In jungen Jahren erlebte Dele Alli einen schier kometenhaften Aufstieg vom Amateurkicker zum Tottenham-Profi und gefeierten Star. Gemeinsam mit Harry Kane zerschoss er ab 2015 förmlich die Premier League. In seiner ersten Saison für die Nordlondoner brachte es der Mittelfeldspieler auf stolze zehn Tore und zehn Assists. Im Jahr darauf setzte das Wunderkind aus Milton Keynes mit 22 Toren und 13 Assists ein Ausrufezeichen.
Englischer Teamspieler, Angebote von europäischen Spitzenklubs – Trainerlegende Sir Alex Ferguson riet Ex-Klub Manchester United, den Spieler unbedingt zu verpflichten. 2017 war Dele einer der begehrtesten Kicker des Planeten. Eine Bilderbuchkarriere schien vorgezeichnet. Von da an ging es stetig bergab.
Zuletzt verlief die Karriere des inzwischen 27-Jährigen im Sand. Bei Tottenham aussortiert, konnte er sich auch beim kriselnden FC Everton nicht durchsetzen, war bei Besiktas in der Türkei nur Reservist. Der allgemeine Tenor der Fußballwelt: ein arbeitsfauler Star verschwendet sein Talent. Ein offenes Interview räumt mit dieser Sichtweise nun mit einem Schlag auf.
Dele Alli öffnet sich in einem Gespräch United-Ikone Gerry Neville. Mit sechs Jahren sei er von einem Freund seiner alkoholabhängigen Mutter misshandelt worden. Dann nach Afrika zu seinem Vater geschickt worden, der ihm "Disziplin beibringen" sollte. Das Gegenteil war der Fall: "Mit sieben rauchte ich, mit acht dealte ich Drogen."
Erst mit zwölf Jahren nahm sein Leben eine Wendung zum Besseren. Eine liebevolle Familie adoptierte den kleinen Buben.
Die traumatischen Enthüllungen über seine Kindheit schockieren Fußball-England, erklären seine späteren Probleme als Profi. Der Missbrauch im Umfeld seiner leiblichen Eltern erklärt, warum er den Familiennamen Alli von seinen Trikots streichen ließ, nur mehr Dele genannt werden will.
Der Nachname ist leider nicht das einzige, was ihm von seiner Kindheit blieb. Dele entwickelte Suchtprobleme. Im Neville-Podcast "The Overlap" verrät er, dass er einen sechswöchigen Entzugsaufenthalt hinter sich habe. "In den Entzug zu gehen hat mir Angst gemacht. Ich konnte mir nie vorstellen, wie sehr es mir mental helfen wird. Mir ging es schlecht. Mir ist vieles als Kind widerfahren, was ich nicht verstanden habe.
Dele will anderen helfen, auf die Gefahren von Schlafmittel-Sucht aufmerksam machen. Diese sei im Fußball weit verbreitet. Pillen würden häufig an Spieler verschrieben werden. "Dieses Problem habe nicht nur ich. Das haben im Fußball mehr, als die Leute wahrhaben wollen. Eine Schlaftablette zu nehmen, um am nächsten Tag fit zu sein, ist okay. Wenn du aber so kaputt bist wie ich, kann es den gegenteiligen Effekt haben. Es arbeitet dann für die Probleme, denen du dich stellen solltest."
Dele steht bis 2024 bei Everton unter Vertrag. Noch ist unklar, ob er beim englischen Kultklub in der kommenden Saison eine Rolle spielen wird. Everton vermied den Abstieg in die Championship nur hauchdünn.