Martin (36) packt aus: "War ein stylisher Obdachloser"

Im Zuge der "Supertramps"- Touren führen Wohnungslose und Ex-Obdachlose durch "ihr" Wien. Den Anfang machte Martin (36) mit sehr offenen und persönlichen Einblicken.

"Ich bin schon nervös, vor fremden Leuten die Hosen runter zu lassen und aus dem eigenen Leben zu erzählen, ist nicht einfach", schmunzelt Martin K. (36) vor Beginn seiner Tour. Er ist der erste von insgesamt sechs Guides, die als Obdach- oder Wohnungslose in Wien leben oder früher gelebt haben. Bei der Premiere führte er am Dienstag als "Peter Punk im Wiener Nimmerland" Journalisten durch "seine Wien-Ecken" und gewährte mit viel Mut und Humor Einblicke in sein Leben.

Martin stammt ursprünglich aus einem kleinen Dorf im Bezirk Neusiedl (Burgenland). Seine Eltern führten eine lieblose Ehe, der Vater war oft abwesend, die Mutter griff zum Alkohol und war gewalttätig. Als sich die Eltern schließlich trennten, schoben sie ihren Sohn hin und her. Beide waren mit Martin überfordert. Als 16-Jähriger landete er schließlich in einem Heim.

Als jugendlicher Junkie vom Heim nach Spanien

"Das ländliche Leben war eintönig, der Ablauf immer derselbe", erinnert sich Martin. Schnell suchte auch er Abwechslung in Alkohol und Drogen. Im Heim in Neunkirchen (NÖ) wurde der Minderjährige scharf kontrolliert, durch die Isolation verlor er seinen Freundeskreis. "Ich hatte damals nur zwei Leute, mit denen ich reden konnte", so Martin. Einen traf er, als er als 17-Jähriger bei einem Supermarkt in Wiener Neustadt arbeitete, der andere war ein Hippie.

"Zu der Zeit hatte meine Sozialarbeiterin das Sorgerecht für mich. Das fand ich natürlich nicht leiwand", so Martin. Als der "Hippie" dann vorschlug, nach Spanien zu gehen, stimmte Martin gleich zu. "Ab dann gab es für ein Jahr Sommer, Sonne und Sangria statt Ottakringer und Donaukanal", schmunzelt er. Mit Jonglieren und Gitarre spielen finanzierten sich die beiden ihren Alltag.

Obdachlosen-Szene als "neue Familie"

"Als wir dann zurück nach Österreich kamen, wusste ich nicht, wohin. Weder mein Elternhaus, noch das Heim waren eine Option", erzählt er. Stattdessen schloss er sich der Obdachlosenszene in Neunkirchen und Wiener Neustadt an. Als 20-Jähriger kam er dann nach Wien, hing dort gerne mit Punks ab. "Am Anfang hab ich das genossen. Sie haben mir gezeigt, wo man billig was zu Trinken bekommt und wo man schlafen kann", so Martin. Der Tagesablauf war jeden Tag der Gleiche: Trinken, irgendwo umfallen, einschlafen.

Auf sein Aussehen habe er aber immer geachtet: "Für einen 20-Jährigen ist das schon wichtig. Ich war ein sehr stylisher Obdachloser", schmunzelt er. Als "Badezimmer" benutzten er und seine Freunde die Toiletten von Fastfood-Restaurants. "Ich habe da öfter jemanden gesehen, der sich dort rasiert hat. Damals ging das noch".

Sehr persönliche Tour zu früheren "Wohnzimmern"

Rund fünf Jahre lang lebte Martin als Obdachloser auf der Straße, erst als er seine Freundin kennenlernte, fand er einen Weg heraus. Die Drogen begleiten ihn aber bis heute. Nach leichten Einstiegsdrogen kamen stärkere wie Heroin dazu. "Ich habe vor fünf Jahren einen Entzug gemacht, bin aber rückfällig geworden". Heroin nimmt er nun keines mehr, stattdessen macht er eine Ersatztherapie mit Substitol.

Auf seiner Tour, die insgesamt fünf Stationen – den Resselpark, die Suchthilfe-Station in der U-Bahnstation Karlsplatz, den Alfred- Grünwald-Park, die Capistranstiege und den Esterhazypark beim Haus des Meeres – beinhalten, erzählt Martin offen aus seinem Leben und zeigt seine persönlichen Wien-Plätze. "Beim Resselpark haben wir lange Drogen konsumiert, bis der Platz 2008 wegen der Fußball-EM und 2010 durch eine Schwerpunktaktion der Polizei geräumt wurde". In der Suchthilfestation habe er Spritzen getauscht, "gerne war ich nicht hier, dafür aber oft", erzählt er.

Der Alfred-Grünwald-Park sei ein bisschen sein "Wohnzimmer" gewesen. "Der Park ist von außen uneinsichtig und es sind nie Leute hier. Das heißt, es sieht niemand was du machst". Bei der Capistranstiege erzählt er seinen Zuhörern von seiner ersten Hausbesetzung in der Pizzeria Anarchia, im Esterhazypark, wie sein Tagesablauf als Obdachloser war.

Verein Supertramps macht aus Betroffenen Experten

Pro Tour bekommen die Guides wie Martin 25 Euro, das Trinkgeld, das sie von Teilnehmern bekommen, dürfen sie behalten. Organisiert werden die speziellen Wien-Führungen durch den Verein "Supertramps". "Wir sehen die Touren als Kommunikationsplattform auf Augenhöhe. Dabei können sie aus ihrer eigenen Erfahrung erzählen. Die Guides werden so von Betroffenen zu Experten. Daneben geht es aber auch darum, die Öffentlichkeit für die Themen Obdachlosigkeit zu sensibilisieren", erzählt Natasha Stojanovic von "Supertramps".

Die Touren sind so vielfältig wie die Guides, denn jeder erzählt seine eigene Geschichte. Im Durchschnitt dauern diese zwischen eineinhalb und zwei Stunden. Das Standardticket kostet 15 Euro, ermäßigte Karten gibt es ab acht Euro. Für Gruppen wie Schulen sind Sondertarife möglich. Künftig sollen die Führungen zweimal pro Woche stattfinden, die Termine findest Du hier.

Als Schutzherr der Touren hat sich der Mariahilfer Bezirkschef Markus Rumelhart (SPÖ) zur Verfügung gestellt. "Mariahilf ist ein sehr sozialer Bezirk, wir haben viele soziale Einrichtungen. Bei den Führungen erzählen die Betroffenen selbst, was es heißt, auf der Straße zu leben und zeigen damit, wie wichtig es ist, dass wir die entsprechenden Hilfsangebote haben", so der Bezirksvorsteher.

Ein wichtiger Aspekt sei aber auch, Errungenschaften wie beispielsweise Frauenhäuser, die erst erkämpft werden mussten, wieder in Erinnerung zu rufen und aufzuzeigen, wie notwendig diese sind.

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