Victoria Heuermann und ihr Bruder wuchsen mit ihrem Vater Rex Heuermann auf – jetzt, im Erwachsenenalter, erfahren die Geschwister: Ihr Vater ist ein Serienmörder. Die Familie des New Yorker Architekten, der mindestens drei der elf berüchtigten Gilgo-Beach-Morde begangen haben soll, hatte nie etwas von Rex Heuermanns mörderischen Aktivitäten bemerkt.
"Der Verdächtige tötete seine Opfer, wenn er nicht bei seiner Familie war. Wie mein Vater", sagt Melissa Moore auf Tiktok. Auf ihrem Kanal "Life after Crime", der über 287.000 Follower hat, teilt die 44-Jährige ihre Erfahrungen als Tochter eines Serienmörders.
Moore war 16, als ihr Vater Keith Hunter Jesperson 1995 verhaftet wurde. Der kanadische Lastwagenchauffeur soll laut eigenen Angaben 166 Menschen – mehrheitlich Frauen – getötet haben. Verurteilt wurde er schließlich wegen acht Morden an Frauen. Die Medien nannten ihn "Happy Face Killer", weil er seine Geständnisbriefe an die Polizei mit Smileys unterzeichnete.
Auf Tiktok beschreibt Melissa Moore, wie es war, mit einem Serienkiller aufzuwachsen. "Mein Vater benutzte seine Familie, um seinen Wahnsinn zu kaschieren. Er köderte seine Opfer, indem er ihnen darüber erzählte, dass er ein Familienvater sei oder einmal, wie er gerade an meiner Geburtstagsparty dabei gewesen war. Damit gewann er das Vertrauen der Opfer." Heute seien die Menschen sehr überrascht, dass ein Serienmörder «unter uns wohnen kann», meint Moore. Aber sie weiß: "Nicht einmal seine Familie bemerkt das."
Der BBC erzählte Moore vor einigen Jahren vom letzten Treffen mit ihrem "bösen Vater". Eines Morgens habe Jesperson plötzlich gesagt: "Weißt du, ich muss dir etwas sagen, und es ist wirklich wichtig." Moore bemerkte, wie ihr Vater innerlich mit sich selbst kämpfte. "Ich kann es dir nicht sagen, mein Schatz. Wenn ich es dir sage, wirst du es der Polizei erzählen. Ich bin nicht der, für den du mich hältst, Melissa." Die Jugendliche wollte in dem Moment aber nicht hören, was ihr Vater zu sagen hatte, und rannte weg.
Ihren Vater beschreibt sie heute als "merkwürdig und asozial". Sie erinnert sich an eine sehr traurige Episode mit Kätzchen, die sie in der Nachbarschaft gefunden hatte. Moore war fünf Jahre alt. "Als mein Vater die Kätzchen sah, hängte er sie an die Wäscheleine und begann sie zu quälen. Ich weiß noch, wie sehr er sich daran erfreute, als ich schrie und ihn anflehte, aufzuhören. Später fand ich die Tierleichen im Garten."
Während des Gerichtsprozesses im Sommer 1995 schlich sich Moore in die Bibliothek, um Medienberichte über ihren Vater zu lesen, denn ihre Mutter wollte zu Hause gar nicht darüber reden. Melissa Moore bekam mit jedem weiteren Bericht das Gefühl, als gäbe es einen anderen Keith Jesperson. "Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater liebevoll und freundlich sein konnte. Er schien manchmal ein guter Vater zu sein."
Als junge Frau hatte Moore zeitweise das Gefühl, für die Verbrechen ihres Vaters etwas wiedergutmachen zu müssen. "Ich fühlte mich schmutzig, ich fühlte mich allein. Ich dachte immer, dass ich nicht in dieser Welt leben und ein Teil von ihr sein könnte." In gewissen Momenten ihres Lebens hätte sie sich einen Ratgeber mit dem Titel "Was tun, wenn dein Vater ein Serienmörder ist?" gewünscht. "Es gibt aber niemanden, der einem sagt, wie das geht."
Auch ihre Gedanken spielten verrückt: "Ich wusste, dass ich nicht fähig war, jemanden zu töten, ich wusste, dass ich kein Soziopath war. Und doch, hatte ich nicht die DNA meines Vaters? Wie wird man zu einem Serienmörder? Könnte das Böse etwas sein, das ich in mir trug, und könnte ich es sogar an meine Kinder weitergeben?", fragte sich Moore.
Diesen Teil ihres Lebens hielt sie von da an geheim. Doch 2008 überraschte sie die Frage ihrer kleinen Tochter. "Mama, jeder Mensch auf der Welt hat eine Mama und einen Papa. Wo ist dein Papa?" Moore wusste nicht, was sie sagen sollte. Dann meinte sie nur: "Oh, er lebt in Salem." Das ist wahr: Keith Jesperson sitzt dort im Gefängnis und verbüßt mehrere lebenslange Haftstrafen.
Irgendwann habe Moore den Schmerz, "mit diesem Geheimnis zu leben", nicht mehr ausgehalten. 2009 schrieb sie ihre Memoiren "Shattered Silence". Groß war ihre Überraschung, als sie wenig später Hunderte von E-Mails von Familienmitgliedern anderer Serienmörder erhielt, die ihr dafür dankten, offen über ihre Geschichte zu sprechen. Melissa Moore gründete daraufhin ein Netzwerk, das anderen in ihrer Situation hilft. "Das hat meinem Leben einen Sinn und eine Richtung gegeben."
"Jeder muss seinen Weg der Genesung finden. Aber es gibt einige Emotionen, die wir alle spüren. Wir alle durchleben eine Phase der Verleugnung, wir schwanken zwischen Schock und Trauer. Dann kommt die Wut." Ihr Vater wird nie die Todesstrafe für seine Verbrechen bekommen. "Aber das sollte er", sagt Moore.