"Ich musste den gelben Stern tragen"

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März 1938. Erika Kosnar muss in Wien-Simmering mitansehen, wie ein Mob jüdische Nachbarn zwingt, die Straße zu reinigen. Wenige Tage später wird sie selbst zur Zielscheibe – im Alter von sechs Jahren. Ein Gespräch mit Isabella Martens
Erika Kosnar wird als Tochter eines jüdischen Ehepaars 1932 in Wien geboren. Ihre Mutter war konvertiert, konnte den Übertritt aber später vor den Nazis geheim halten. Nur Erika und ihr Vater galten als Juden.

Kosnar ging in Simmering zur Schule – bis eines Morgens die Klassentüre aufgerissen wurde und Lehrerin Marion Binder, eine „überzeugte Nazisse" – wie Kosnar die Hitler-Verehrerin beschreibt – hereinschritt: „Wir Kinder mussten aufstehen und rufen: ,Wir grüßen unseren Führer, Heil Hitler'". Nur Sekunden später, als sich die Kinder setzten, schrie Binder: „Nemschitz! (Kosnars Mädchenname, Anm.). ,Nimm deine Schulsachen und verschwinde. Du bist nicht würdig, mit arischen Kindern in die Schule zu gehen.'"

Mit neun muss sich Kosnar den gelben Stern abholen

Für Kosnar, die leidenschaftlich gern' zur Schule geht, bricht eine Welt zusammen: Fortan wird sie am Spielplatz von Freundinnen beschimpft, mit Steinen beworfen. „Sie schrien: 'Jud, Jud spuck in Hut, sag der Mutter, das ist gut". Und: Während andere Kinder in ihrem Alter das Alphabet lernen, lernt Kosnar die Menschen kennen: „Ich begriff damals eines: Wenn deinem Nachbarn erlaubt wird, er darf dir alles wegnehmen und dich umbringen – wenn er weiß, dass er dafür nicht gestraft wird, dann macht er das auch".

1941, mit neun Jahren, muss sich Kosnar in der Taborstraße den gelben Stern abholen: „Die Mama ist mit mir hingefahren, den Stern befestigten die Nazis an meinem Mantel."

Während die beiden auf der Schwedenbrücke auf den O-Wagen warten, versinkt Erika in tieftraurige Gedanken: „Ich habe beim Gitter in den Donaukanal runtergeschaut und gesagt: ,Mutti, wenn ich da reinspringen würde, hättest du keine Probleme mehr!'" Die Mutter drückte ihr Kind fest an sich, weinte. „Was ich ihr damit angetan habe, das habe ich erst begriffen, als ich später selber Mutter war."

Juden mussten knien und die Straßen schrubben

Fortan beginnt ein Kampf ums Überleben: Nachbarn zeigen die Familie an, meldeten bei den Nazis,"dass auf der 3er-Stiege ein Jud" wohnt. Die NS-Behörde übt massiven Druck auf Kosnars Mutter aus, fordert, dass sie sich von ihrem jüdischen Mann trennt – sie weigert sich. Jeden Behördenweg, jede Streitigkeit musste die Mutter klären. Die anderen Familienmitglieder wurden ja als "minderwertig" angesehen.

Die Familie hielt sieben Jahre durch, ehe sie die Allierten im Jahr 1945 erlöste.

Noch heute lebt Kosnar in Simmering, nahe des Wohnhauses, in dem sie aufwuchs. Jeden 13. März meidet sie den Blick aus dem Fenster, zu bitter die Erinnerungen: „Ich seh' automatisch die Bilder von damals. Juden haben sich da unten auf der Straße hinknien und schrubben müssen. Die Bevölkerung stand rundherum und spuckte auf sie hinunter." Ihren gelben Stern hat Erika Kosnar heute noch: Ihn zeigt die Zeitzeugin bei ihren Besuchen an Wiener Schulen her. Kosnars Rat an die Jugendlichen, den sie einst selbst von ihrem Vater bekommen hat: „Wenn du im Leben auf alles vergisst, vergiss nie, dass du ein Mensch bist."

Das Interview ist Teil einer Zeitzeugen-Serie. Alle Zeitzeugen-Gespräche finden Sie auf www.heute.at/zeitzeugen

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