Ex-Angestellter von Tönnies hörte Kollegen weinen

Bei Tönnies, einem der größten Fleischereibetriebe Deutschlands, sollen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen herrschen, erzählt ein Ex-Angestellter.

Leistungsdruck durch Vorgesetzte, unbezahlte Überstunden, Krankmeldeverbot – die Arbeitsbedingungen in der deutschen Fleischerei Tönnies sind unter aller Würde, wie ein ehemaliger Angestellter des Schweinefleischproduzenten erzählt. "Ich hörte meine Kollegen nachts weinen in der Unterkunft, da sie so schlimme Schmerzen vom Arbeiten hatten. Ihre Hände waren ganz geschwollen."

Der Rumäne war zwei Jahre lang als Werkarbeiter bei Tönnies angestellt, wo das Coronavirus in extremem Masse ausgebrochen ist. Bislang haben sich über 1.500 Angestellte in der Fleischfabrik Rheda-Wiedenbrück infiziert. Die Arbeitstage bei Tönnies waren oft bis zu zwölf oder dreizehn Stunden lang. "Auf dem Gehaltszettel war aber nichts davon zu sehen", erzählt der Mann gegenüber der "Deutschen Welle".

Geschäftsleitung wusste, wann Kontrolleure kommen

In der Fabrik seien die Fließbänder sehr schnell gelaufen. Bei Kontrollen habe man diese aber verlangsamt, da die Geschäftsleitung meist im Voraus gewusst habe, wann es eine Kontrolle gab. "Wieso macht man das nicht unangekündigt? Nur dann könnten Kontrolleure sehen, wie die Lage wirklich ist", fügt er an. Man habe den Angestellten nahegelegt, bei den Kontrollen den Mund zu halten. "Sagt einfach, ihr sprecht kein Deutsch, hat man uns gesagt – auch wenn einige von uns die Sprache beherrscht haben."

Auch Krankmeldungen wurden nicht toleriert, so habe man kranke Angestellte angebrüllt. "Die Vorarbeiter brüllten uns an, dass wir ihnen bloß nicht mit Krankmeldungen kommen sollten!" Als er selbst einmal stark erkältet war, was aufgrund der feuchten und kalten Bedingungen in der Fleischfabrik schnell passiere, wurde er von seinem Vorgesetzten angeschrien. "Da reichte es mir endgültig, so dass ich aufgehört habe", erzählt der Rumäne.

14 Personen in einer Wohnung

Während seiner Zeit bei Tönnies wohnte er mit anderen Angestellten in einer Unterkunft. Die Miete betrug 200 Euro pro Person. "Einige Unterkünfte, in denen ich gewohnt habe, waren sehr sauber, aber es gab auch Ausnahmen." Es sei immer sehr eng gewesen, manchmal hätten zehn, zwölf oder zeitweise sogar 14 Leute in einer einzigen Wohnung gewohnt. Die Gebäude, in denen die Angestellten wohnen, gehören Subunternehmen.

"Ein rumänischer Subunternehmer hat zum Beispiel ein ganzes Gebäude mit der Hilfe eines Kredits von der Bank gekauft und dann die Wohnungen an Arbeiter vermietet. Aber es ist einfach nicht fair, so viele Menschen in eine einzige Wohnung zu stecken!"

Subunternehmen unterliegen nicht direkt den deutschen Gesetzen

Diese Subunternehmen stellt er an den Pranger: "Ein Freund von mir ist direkt bei einem deutschen Betrieb angestellt und hat keine Probleme. Er hat keine Angst, wenn er zur Arbeit geht. Keiner brüllt ihn an, keiner beschimpft ihn." Er hofft, dass in Deutschland der Gesetzesentwurf zum Verbot von Werkverträgen vom Parlament gutgeheißen wird.

Kontakt hat er noch zu zwei Tönnies-Angestellten, welche sich zurzeit in Quarantäne befinden. "Sie sagen, man habe ihnen genug Essen und Wasser gebracht. Aber sie sind sehr verunsichert, sie wissen nicht, wie alles weitergeht."

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