Döbling-Killer: "So viel Pech kann man gar nicht haben"

Vor Gericht gibt Alois H. an, umfassende Erinnerungslücken zu haben. Er soll seinen Nachbarn in Wien-Döbling mit einem Kopfschuss getötet haben.

Dunkler Anzug, weißes Hemd, Brille, leicht zerzaustes Haar: Alois H. (46) macht mit seinem leicht gebückten Gang einen ganz normalen Eindruck. Doch am Mittwoch sitzt er im Großen Schwurgerichtssaal am Wiener Landl. Der Mann mit der leisen, hohen Stimme, den seine Ehefrau als "den besten Menschen überhaupt" bezeichnet, soll am 4. November 2019 scheinbar ansatzlos seinen Nachbarn Andreas U. (43) im Hof eines Gemeindebaus in Wien-Döbling erschossen haben.

Nett und unauffällig

"Unfassbares ist hier geschehen", sagt die Staatsanwältin. "Der nette, unauffällige Nachbar Alois H. hält völlig ohne jeden ersichtlichen Grund seinem netten, unauffälligen Nachbarn Andreas U. eine Pistole vor das Gesicht und drückt ab." Alois H. folgt den Ausführungen der Staatsanwältin wortlos und mit versteinerter Mine. Laut der psychiatrischen Gutachterin Gabriele Wörgötter leidet er an einer "schweren psychischen Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, vermutlich einer anhaltend wahnhaften Störung". Eine paranoide Schizophrenie kann nicht ausgeschlssen werden.

H.s Verteidigerin Astrid Wagner: "Meine erste Begegnung mit ihm einige Tage nach der Tat werde ich so schnell nicht vergessen. Er war höflich und sprach mit ruhiger Stimme. Er habe bereits 456 Menschen erschossen. Es werde ein Anruf eines burgenländischen Polizisten kommen, der alles aufklären werde." Der Anruf kam bis heute nicht. Mit zunehmender Behandlung sei ihm aber gedämmert, dass er weder Staatspolizist sei noch 140 Millionen Euro auf der Meinl Bank liegen habe.

Star-Anwältin Astrid Wagner vertritt Alois H. vor Gericht.
Star-Anwältin Astrid Wagner vertritt Alois H. vor Gericht.HEUTE/Sabine Hertel

Von seiner Krankheit erfuhr er aus den Akten, sagt Alois H. vor Gericht, die schweren Psychopharmaka würden aber gut anschlagen. An die Tat selbst erinnere er sich "nicht wirklich". Er wisse nur noch, dass er an jenem Abend Frauengeschrei im Hof gehört habe. In seiner wahnhaften Einbildung, Staatspolizist zu sein, soll er seine Glock 17 aus dem Schlafzimmer geholt haben, ins Freie gegangen sein und den auf einer Bank sitzenden Andreas U. erschossen haben. Eine Nachbarin, mit der sich das Opfer gerade unterhalten hatte, floh in Panik, doch H. ging seelenruhig zu seinem Auto und holte seine Ehefrau in der Wiener City ab.

Erinnerungslücken

H.s Erinnerung setzt erst wieder ein, als seine Ehefrau ins Auto steigt. Nach einer Irrfahrt über Klosterneuburg und das Burgenland gestand er ihr schließlich die Tat. "War dieser fremde Mensch es wert, dein und unser Leben zu zerstören?", fragte die Gattin. "Nein, das war es nicht wert." Er stellte sich der Polizei. Nach heutiger Erzählung noch immer in der Annahme, er sei Staatspolizist und habe bereits Hunderte böse Menschen getötet.

Die Suche nach den Ursachen ist schwer. H. gibt an, keine Persönlichkeitsveränderungen an sich bemerkt zu haben. Nach seiner Kündigung im August 2019 habe er nichts gemacht. "Ich bin auch nicht zum AMS gegangen, wollte niemandem zur Last fallen", sagt er vor Gericht. "Was in meinem Kopf gearbeitet hat, weiß ich nicht. Meine Stimmung war in dieser Zeit 'gut durchgemischt'."

Schwere Verluste

Seine Ehefrau berichtet hingegen von Eigenarten, die sich eingeschlichen hatten. Er habe zuletzt keine Arbeiten mehr im Haushalt erledigt und auch gekochtes Essen verweigert, weil es vergiftet sein könnte. Zudem kaufte er sich ein Suchgerät für Abhörwanzen. Warum? "Aus Interesse", sagt H. Zudem habe das Ehepaar zwei ungeborene Kinder verloren. Laut H.s Gattin habe ihn vor allem der Tod des zweiten Kindes besonders stark mitgenommen.

Und warum traf es ausgerechnet Andreas U., mit dem es kaum Kontakt gegeben hatte? "Anfang November hat mir ein älteres Ehepaar ein Video gezeigt, in dem das später Opfer jemanden vergewaltigt." So erklärt Alois H. seine Einbildung. Das Paar kenne er nicht, aber es habe ihn im Autobus einfach angesprochen.

"Mir tut das sehr leid", sagt H. zur Richterin. Das sei alles nur wegen seiner psychischen Krankheit passiert. Wie geht es ihm jetzt? "Schlecht. So viel Pech auf einmal kann man gar nicht haben." Wie er das meint, will die Richterin wissen. "Dass man paranoid schizophren ist und so eine Tat begeht."

Die Staatsanwaltschaft hat die Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt. Der Prozess soll noch am Mittwochnachmittag beendet sein.

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