Österreich

Eislady: "Ich bat Toten um Verzeihung"

Heute Redaktion
14.09.2021, 16:10

Am Montag musste sich die Eissalon-Besitzerin Estibaliz C. wegen Doppelmordes vor einem Wiener Schwurgericht (Vorsitz: Susanne Lehr) verantworten. Ihre Verteidiger wollen der 34-Jährigen eine drohende lebenslange Haft ersparen. Die Staatsanwaltschaft fordert die Einweisung in eine Klinik für geistig abnorme Rechtsbrecher. Die Angeklagte hat bereits ausgesagt und die Tötung gestanden. "Heute.at" tickert LIVE vom Prozess.

Am Montag musste sich die .

Estibaliz C. erscheint im grauen Etui-Kleid im Gerichtssaal. Ein schwarzer Gürtel betont die schmalen Hüften der jungen Mutter. Ihr lockiges, brünettes Engelshaar trägt die 34-Jährige wie ein Schulmädchen brav nach hinten frisiert.

Die in Mexiko geborene und in Spanien aufgewachsene Frau hat nach eigener Aussage im April 2008 ihren Ex-Mann Holger H. und im November 2010 ihren Lebensgefährten Manfred H. getötet, zerstückelt und die Leichenteile im Keller ihres Eissalons "Schleckeria" in Wien-Meidling einbetoniert.

Estibaliz C. bekennt sich schuldig

Als Estibaliz befragt wurde, setzte sie sich zu Beginn eine modische Lesebrille auf. Sie bekannte sie sich der Tötung "schuldig". "Ich hätte nie gedacht, dass ich dazu im Stande bin", sagte die Angeklagte mit Akzent, leiser Stimme und gebückt sitzend. Generell wirkte Estibaliz C. während ihrer zweieinhalb Stunden dauernden Aussage vor dem Gericht und den Geschworenen, die letztlich über ihr Schicksal entscheiden, großteils gefasst. Ihre Anwälte hatten sie gut gebrieft und vorbereitet, was sie sagte, war strukturiert. Immer wieder blickt sie zu Boden, bricht in Tränen aus. Sie hätte von ihrer Kindheit an stets Pech mit Männern gehabt. Detailiert schildert sie die Beziehungen zu ihren späteren Opfern. Auch die Taten selber und wie sie die Leichen verschwinden lassen wollte, werden sehr bildlich dargestellt.

Mord an Holger H.

Sie betonte, dass sie beide Männer geliebt habe. Beide unterdrückten sie aber, Holger, der als Waffennarr ein richtiges Arsenal daheim hatte, hielt ihr sogar einmal eine Waffe an den Kopf. Nach einem Streit schritt sie zur Tat. "Ich nahm die Waffe aus dem Regal und schoss ihm von hinten in den Kopf. Ich kann mich an zwei Schüsse erinnern." Es waren vier.

Gleich danach begab sie sich zur ihrer Affäre Alex. "Ich habe geduscht, geduscht, geduscht. Ich roch aber noch immer das Blut und die Waffe. Dann kuschelte ich mich an Alex." Nachdem die Leiche vier Tage in der Wohnung lag und zu verwesen begann, wollte sie sie verbrennen, was aber nicht funktionierte. Dann zerstückelte sie den Leichnam.

Mord an Manfred H.

Nach weiteren Affären stand auf einmal Manfred in ihrem Eissalon. Seine Frau hatte ihn rausgeworfen. Er meinte, er wolle sie heiraten und Kinder mit ihr. "Ich habe ihm das geglaubt." Doch auch diese Beziehung geriet auf die schiefe Ebene. Laut der Angeklagten sei Manfred schnell jähzornig und beleidigend geworden. "Er kritisierte mich von morgens bis abends, selbst wie ich die Butter aufs Brot schmiere".

Sie kam auch dahinter, dass Manfred Affären habe. Nach einem Besuch auf einem Christkindlmarkt, bei dem Manfred eine andere Frau angeflirtet hatte, kam es zum letzten Streit in der Wohnung. Manfred blockte diesen aber ab und ging schlafen. Sie zog die Waffe, die sie unter der Matratze versteckt hatte, hervor und schoss ihm in den Kopf. "Ich habe Manfred in der Früh um Verzeihung gebeten." Danach wurde auch sein Leichnam zerstückelt, einbetoniert und im Keller versteckt.

Reue?

Sowohl Geschworene als auch Staatsanwaltschaft ("Ich habe den Eindruck, sie tun sich selbst mehr Leid") zweifeln an der Reue der gebürtigen Mexikanerin. "Ich versuche mich zusammen zu reißen. Mir tun die Opfer leid", meinte sie unter Tränen. Wieso sie keinen anderen Ausweg fand? "Selbstmord kam nicht infrage, weil ich sicher war, erwischt zu werden." Und weiter: "Zu diesem Zeitpunkt waren die Morde für mich die einzige Möglichkeit. Und ich hätte es akzeptiert, ins Gefängnis zu gehen. Erst jetzt, wo ich mit vielen Menschen geredet habe ist mir bewusst, dass es 100 andere Möglichkeiten gegeben hätte."

