Szene

Dieses Gedicht erschüttert die Welt

Heute Redaktion
14.09.2021, 03:37

Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass ("Die Blechtrommel") hat in einem Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran heftig kritisiert. Die Reaktionen sind gespalten.

Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass ("Die Blechtrommel") hat in einem Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran heftig kritisiert. Die Reaktionen sind gespalten.

"Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schreibt Grass in dem Gedicht, das am Mittwoch in mehreren internationalen Zeitungen erschien.
Er wirft sich außerdem selbst vor, zu lange dazu geschwiegen zu haben ("Warum schweige ich, verschweige zu lange,

..."). Der 84-Jährige kritisiert auch die geplante Lieferung eines U-Boots aus Deutschland nach Israel. Gleichzeitig bekundet er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat.
In dem Text fragt sich Grass, warum er es sich untersagt habe, "jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potenzial verfügbar, aber ausser Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?".
Er fühle es als "belastende Lüge und Zwang", dass er bisher dazu geschwiegen habe. Wer dieses Schweigen breche, dem stehe eine "Strafe» in Aussicht: "das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig".
Recht auf Erstschlag

In seinem Gedicht spricht Grass von einem behaupteten Recht auf den Erstschlag gegen "das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk", nur weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet werde. Er sei der "Heuchelei des Westens" überdrüssig und hoffe, dass sich viele von dem Schweigen befreien.
"Gepflegter Antisemit"

Grass hatte 2006 bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte.
"Geschmacklos"

Der Publizist Henryk M. Broder nannte Grass in einem Artikel in der «Welt» am Mittwoch den «Prototypen des gepflegten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint», aber von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und vom dem Wunsch getrieben werde, «Geschichte zu verrechnen». Das Gedicht sei geschmacklos, unhistorisch und zeugt von Unkenntnis der Situation im Nahen Osten, sagte der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Philipp Mißfelder.



Israel verdammt Gedicht

Der Zentralrat der Juden reagiert scharf auf das Günter-Grass-Gedicht zum Iran-Konflikt. Besonders deutliche Kritik kommt vom israelischen Gesandten in Berlin, Emmanuel Nahshon. Grass bediene sich antisemitischer Klischees.

 
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Warum schweige ich, verschweige zu lange,

was offensichtlich ist und in Planspielen

geübt wurde, an deren Ende als Überlebende

wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,

der das von einem Maulhelden unterjochte

und zum organisierten Jubel gelenkte

iranische Volk auslöschen könnte,

weil in dessen Machtbereich der Bau

einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,

jenes andere Land beim Namen zu nennen,

in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -

ein wachsend nukleares Potential verfügbar

aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung

zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,

dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,

empfinde ich als belastende Lüge

und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,

sobald er mißachtet wird;

das Verdikt 'Antisemitismus' ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,

das von ureigenen Verbrechen,

die ohne Vergleich sind,

Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,

wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch

mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,

ein weiteres U-Boot nach Israel

geliefert werden soll, dessen Spezialität

darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe

dorthin lenken zu können, wo die Existenz

einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,

doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,

sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?

Weil ich meinte, meine Herkunft,

die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,

verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit

dem Land Israel, dem ich verbunden bin

und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,

gealtert und mit letzter Tinte:

Die Atommacht Israel gefährdet

den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,

was schon morgen zu spät sein könnte;

auch weil wir - als Deutsche belastet genug -

Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,

das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld

durch keine der üblichen Ausreden

zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,

weil ich der Heuchelei des Westens

überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,

es mögen sich viele vom Schweigen befreien,

den Verursacher der erkennbaren Gefahr

zum Verzicht auf Gewalt auffordern und

gleichfalls darauf bestehen,

daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle

des israelischen atomaren Potentials

und der iranischen Atomanlagen

durch eine internationale Instanz

von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

mehr noch, allen Menschen, die in dieser

vom Wahn okkupierten Region

dicht bei dicht verfeindet leben

und letztlich auch uns zu helfen.

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