Ex-Skistar: "Teamkollege hat mich vergewaltigt"

Nicola Werdenigg-Spieß beim Business Athlet Award 2006. Archivbild.
Nicola Werdenigg-Spieß beim Business Athlet Award 2006. Archivbild.Bild: GEPA-pictures.com
"Es hat Übergriffe gegeben. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen": Abfahrtsmeisterin Nicola Werdenigg schreckt mit ihrem Erlebnisbericht auf.
Im April 1975 kürte sich Nicola Spieß (heute Werdenigg) im zarten Alter von 16 Jahren mit ihrem Rennsieg in Altenmarkt-Zauchensee zur österreichischen Meisterin im Abfahrtslauf. Zuschauer, Medien und sie selbst waren von ihrer großartigen Leistung überrascht – doch was sich damals hinter den Kulissen des Skizirkus abspielte, das ahnten und wussten nur wenige.

Die heute 59-Jährige (verwitwet, drei Kinder) schilderte jetzt in einem berührenden Interview mit dem "Standard" ihre Erlebnisse: "Es hat Übergriffe gegeben. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen."

Noch vor ihrer erfolgreichen Saison hätte sie sich als Mädchen mit einem Skifabrikanten getroffen. "Ein unappetitlicher alter Mann", wie sich Werdenigg erinnert. Er habe sie umgarnt, auf sein Knie gesetzt und unsittlich berührt, während er versuchte sie für sein Team zu gewinnen. "Ich stand auf und ging".

"Wer nicht mitspielen wollte, brachte Startplatz in Gefahr"

Die Ausgangslage sei damals eine andere gewesen, schildert die Ex-Skirennläuferin. Skifirmen hätten maßgeblichen Einfluss auf den Sport und Verbandspolitik gehabt. Der Sport sei in den 1970ern viel stärker monetarisiert worden. "Damit fing auch der Machtmissbrauch an", so Werdenigg. "Wer nicht mitspielen wollte, brachte seinen Startplatz in Gefahr. Und es hat Übergriffe gegeben, sexualisierte Gewalt. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen, von Serviceleuten. Ich war ein Teenager, der unter Erwachsenen Dinge gesehen hat, die sonderbar waren."

CommentCreated with Sketch.54 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Sie berichtet von einer anderen jungen Ski-Rennläuferin, die durch die Machenschaften und den offenen Sexismus aus dem Sport geekelt wurde. Ein Kollege hätte sie bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr mit einer versteckten Kamera gefilmt und dann das Video im Anschluss der gesamten Mannschaft vorgespielt. "Das ging damals als Scherz durch. Ihm ist gar nichts passiert, sie hat sich zu Tode geschämt und den Sport geschmissen. Die Frau war ruiniert", erzählt Werdenigg. "Es war grausam, aber so war das damals eben."

Von Teammitglied vergewaltigt

Solcherlei Übergriffe seien ein offenes Geheimnis gewesen. Jeder hätte darüber geredet, doch dagegen unternommen wurde nichts – das sei eben "Normalität" im österreichischen Skisport gewesen. Generell sei der Umgang untereinander "irrsinnig freizügig" gewesen. Im Verband hätte jeder mit jedem irgendwann eine Affäre gehabt.

"Als ich 16 Jahre alt war, haben mich zwei Männer unter Alkohol gesetzt, einer der beiden hat mich vergewaltigt" – Sie habe lange nicht darüber gesprochen und sich geschämt, denn auch das sei ein Mannschaftskollege gewesen.

Dazu kam die Bulimie, die im Damenteam "Trend" war. "Zehn Jahre lang habe ich durch wildes Nachfüllen und Ausleeren meinen jugendlichen Körper geschunden."

Internatsleitung inszenierte Übergriffe

Die Lust am Skifahren wurde Nicola Werdenigg (die sich heute in der "Liste Pilz) engagiert) quasi in die Wiege gelegt, ihre Eltern hatten beide schon Erfolge im Skizirkus vorzuweisen. Selbst im Sommer kurvte die spätere Staatsmeisterin über tauenden Gletscherschnee nahe ihrer Tiroler Heimatgemeinde Mayrhofen.

Im Alter von zwölf Jahren meldete sie sich selbst in einem Skiinternat an – einer Institution die ihren Schützlingen nicht nur das Leben zur Hölle machte. "Dort wurde versucht, Menschen zu brechen, nicht nur bei erzwungenem Essen, auch in der Sexualität", so Werdenigg in dem Interview. Der Heimleiter hätte Buben zu einer Vergewaltigung angestiftet, der sie nur durch einen Fußtritt in die Genitalien entkommen sei. "Die Tatsache, dass der Mann, der diese Aktion aus Frauenverachtung inszenierte, dabei Befriedigung vor meiner Zimmertür erlebte, war der erste große Schock in meinem Leben." Einige ihrer Schulkolleginnen von damals, wollen bis heute nicht über ihre Qualen in dem Internat spechen.

"Frauenbild im Sport hat sich nicht groß verändert"

Erst nach ihrem Wechsel an das Skigymnasium Stams hätte sich ihre Lebensumstände endlich verbessert. Als Jugendliche konnte sie sich endlich sozial entfalten. Während ihrer Zeit dort habe es keine verdächtigen Vorfalle gegeben und sie sei immer kollegial behandelt worden, hätte sich sogar in einen Gleichaltrigen verliebt.

"Das Frauenbild im Sport hat sich bis heute nicht groß verändert", ist sich der ehemalige Ski-Star sicher. Immer noch würden Frauen auf ihr Aussehen reduziert und weniger fesche Läuferinnen mit herabwürdigenden Kommentaren beleidigt. (rcp)

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