Vater ein Tyrann

Gegen Tränen kämpfte die gebürtige Mexikanerin, als sie über ihren gewalttätigen Vater sprach. Er habe sie und ihre Familie tyrannisiert und sei auch gewalttätig geworden. Doch erst als der Vater den Gürtel zur "Bestrafung" ansetzen wollte "hat sich meine Mutter schützend dazwischen gestellt".

47 Zeugen geladen

Der Prozess wurde mit dem Kreuzverhör der Angeklagten fortgesetzt im Zuge dessen sie wieder einige Tränen vergoß. Auf die nicht merkbare Reue angesprochen sagte sie: "Ich versuche, mich zusammenzureißen. Mir tun die Opfer leid". Insgesamt sind danach 47 Zeugen geladen. Der Leiter der Baufirma, die die Leichen entdeckt hat, sagte als erstes aus. Er sprach über die Umstände, unter denen der gruselige Fund gemacht wurde. Auch die Putzfrau des Eissalons stand danach im Zeugenstand. Sie wurde zu Estibaliz Verhalten und ihr Verhältnis zu den Männern befragt.

Die Zeugenbefragungen will die Richterin bis 21. November abschließen, dann sind die Sachverständigen am Wort. Wenn die Verteidiger, die Staranwälte Rudolf Mayer und Werner Tomanek, keine weiteren Anträge einbringen, denen stattgegeben wird, sollen die Geschworenen am 22. November das Urteil fällen.

In Udine verhaftet und ausgeliefert

Die Verhandlung hat zweifellos das Zeug dazu, als "Prozess des Jahres" bezeichnet zu werden. Nicht zuletzt, weil der Fall weit über Österreichs Grenzen hinaus Aufsehen erregte und auch nach Italien hineinspielt - die Angeklagte war in Udine verhaftet und ausgeliefert worden -, hat das Gericht den Großen Schwurgerichtssaal für das Verfahren reserviert. Am ersten Tag war der Saal mit rund 200 Sitzplätzen prall gefüllt, Reporter aus ganz Europa sind angereist.

"Sie weiß, dass sie eine tickende Zeitbombe ist"

Wie Werner Tomanek erklärte, erhofft sich Estibaliz C. von dem gegen sie geführten Strafverfahren letztlich Hilfe: "Sie weiß, dass sie eine tickende Zeitbombe ist." Estibaliz C. dürfte sich daher nicht gegen die Unterbringung in einer Anstalt für abnorme Rechtsbrecher sperren, die die Staatsanwaltschaft auf Basis des psychiatrischen Gutachtens zusätzlich zur Verurteilung wegen Mordes beantragt hat.

Was im Falle einer Verurteilung das Strafausmaß betrifft, hält der Verteidiger die 34-Jährige infolge ihrer psychischen Disposition für "herabgesetzt schuldfähig". Dieser Umstand könne "auf die Straffrage Einfluss haben", so Tomanek.

Lesen Sie weiter: Die Chronologie des Falles Der Fall flog im Juni des Jahres 2011 auf, die Angeklagte wurde nach ihrer Flucht in Italien verhaftet. Nachfolgend eine Chronologie der wichtigsten Eckdaten des spektakulären Kriminalfalles:

   - 27. April 2008: Estibaliz C. tötet laut Anklage in ihrer Wohnung ihren geschiedenen Mann Holger H., während ihr dieser sitzend den Rücken zukehrt. Demnach feuert sie aus einer Pistole der Marke Beretta, Kaliber 22, aus nächster Nähe zweimal auf seinen Hinterkopf und einmal in seine Schläfe. Sie versucht laut Staatsanwaltschaft zunächst, die Leiche in ihrer Wohnung zu verbrennen, bricht dies wegen der starken Rauchentwicklung ab und kauft in den nächsten Tagen eine Kettensäge, zerteilt den Toten und friert ihn zunächst ein. Im Herbst 2008 betoniert sie die Leichenteile in einer Wanne ein und lagert diese in einem Kellerabteil unter ihrem Eissalon "Schleckeria" in der Oswaldgasse ein. Das Motiv dürfte darin gelegen sein, dass Holger H. nicht aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wollte.

   - 21./22. November 2010: Nach einem gemeinsamen Abend kommen Estibaliz C. und ihr Lebensgefährte Manfred H. nach Hause. Laut Anklage wartet die Beschuldigte, bis ihr Freund schläft, kleidet nach den Erfahrungen des ersten Mordes die Wände und den Boden mit einer Plastikfolie aus und tötet den Mann mit vier Schüssen aus kurzer Distanz in seinen Hinterkopf. Mit einer zuvor besorgten Kettensäge zerteilt sie die Leiche und betoniert sie ebenfalls in Wannen im Keller unter dem Eissalon ein. Für Manfred H. soll seine wiederholte Untreue das Todesurteil gewesen sein.

