Es war ein Schock im Festspielhaus in Bayreuth: Der russische Bariton Evgeny Nikitin, der die Titelrolle im Fliegenden Holländer singen sollte, hatte ein Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust. Er wurde gefeuert. Jetzt spricht der Dirigent der Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann, über den Nazi-Tattoo-Skandal um Evgeny Nikitin.
. Er wurde vier Tage vor der Premiere gefeuert. Jetzt spricht der Dirigent der Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann, über den Nazi-Tattoo-Skandal um Evgeny Nikitin. Kritik an Bayreuth hagelt es aus München.
Im Gespräch mit der Berliner Zeitung nimmt Thielemann dazu Stellung und erzählt, wie die Premiere des Stücks dennoch gerettet wurde: "Ein Hakenkreuz geht niemals, nicht nur in Bayreuth! Das geht auch in Australien nicht! Ich mag es auch auf der Bühne nicht sehen, keine Hakenkreuze, keine Stiefel, keine Mäntel. Ich hab die Schnauze voll von diesem Personal", so Thielemann.
Die Premiere am Mittwoch sei aber dennoch gerettet. "Wir haben einen ganz tollen Ersatz. Samuel Youn, der auch den Heerrufer im „Lohengrin“ singt. Er hat am Samstag die „Holländer“-Generalprobe gesungen, und ich war platt, wie toll das war. Nach der Probe habe ich gesagt: Wisst ihr was, wir bleiben bei ihm! Die Regie hat jetzt noch ein paar Tage, mit ihm zu proben."
Bayreuth füchtet "immensen Schaden"
Für die Festspiel-Leitung ist „die künstlerische Beschädigung der Inszenierung selbst nach Einarbeitung eines Ersatzes immens“. Festspiel-Chefin Katharina Wagner sagte der „Bild am Sonntag“, sie sei „sehr betroffen und bestürzt“ über den Vorfall. Ersatzsänger Youn war nach Festspiel-Angaben ohnehin als Zweitbesetzung vorgesehen. Es werde nun bis zum Mittwoch intensive Proben geben. Youn sang die Partie bereits mehrfach, zuletzt im Mai an der Oper Köln. In Bayreuth hatte er bisher kleinere Rollen inne.
Münchner Intendant wirft Wagner-Schwester Verlogenheit vor
Nach dem Rückzug Nikitins hat der Münchner Staatsopernintendant Nikolaus Bachler den Wagner-Schwestern Verlogenheit vorgeworfen. "Ich sehe in der Causa Nikitin zunächst mehr ein Problem Bayreuths und der Wagner-Familie als eines des Sängers", sagte Bachler am Montag. "Dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat ungeschehen zu machen, ausgerechnet nun von der Wagner-Familie geahndet wird, finde ich verlogen."
"Das Ganze ist eine zutiefst unschöne Geschichte und zeigt, wie die Vergangenheit immer noch gegenwärtig ist." Bachler, an dessen Münchner Staatsoper der Bassbariton Nikitin bereits auftrat, spielte damit auf den schwierigen Umgang der Familie Wagner mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Bayreuther Festspiele an.
Pilgerstätte für Nazis
Die Verzahnung der Festspiele mit den Größen der Nazi-Diktatur in Deutschland markiert eines der dunkelsten Kapitel der Musikgeschichte in Deutschland: Adolf Hitler war regelmäßiger Festspiel-Gast und ließ sich in Bayreuth feiern. Nur mühsam gelang in den 1950er Jahren ein Neustart der Festspiele. Richard Wagners Musik ist bis heute in Israel unerwünscht. Der Komponist (1813 bis 1883) hatte sich bei vielen Gelegenheiten antisemitisch geäußert.