Wien

Das passiert nach einem Anruf beim Caritas-Kältetelefon

Bis zu 140 Anrufe am Tag verzeichnet das Caritas-Kältetelefon. Leiterin Susanne Peters ist im Dauereinsatz und bittet vor allem um eines: Schlafsäcke.
Yvonne Mresch
03.02.2022, 16:53

Draußen ist es bitterkalt. Wie jeden Abend sind die Streetworker der Caritas mit dem Kältebus unterwegs, um obdachlose Menschen auf Wiens Straßen zu versorgen. Das Team ist gerade auf dem Weg zu einem obdachlosen Mann, dessen Schlafplatz via Kältetelefon gemeldet wurde, als sie eine Person vor einem geschlossenen Geschäft bemerken. "Wir parkten und boten unsere Hilfe an. Beim Näherkommen merkten wir, dass es eine ältere Frau um die 75 Jahre war, die vor dem Eingang kauerte. Sie zitterte am ganzen Körper und hatte wenige, aber definitiv keine warmen Sachen bei sich: eine dünne Decke, eine Haube und eine Jacke", beschreibt Susanne Peter, Teamleiterin in der mobilen Notversorgung und Leiterin des Kältetelefons, die Situation.

Im Gespräch erzählt die Frau, sie könne nicht mehr in ihre Wohnung, die Schlüssel würden nicht mehr passen. Das Angebot, einen Schlafsack und eine warme Decke zu bringen, lehnt sie allerdings ab. "Nein, das will ich nicht. Das wird mir sowieso alles wieder nur genommen.“ Auch in ein Notquartier möchte sie nicht. Einzig einen Becher heißen Tee nimmt sie an. Sie scheint traurig, verbittert und ohne Perspektive. Nach langem Zureden nimmt sie schließlich doch einen Schlafsack an. Ihr abschließendes "Danke" kommt von Herzen.

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Eine Isomatte und ein Schlafsack wirken oft Wunder. Wer helfen will, kann ein Gruft-Winterpaket kaufen.
Caritas

267 Menschen in Notquartiere gebracht

Geschichten wie diese erlebt Susanne Peter regelmäßig. Tragische Schicksale, Menschen ohne Zukunftsperspektiven, aber auch Momente der Hoffnung. Peter leitet das Kältetelefon und hat bei der Arbeit auf der Straße schon so einiges erlebt. Bis zu 140 Anrufe erreichen das Kältetelefon in Spitzenzeiten täglich. Es sind Mitteilungen wie "Da steht ein Zelt, die Person friert", "Dieser Mann hat keine Decke" oder auch "Hilfe, dieser Person geht es gesundheitlich ganz schlecht". Bei medizinischen Notfällen verweisen die Mitarbeiter gleich auf die Rettung. Geht es um andere Fälle, kommen Susanne Peter und ihr Team vorbei, reden mit den Menschen, bieten Decken, Schlafsäcke oder ein warmes Getränk an. 267 Klienten konnten seit Anfang November in ein Notquartier oder ähnliche Unterbringungsformen vermittelt werden. 12 Mitarbeiter sind für das Caritas-Kältetelefon im Einsatz, bei den Freiwilligen ist die Zahl weit höher. 90 Leute arbeiten ehrenamtlich, um Menschen in Not zu helfen.

Der Lohn für die harte Arbeit ist neben großer Dankbarkeit auch das Gefühl, jemandem geholfen oder vielleicht sogar ein Leben gerettet zu haben. "Wir wurden zu einer U-Bahn-Station gerufen", erinnert sich Peter. "Ein Mann saß dort und meinte nur, ihm sei so kalt. Von der Polizei hatte er bereits eine Decke bekommen, wir haben ihn dann gleich in die Gruft mitgenommen. Er war so glücklich und wir genauso." Besonders berührt hat Peter hier auch die Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften. Es sei enorm wichtig, dass Polizei und Streetwork hier zusammenhelfen.

Grundsätzlich sind es die kleinen Momente, die kleinen Dinge, die oft große Wirkung zeigen, weiß Peter. Auf die Frage "Wie geht es Ihnen" kann so mancher in Tränen ausbrechen. "Sie sind es nicht gewohnt, dass Menschen sie nach ihrem Wohlbefinden fragen, dass sie auf einer Ebene mit ihnen sprechen. Wenn sich dann plötzlich jemand Zeit für sie nimmt, ist das etwas Besonderes", sagt Peter. 

Die Nächte in Wien sind kalt. Umso wichtiger ist die Arbeit von Susanne Peter und ihrem Team.
Johannes Hloch

Zusammenarbeit mit Maltesern

Doch in der täglichen Arbeit auf der Straße gibt es auch Rückschläge: "Schwierig ist es immer dann, wenn Klienten unsere Hilfe nicht annehmen wollen", erzählt die Leiterin. Besonders in Erinnerung blieb der Sozialarbeiterin eine Frau, die jegliche Unterstützung ablehnte, mit den Worten "Es macht sowieso alles keinen Sinn mehr." Ein Satz, der durch Mark und Bein geht. "Diese Menschen haben so viele schreckliche Erfahrungen gemacht, vielen von ihnen wurde alles genommen. Man kann dann nur versuchen, durch regelmäßige Besuche und Gespräche Vertrauen aufzubauen. Einige Menschen schaffen es nach einiger Zeit, Hilfe von uns anzunehmen", so Peter. 

Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr eine Kooperation zwischen dem Kältetelefon und den Maltesern. Ein Mal pro Woche übernimmt die Organisation einen Transportdienst. Ebenfalls neu ist die Zusammenarbeit mit Kollegen aus Ungarn, die zum einen ungarische Klienten aufsuchen und mit ihnen in ihrer Muttersprache kommunizieren und zum anderen Ideen für ein gleichwertiges Projekt im eigenen Land suchen. 

So können Sie helfen!

Was die Caritas derzeit dringend für die Arbeit auf der Straße benötigt, sind Schlafsäcke. Dass diese Leben retten, ist nicht einfach so daher gesagt. "Die Schlafsäcke, die wir verteilen, schützen bis zu einer Temperatur von minus 24 Grad", erklärt Peter. "Wenn ich so einen abgebe, kann ich sicher sein, dass die Person die Nacht überlebt". Wer helfen möchte, kann um 50 Euro ein Gruft-Winterpaket kaufen. Enthalten sind ein Schlafsack sowie eine warme Mahlzeit für eine bedürftige Person. 

 Mehr Infos: www.caritas-wien.at

Sieht man einen Menschen auf der Straße, der sichtlich friert oder Hilfe braucht, kann man sich unter 01 480 45 53 an das Kältetelefon wenden. Das Telefon ist von November bis Ende April rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche besetzt. Sie können auch eine E-Mail an [email protected] schicken. Achtung: In akuten, lebensbedrohlichen Situationen muss allerdings unbedingt die Rettung unter 144 verständigt werden!

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