   - 26. November 2010: Wegen wiederholter Nachfragen seiner Verwandten meldet die Angeklagte Manfred H. als abgängig.

   - 6. Juni 2011: In seinem Geschäftslokal, das sich ebenfalls im Haus des Eissalons "Schleckeria" befindet, baut ein Mieter um und muss im Keller neue Installationen vornehmen. Dazu bricht er das mit einem Vorhängeschloss gesicherte Kellerabteil mit der Nummer 6, das laut mehreren Hausbewohnern niemandem zugeordnet werden kann, auf und entdeckt eine Faustfeuerwaffe sowie die mit Beton gefüllten Mörtelwannen. Er verständigt die Polizei. Diese fördert in mehreren mit Beton gefüllten Maurertrögen, Blumentöpfen und drei Kühltruhen die Leichenteile, die von einer Sachverständigen als Holger H. und Manfred H. identifiziert werden.

   - 7. Juni 2011: Die Angeklagte hört in ihrem Eissalon zufällig, wie der Entdecker der Leichen gegenüber einer ihrer Mitarbeiterinnen davon spricht, er hätte den "Manfred" gefunden. Sie flüchtet, lässt sich von einem Freund ihren Reisepass aus der Wohnung holen und ein Wertkartenhandy besorgen, hebt von ihrem Sparbuch 10.000 Euro ab und leert ihr Bankschließfach. Sie fährt mit einem Taxi zum Flughafen, bucht ein Ticket nach Paris, flüchtet aber wegen des späten Flugtermins aus Angst, festgenommen zu werden, wieder vom Airport nach Wien und steigt am Busbahnhof in ein weiteres Taxi. Die Ermittler haben tatsächlich am Gate schon auf sie gewartet. Der Lenker bringt sie nach Udine, wo er unter seinem Namen ein Hotelzimmer für sie mietet.

   - 8. Juni 2011: Estibaliz C. verlässt das Hotel und kommt wieder den Ermittlern zuvor. Diese haben bereits mit dem Taxilenker gesprochen und die italienischen Kollegen ersucht, sie in dem Hotel festzunehmen. Am Bahnhof von Udine lernt sie einen Straßenkünstler kennen und bringt ihn dazu, sie bei ihm aufzunehmen. Ihm fällt ihr Interesse an dem Kellerleichen-Fall im Internet auf, außerdem äußert sie Selbstmordgedanken. Er verständigt schließlich die Polizei.

   - 9. Juni 2011: Die Polizei identifiziert einen der Toten als den Lebensgefährten von Estibaliz C.

   - 10. Juni 2011: Italienische Polizisten verhaften die Beschuldigte in Udine. Sie wird in ein Krankenhaus eingeliefert, weil sie im zweiten Monat schwanger ist. Vater ist ihr neuer Lebensgefährte.

   - 24. Juni 2011: Die Verdächtige wird von den italienischen Behörden an die österreichische Justiz ausgeliefert. In Udine hat sie zuvor den italienischen Behörden die Taten im Prinzip gestanden, bei den Einvernahmen in Wien zeigt sie sich zunächst relativ verschwiegen.

   - 11. Jänner 2012: Estibaliz C. wird in einem Wiener Krankenhaus Mutter eines gesunden Buben. Unmittelbar nach der Geburt wird das Baby seinem Vater übergeben. Letztlich wird das Kind nach Barcelona zu den Eltern der Angeklagten gebracht.

   - 29. März 2012: Die Angeklagte heiratet den Kindesvater: In der Vernehmungszone der Justizanstalt Wien-Josefstadt geben Estibaliz C. und ihr Lebensgefährte, der 47-jährige Roland R., einander das Ja-Wort.

   - 4. Juli 2012: Details des psychiatrischen Gutachtens zu der Angeklagten werden bekannt. Darin beschreibt die Gutachterin die Frau als "Prinzessin", die "sich erhofft, von einem Mann 'gerettet' zu werden". Sie habe sich ihren jeweiligen Partnern völlig untergeordnet, sei dabei aber nicht glücklich geworden. Da Estibaliz C. nicht imstande sei, von ihr nicht mehr erwünschte Beziehungen zu beenden, "bleiben im Wesentlichen nur mehr deviante Auswege", hält die Gerichtspsychiaterin fest. Selbstmord komme für Estibaliz C. nicht infrage, weshalb der Ausweg in der "Elimination desjenigen Hindernisses" bestünde, "das einer neuen und erhoffterweise vorteilhafteren Beziehung im Weg steht".

   - 5. September 2012: Die Staatsanwaltschaft Wien erhebt Anklage gegen Estibaliz C. wegen Mordes an Holger H. und Manfred H. und beantragt die Einweisung der Angeklagten in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Der Prozessbeginn wird in weiterer Folge für den 19. November festgesetzt. Vier Tage später soll im Großen Schwurgerichtssaal des Landesgerichts das Urteil folgen.

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