Mit bloßen Händen

Retter suchen verzweifelt nach Erdbeben-Überlebenden

Nach dem schweren Erdbeben in Pereira suchen Bewohner und Helfer weiter nach Vermissten. Viele Familien stehen vor dem Nichts.
Newsdesk Heute
12.08.2026, 14:03
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Mit bloßen Händen gräbt Jorge González in einem riesigen Trümmerhaufen, der früher einmal ein vierstöckiges Wohnhaus in Pereira, einer Stadt im Westen Kolumbiens, war. Der 35-Jährige sucht seit Stunden unermüdlich nach seiner Tante, die für ihn wie eine Mutter war. Viel Hoffnung, sie noch lebend zu finden, hat er nicht, wie er der Nachrichtenagentur AFP sagt. Aber er will den Ort nicht verlassen, bevor er nicht zumindest ihre Leiche gefunden hat.

Durch die Mauerreste kann er ins Badezimmer der Wohnung schauen, in der die 87-jährige Nubia Bonilla gelebt hat. Am Boden sieht man Blut. "Sie war alles, was ich hatte, und nun ist sie nicht mehr da – jetzt bin ich ganz allein", sagt González mit Tränen in den Augen.

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Mehr als 200 Opfer gefunden

Er ist einer von hunderten Freiwilligen, die gemeinsam mit den Einsatzkräften nach dem schweren Erdbeben im Westen Kolumbiens nach Überlebenden suchen. Das Beben am Montag hat viele Gebäude zerstört. Bis jetzt wurden mehr als 200 Tote gefunden.

Die Straßen von Pereira sind übersät mit Scherben und Ziegeln. Seit dem Beben am Montag in der Früh haben die meisten keinen Strom mehr – Internet und Handy funktionieren nur manchmal. In den Geschäften werden Wasser und Lebensmittel langsam knapp.

"Es ist eine 'Zombie-Stadt'", sagt der 30-jährige Juan David Gaitan AFP über Pereira. Die Stadt liegt westlich von Bogotà, ist die Hauptstadt vom Departamento Risaralda und das Zentrum der kolumbianischen Kaffeeanbauregion.

Jesus Piñeros ist durch das Beben schon zum zweiten Mal obdachlos geworden. Vor drei Jahren ist er wegen der Krise im Nachbarland Venezuela nach Kolumbien geflüchtet. Jetzt hat das Erdbeben das Haus zerstört, in dem er mit seinen Geschwistern und Neffen gewohnt hat.

"Fangen von vorne an"

"Als Migrant, der in seiner Heimat Schweres durchgemacht hat, rechnet man nicht damit, dass man so etwas nochmal erleben wird", sagt der 28-jährige Bauarbeiter. Die Familie konnte bei einem Verwandten unterkommen, dessen Haus noch steht. "Wir fangen nochmal ganz von vorne an, wir müssen wieder auf die Beine kommen, wie alle anderen hier auch", sagt Piñeros.

Pereira ist eine der am stärksten betroffenen Städte. Hunderte Häuser und Wohnungen sind eingestürzt oder haben große Risse. Autos wurden von einstürzenden Mauern zerdrückt, Stromkabel hängen wie Lianen von den Masten.

Kinder schlafen auf Matratzen am Gehsteig. Manche haben versucht, die Nacht im Haus zu verbringen. Doch als sie Knackgeräusche am Dach gehört haben, haben sie Angst bekommen.

"Haben alles verloren"

"Wir haben nichts mehr, wir haben alles verloren", sagt Stella Galvis, die als Buchhalterin arbeitet, unter Tränen. "Wir haben nur durch ein Wunder überlebt." Sie erinnert sich an die Panik und den Staub, als sie mit ihrem Mann und ihrem Kind aus dem Haus gerannt ist – nur wenige Sekunden, bevor es eingestürzt ist.

Die 46-jährige Straßenhändlerin Maribel Verano sucht verzweifelt nach ihrer 72-jährigen Mutter und ihrer Schwester, die im Rollstuhl sitzt. Beide haben in einem kleinen Hotel in einem Gewerbegebiet von Pereira gewohnt, das jetzt in Trümmern liegt. "Ich hoffe, sie gesund wiederzufinden", sagt Verano AFP.

Sie erinnert sich an zwei große Katastrophen, die sie schon erlebt hat: Das schwere Erdbeben von 1999 in der gleichen Region, bei dem fast 1.200 Menschen gestorben sind. Und den Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz, den sie 1985 als Kind miterlebt hat. Damals wurde ein ganzes Dorf ausgelöscht, 25.000 Menschen sind gestorben.

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