Ukraine

Diese Fernbedienungs-Killer lenken Putins-Raketenterror

Die Recherche-Plattform Bellingcat hat in monatelanger Arbeit herausgefunden, wer die russischen Präzisionswaffen gegen zivile Ziele lenkt.
Nikolaus Pichler
27.10.2022, 18:20
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"Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie russische Marschflugkörper ihren Weg auf Spielplätze, Kraftwerke und Wohnblöcke in der Ukraine finden?", schreibt Eliot Higgins, Gründer der Rechercheplattform Bellingcat, auf Twitter. Und liefert die Antwort gleich dazu: "Es wird Zeit, das Team kennenzulernen, das russische Raketen auf zivile Infrastrukturen lenkt."

Es sind 15 junge Menschen ...

Dazu postete Higgins eine Fotografie von 15 meist jungen Menschen in Uniformhemden, die in die Kamera lächeln. Doch die freundliche Fassade täuscht: Es handelt sich um einen Teil der "Remote Control Killers" (Fernbedienungs-Mörder), wie Bellingcat sie nennt. Sie sind Angehörige des Haupt-Rechenzentrums des russischen Generalstabs, oft als GVC abgekürzt, die alle über Erfahrung in der Raketenprogrammierung, aber auch IT- und Computerspielbranche sowie Marinetechnik verfügten. In dieser Funktion steuern sie die Raketen und Marschflugkörper, die in der Ukraine Hunderte Menschenleben kosteten und Infrastruktur wie Strom- oder Wasserversorgung lahmlegten, in ihre Ziele.

So wurden etwa bei massiven Angriffen am 10. Oktober mehrere große Städte, unter anderem Kiew, von Raketen und Cruise Missiles hart getroffen – mindestens 20 Menschen starben, über 100 wurden verletzt. Auch am folgenden Tag gingen die konzentrierten Angriffe aus der Luft weiter – laut Russland auf Kommandozentralen der ukrainischen Armee, in Tat und Wahrheit aber oft auf Wasserwerke, Kindergärten, Spielplätze und Wohnhäuser. Hinter der Programmierung der Kalibr-Marschflugkörper, die vom Meer, aus der Luft und vom Boden aus gestartet werden, stehen die "Remote Control Killers".

Die jüngsten "Killer" sind erst 24

"Im Gegensatz zu ihren militärischen Kollegen, von denen die meisten zumindest einem gewissen persönlichen Risiko in der Nähe der Front ausgesetzt sind, arbeiten diese jungen Leute von sicheren Kommandozentralen in Moskau und St. Petersburg aus und scheinen ihr Leben fast ohne Störungen durch einen Krieg zu leben, in dem sie eine zentrale Rolle spielen", schreibt Bellingcat. In mehrmonatigen Recherchen konnten Mitarbeiter der Plattform insgesamt 33 Personen identifizieren. Es sind Männer und Frauen von meist Ende 20, die jüngsten von ihnen sind erst 24 Jahre alt. Ihr Kommandant soll Oberstleutnant Igor Bagnyuk sein.

Bellingcat hat die Mitglieder der Einheit telefonisch kontaktiert. Die meisten hängten den Hörer rasch auf oder reagierten gar nicht, andere leugneten, dazuzugehören. Nur ein einziges Mitglied der Gruppe erklärte sich bereit, unter Wahrung seiner Anonymität Bellingcat Hintergrundinfos und Fotografien zur Verfügung zu stellen. Aus diesen geht auch hervor, dass einige aus der Einheit bereits im Einsatz im Syrienkrieg standen – und dafür von Wladimir Putin mit Orden ausgezeichnet wurden.

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