Der Konflikt zwischen Serbien und dem Kosovo nimmt bedrohliche Ausmaße an. Die Regierung in Pristina warf Belgrad am Samstagabend vor, mit Militär in Richtung des Kosovo vorgerückt zu sein. Nachdem die USA Serbien in der Folge Strafmaßnahmen androhte, zog Serbien einen Teil seiner Truppen zurück. Was bedeutet diese Entwicklung? Der Balkanexperte Konrad Clewing vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg beantwortet gegenüber "20 Minuten" die wichtigsten Fragen.
Bis vor kurzem habe ich einen Einmarsch Serbiens in den Kosovo komplett ausgeschlossen, nun ist dieses Szenario zumindest denkbar geworden. Es ist zwar weiterhin unwahrscheinlich, dass Serbien versuchen wird, den Kosovo ganzflächig zurückzuerobern. Aber es ist vorstellbar, dass sich Serbien überlegt, in den Nordkosovo einzumarschieren, um eine Reaktion der Nato-geführten Schutztruppe KFOR zu provozieren.
Die Überlegung könnte sein: Entweder zieht sich die KFOR aus dem Nordkosovo zurück, weil sie nicht gewillt ist, in den Kampf einzutreten. Oder sie schlägt die serbischen Truppen zurück. Beides könnte für den serbischen Präsidenten Alexandar Vucic von Vorteil sein: Beim ersten Szenario würde Serbien die Kontrolle über den Nordkosovo zurückgewinnen. Beim zweiten Szenario könnte Vucic seiner Bevölkerung verkaufen, er habe alles unternommen, um die serbische Bevölkerung im Kosovo zu "befreien."
Es ist unglaubwürdig, dass der kosovo-serbische Politiker und Geschäftsmann Milan Radoicic, der sich für den Überfall bekannte, im Alleingang ohne das Wissen Serbiens handelte. Radoicic ist ein enger kosovopolitischer Vertrauter von Vucic und war bis jetzt stellvertretender Vorsitzender eben jener kosovoserbischen Partei, die eng von Belgrad aus gesteuert wird. Die Aktion wurde entweder direkt oder indirekt über den serbischen Geheimdienst von Vucic gestützt. Das sehen auch serbische Oppositionelle so: Ohne die Billigung Vucics geht in Serbien nichts.
Ganz zweifellos hat Russland ein großes Interesse an einer Destabilisierung auf dem westlichen Balkan. Zum einen steht Moskau eng an Belgrads Seite, zum anderen käme es Russland gelegen, wenn andere Schauplätze den Westen vom Ukraine-Krieg ablenken. Es ist wahrscheinlich, dass Serbien das Vorgehen im Kosovo mit Russland abspricht.
Militärisch wäre die serbische Armee mit rund 30.000 Mann der KFOR klar überlegen. Die KFOR zählt nur gerade knapp 5000 Mann, von denen viele gar nicht kampffähig sind. Der Kosovo selbst hat rund 5000 Selbstverteidigungskräfte. Diese "Armee" ist allerdings noch im Aufbau und eher schwach.
Für die Bevölkerung im Nordkosovo hätte ein Angriff Serbiens gravierende Folgen. Ein Teil der Bevölkerung wäre in der Folge gezwungen, die Heimat zu verlassen. Über Generationen hinweg würden grenzüberschreitende Beziehungen zerstört. Serbien würde eindeutig ins diplomatische Lager von Russland und China wechseln, die Beziehungen zwischen Serbien und der EU würden eingefroren.
Mit ein wenig Optimismus beurteile ich diese Gefahr als unwahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass Russland zurzeit imstande oder willens ist, eine militärische Konfrontation mit der Nato zu suchen. Daher denke ich nicht, dass sich der Konflikt über den Norden Kosovos ausweiten würde. Für ein Land wie Bosnien-Herzegowina, das einen serbisch geprägten Landesteil besitzt, könnte ein Krieg im Kosovo allerdings eine lebensbedrohliche Staatskrise auslösen.
Der Westen muss jetzt mit Serbien härter ins Gericht gehen und politische Sanktionen beschließen. Ein Übergang zur Tagesordnung würde die Serben nur darin bekräftigen, weiterzumachen.