Entführer fesselte Mädchen mit Seilen und Ketten

Bild: AFP

Nach der Befreiung von drei Mädchen im US-Bundesstaat Ohio, die zehn Jahre lang im Haus eines Ex-Schulbusfahrers eingesperrt waren, werden immer mehr Details zum Entführer bekannt: So soll er nicht nur einmal im Visier der Polizei gestanden sein. Jetzt steht auch die Frage im Raum: Wie konnten die Nachbarn zehn Jahre lang nicht bemerken, dass da drei Mädchen eingesperrt sind.

Nach der Befreiung von drei Mädchen im US-Bundesstaat Ohio, die zehn Jahre lang im Haus eines Ex-Schulbusfahrers eingesperrt waren, werden immer mehr Details zum Entführer bekannt: So hat er die Mädchen angekettet. Er soll nicht nur einmal im Visier der Polizei gestanden sein. Jetzt steht auch die Frage im Raum: Wie konnten die Nachbarn zehn Jahre lang nicht bemerken, dass da drei Mädchen eingesperrt sind?

Immer noch herrscht Schock in dem Städtchen Cleveland, Ohio: Wie konnte man zehn Jahre übersehen, dass da drei Mädchen und ein kleines Kind im Haus eines "harmlosen" Bürgers eingesperrt sind?

Mädchen wurden angekettet

Nach der Befreiung von drei seit Jahren vermissten Frauen in Cleveland haben die Ermittler Ketten und Seile in dem Haus entdeckt, in dem sie wahrscheinlich jahrelang festgehalten worden waren. "Wir können bestätigen, dass sie gefesselt wurden", sagte Polizeichef Michael McGrath am Mittwoch dem Sender NBC.

Zweimal sind Polizisten in der Vergangenheit vor der Tür jenes 52-Jährigen gestanden, der drei junge Frauen in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio entführt hat. Das gaben die ermittelnden Behörden bei einer Pressekonferenz bekannt. Verdächtiges sei den Beamten dabei nicht aufgefallen. Einmal kam die Polizei im März 2000 wegen einer Schlägerei auf der Straße und einmal im Jänner 2004 - zu diesem Zeitpunkt waren die Frauen vermutlich schon in dem Haus gefangen - in Zusammenhang mit der Arbeit von Ariel Castro. Der ehemalige Schulbusfahrer hatte ein Kind im Bus zurückgelassen, was jedoch als Versehen eingestuft wurde. Laut Medienberichten soll Castro zudem 1993 wegen häuslicher Gewalt und ordnungswidrigen Verhaltens kurzzeitig festgenommen worden sein, es wurde allerdings keine Anklage erhoben.

Nackte im Garten und Schreie

Jetzt meldete sich eine Nachbarin zu Wort, die erzählt, dass sie einmal eine nackte Frauim Garten des ehemaligen Schulbuschauffeurs gesehen und daraufhin die Polizei verständigt habe. "Man hat mir nicht geglaubt", so die Frau. Bei der Polizei weiß man nichts von einem Anruf. Es lägen keine Tonbahndprotokolle vor, die einen solchen Hinweis belegen würden, hieß es. Ein weiterer Nachbar, Israel Lugo, erklärte zudem, er habe schon einmal, im November 2011, Schreie aus dem Haus gehört und die Polizei gerufen. Doch als den Polizisten niemand die Tür öffnete, zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab.

Verzweifelter Notruf

Aber was war geschehen? Am Montagnachmittag hörte eine Frau aus dem Nachbarhaus schreien. Er habe angenommen, es würde sich um einen Fall von häuslicher Gewalt handeln und trat gemeinsam mit einem weiteren Nachbarn die Tür ein. Daraufhin kletterte die Frau mit einem kleinen Mädchen im Arm durch ein Loch ins Freie. Ihr Peiniger war zu dem zeitpunkt kurz außer Haus.

Von einem Nachbarhaus aus wählte sie den Notruf (). "Ich bin Amanda Berry. Ich wurde entführt. Ich werde seit zehn Jahren vermisst. Ich bin frei. Ich bin jetzt hier", sagte sie am Telefon.



Am anderen Ende der Leitung des Notrufs fragte der Telefondienst nach der Kleidung des Entführers. "Ich hab keine Ahnung, er ist nicht hier, deswegen bin ich auch entkommen", rief Berry voller Verzweiflung und Ungeduld. Die Polizei rät ihr zu bleiben, wo sie ist. Es würde sich ein Wagen auf den Weg machen, sobald einer zur Verfügung steht, wurde versichert. "Ich brauche Sie jetzt, weil er zurückkommt!"



Wenige Minuten später stürmte die Polizei das Haus und befreite auch Gina DeJesus und Michele Knight. Alle drei seien "anscheinend bei guter Gesundheit", erklärte die Polizei.



