Szene

Eric Clapton erteilte Wien eine Lektion im Bluesrock

Der legendäre Gitarrist ließ am Donnerstag in der Stadthalle den Bluesrock hochleben. Und zwar ohne Wenn und Aber.

Heute Redaktion
Teilen
Picture

Das Bezeichnung "Gitarren-Gott" wird heutzutage oft vorschnell an jeden Saitenhexer vergeben, der das Griffbrett einigermaßen flink und ordentlich bedienen kann. Einer, der sich die Bezeichnung tatsächlich verdient und mit fast 50 Jahren Berufserfahrung mehr als nur redlich erarbeitet hat, ist Eric Clapton.

Als Solomusiker und als Mitglied der Yardbirds, Cream und anderen Bands prägte sein Spiel in den 1970ern und 80ern Generationen von ambitionierten Nachwuchsgitarristen, die sich wie ihr großes Vorbild eine Fender Stratocaster umhängten und im Kinderzimmer die ersten Blueslicks übten. Nicht umsonst wählte ihn das "Rolling Stone"-Magazin hinter Jimi Hendrix auf Platz 2 der größten Gitarristen aller Zeiten.

Fokus auf dem Spiel des Meisters

Am Donnerstag stand und saß er nun für etwas weniger als zwei Stunden auf der Bühne der Wiener Stadthalle. Dort, wo andere Künstler zusätzlich zur Musik oft alles niederbrennen oder mit bunten Visuals für Augenkrebs sorgen, genügten dem Briten zwei große Leinwände, auf denen mindestens die Hälfte der Konzertdauer eine Großaufnahme der 22 Bünde des Griffbretts seiner grauen Signature-Strat zu sehen war. So konnte man selbst im hintersten Eck der ziemlich ausverkauften Stadthalle dem Meister detailliert und in Echtzeit auf die Finger schauen.

Trotz seiner schon 74 Jahre wirkt Clapton, der lieber seine Musik als sich selber sprechen ließ, noch topfit. Kontakt zum Publikum gab es kaum, auch sein Bewegungsradius hielt sich schwer in Grenzen, dafür legten die virtuosen Finger ihre Kilometer auf dem hellen Ahornhals der Hartzinn-grau lackierten Kult-Gitarre zurück.

Elektrisch-Akustisch-Elektrisch

Punkt 20:30 Uhr griffen sich Clapton und seine Mitmusiker ihre Instrument und starteten mit der flotten Blues-Nummer "Pretending" in den in drei Blöcke aufgeteilten Abend. Zwei Blöcke, in denen "Slowhand" die elektrische Gitarre erklingen ließ, wurden von einem ruhigen Akustik-Set unterbrochen.

Mit dem Wailers-Cover "I Shot the Sheriff" brachte man das Publikum erstmals auf absolutes Begeisterungs-Level. Die Nummer aus der Feder von Reggae-Ikone Bob Marley wurde dank dem Cover Claptons zum Welthit.

Heimliches Highlight

Im danach folgenden Akustik-Block kamen all jene auf ihre Kosten, für die Claptons "MTV Unplugged"-Auftritt aus dem Jahr 1992 eine musikalische Offenbarung ist. Also das gesamte Publikum. Natürlich wurden dabei die zwei Welthits "Tears in Heaven" und "Layla" (in einer genial abgedämpften Version) gespielt, heimliches Highlight war allerdings am Donnerstagabend "Running On Faith". Das Spiel Claptons kam auf der Signature-Westerngitarre Martin 000-28EC fast noch eindrucksvoller zur Geltung als auf der elektrischen Stratocaster.

Absolut hochkarätige Mitmusiker

Ganz und gar nicht unerwähnt bleiben sollten die sieben Profimusiker, die Clapton bei seinem Bluesrock hochwertig unter die Arme greifen. Schlagzeuger Sonny Emory und Nathan East am Bass sorgten für einen absolut tighten Rhythmus, über dem sich die anderen fast bei jeder Nummer in Soli verlieren konnte.

Clapton ließ Keyboarder Chris Stainton, Organist Paul Carrack und dem Gitarristen Doyle Bramhall II (der wie Jimi Hendrix Linkshänder ist, und die Saiten wie er ebenfalls verkehrt aufgezogen hat) viel Raum, damit die den Songs ihre jeweils eigene Note verpassen können. Stimmlich wurden sie dabei von den beiden großartigen Background-Sängerinnen Sharon White und Katie Kissoon unterstützt. Jeder der sieben ist schon mit den ganz, ganz großen auf der Bühne gestanden.

Letztes Mal live?

Im abschließenden Block wurde wieder mehr gerockt. Doch auch hier ist neben dem "Cross Road Blues" und "Cocaine" vor allem die ruhige Gänsehaut-Ballade "Holy Mother" hervorzuheben. Der Song, bei dem Clapton seine graue Strat gegen eine mitternachtsblaue oder schwarze (sorry, war trotz Großaufnahme nicht ganz festzumachen) eintauschte, versprühte mehr Gefühl als "Tears in Heaven". Echt.

Als einzige Zugabe gab es nach rund 100 Minuten noch "Before You Accuse Me" zu hören. Da war das eigentlich als All-Seater gedachte Konzert schon zur Stehplatzshow umfunktioniert. Clapton ließ trotz der doch recht kurzen Spielzeit (fast) keine Wünsche offen. Kaum ein Fan dürfte nach dem Abend, an dem eigentlich alles, auch der Sound in der Stadthalle, gepasst hat, enttäuscht nach Hause gegangen sein. Trotzdem bleibt dennoch die traurige Befürchtung, dass man Eric Clapton möglicherweise zum letzten Mal live bewundern durfte.

Eric Clapton Wien, 6. Juni 2019

Pretending

Key to the Highway (Charles Segar cover)

I'm Your Hoochie Coochie Man (Willie Dixon cover)

I Shot the Sheriff (The Wailers cover)

Driftin' Blues (Johnny Moore's Three Blazers cover)

Nobody Knows You When You're Down and Out (Jimmy Cox cover)

Tears in Heaven

Layla (Derek and the Dominos song)

Running on Faith

Tearing Us Apart

Holy Mother

Cross Road Blues (Robert Johnson cover)

Little Queen of Spades (Robert Johnson cover)

Cocaine (J.J. Cale cover)

Before You Accuse Me