakami, Tom Robbins, Jo Nesbö und Stefan Zweig.

Heute: Welche, der von Ihnen geschaffenen Charaktere ist Ihr Liebling? Und warum?

Peters: Unorigineller Weise ist das Michael Bogner. Er ist eine Art "Herbstkatzl" (jemand, der es nicht leicht hat, Anm.), ein weitgehend glanzloser Held. Ich erspare ihm nichts, dafür darf er seine Eier entdecken und das ist auch schon was.

Heute: Schreiben Sie ihre Bücher am Computer oder mit "Bleistift auf Serviette"?

Peters: Mixed Media. Es gibt haufenweise Vorstudien, Graphiken und fragmentarische Ideen in meinem Notizbuch, ohne das ich nie das Haus verlasse. Ein, zwei Kapitel habe ich auf der heißgeliebten Olivetti Valentine (eine mechanische Schreibmaschine, Anm.) vorgeschrieben, weil ich wissen wollte, was eine psychedelische Maschine aus dem Text macht. Aber nachdem ich mich schon vor fast 30 Jahren bei der AZ ("Arbeiterzeitung", Anm.) daran gewöhnt habe, Artikel direkt in den Rechner zu klopfen, habe ich letztlich alles auf einem handlichen Laptop geschrieben.

Heute: Steht schon fest, wann das nächste Buch kommt?

Peters: Wenn alles gut geht, und der Verlag mitspielt, in einem Jahr. Das neue Buch wird aber ein Roman und diesmal kein Krimi. Das Rohskript ist da, ich bin im zweiten Durchgang und nehme schon feineres Werkzeug zur Hand.

Der Roman "Strenge Rechung" ist am 10. September 2018 im Picus-Verlag erschienen und um 18 Euro im gut sortierten Buchhandel erhältlich.

(lok)

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