Mit 16 Jahren verschwunden

Amanda Berry verschwand vor zehn Jahren. Sie war damals 16 Jahre alt und arbeitete in einem Fast-Food-Lokal in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. Ein Anruf, dass sie eine Mitfahrgelegenheit nach Hause gefunden hatte, war das Letzte, was ihre Familie von ihr hörte. Bis Montag.



Medien berichten, dass Ketten im Keller des Hauses gefunden wurden. Die Berichte sprechen zudem davon, dass die Frauen in den zehn Jahren mehrmals schwanger waren. Bis zu fünf Babys sollen in Gefangenschaft geboren worden sein, so die „Daily Mail“. Aufgrund  ihrer Unterernährung sei es allerdings zu Fehlgeburten gekommen. Andere US-Medien berichten von gezielten Prügelattacken der Entführer, die die Fehlgeburten verursachten. Eine offizielle Bestätigung der Berichte gibt es bisher nicht.



Nur Berry habe während ihrer Gefangenschaft ein Kind zur Welt gebracht. Für Berrys Mutter kommt die glückliche Nachricht zu spät. Louwanna Miller sei im März 2006 "an gebrochenem Herzen" gestorben, sagte eine Freundin der Familie CNN.



DeJesus verschwand ein Jahr später als Berry. Die damals 14-Jährige hatte sich auf den Heimweg von der Schule gemacht, kam aber nicht mehr zuhause an. Knight war nach Medienberichten 21 Jahre alt, als sie im August 2002 letztmals gesehen wurde.



Drei Brüder festgenommen

Wie die Behörden mitteilten, wurden drei Verdächtige festgenommen. Die Festgenommenen sollen Brüder im Alter von 50, 52 und 54 sein. Einer von ihnen lebte in dem Haus, das sich nicht einmal einen Kilometer von den Häusern der Familien von Amanda Berry und Gina DeJesus befindet.



Den Nachbarn war nie etwas Ungewöhnliches aufgefallen. "Ich hatte keine Ahnung, dass da noch jemand in dem Haus war", erzählte Ramsay, der etwa seit einem Jahr nebenan wohnt. "Ich habe mit dem Kerl gegrillt." Doch schnell sei ihm klar geworden, dass etwas nicht stimmen kann.



Auf der zweiten Seite finden Sie eine Liste prominenter Entführungsfälle mit Happy End. Bitte blättern Sie um! Entführten Mädchen und Frauen gelingt manchmal nach sehr langer Zeit die Flucht aus den Händen ihrer Peiniger. Oft werden die Entführten nach Monaten oder Jahren auch nur zufällig entdeckt. Auch Österreich war Schauplatz zweier solcher Fälle: 2006 im Fall Kampusch und 2008 im Fall Josef F..



2009: Nach 18 Jahren taucht eine 29 Jahre alte US-Amerikanerin in Kalifornien auf. Sie wurde 1991 im Alter von elf Jahren auf dem Weg zu einer Schulbushaltestelle entführt. Ein Ehepaar hielt Jaycee Lee Dugard gefangen und missbrauchte sie.



2008: In Österreich wird der Inzestfall von Amstetten bekannt. Josef F. hat seine Tochter 24 Jahre lang in ein Kellerverlies unter sein Wohnhaus gesperrt. Er missbraucht seine Tochter, sie bringt sieben Kinder auf die Welt, sechs überleben. Die Behörden werden aufmerksam, als F. die Tochter in ein Krankenhaus bringt.



2006: Die 18 Jahre alte Natascha Kampusch aus Wien taucht acht Jahre nach ihrem Verschwinden wieder auf. Das Mädchen war mit zehn Jahren auf dem Schulweg entführt und in einem Verlies gefangen gehalten worden. Nach Kampuschs Flucht nahm sich der Kidnapper das Leben.



2004: Fast sieben Jahre nach einem Hausbrand und dem angeblichen Flammentod ihrer Tochter sieht eine Frau aus Philadelphia (USA) auf einem Kindergeburtstag ein Mädchen, das ihr selbst ähnlich sieht. Ein DNA-Test beweist, dass es ihre Tochter ist. Die Brandstifterin hatte das Mädchen als ihr eigenes Kind ausgegeben.



2000: Nach mehr als neun Jahren kommt eine junge Japanerin frei. Ein psychisch gestörter Mann hatte sie als Neunjährige gekidnappt und im Haus seiner Eltern die meiste Zeit ans Bett gefesselt.



1997: US-Ärzte entdecken, dass eine junge Frau misshandelt wurde - so stoßen Ermittler unerwartet auf einen Fall von Kindesentführung. Die Frau war 1978 im Alter von vier Monaten aus einem Kinderheim im Bundesstaat Indiana entführt worden. Fast 20 Jahre lang missbrauchte ein Baptisten-Priester das Kind.



1996: Monatelang wird Sabine Dardenne im Keller des Hauses von Marc Dutroux gefangen gehalten, bis die Polizei ihr Martyrium beendet. Die damals Zwölfjährige war auf dem Weg zur Schule, als sie der belgische Kinderschänder vom Fahrrad riss.

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