Russland hat anlässlich des orthodoxen Weihnachtsfests eine 36-stündige Feuerpause angekündigt, die die Ukraine als Heuchelei bezeichnet und ablehnt. Zur Situation in der Ukraine war am Donnerstag der Russland-Experte Wolfgang Müller zu Gast im ZIB2-Studio bei Marie-Claire Zimmermann, um die jüngsten Vorgänge einzuordnen.
Zimmermann fragte ihren Gast, ob es klug von der Ukraine sei, das Angebot des vorübergehenden Waffenstillstands abzulehnen. Das zeige auf jeden Fall, unter welchem Druck die Ukraine stehe. Der Experte ist davon überzeugt, dass es Diskussionen über die Position von Präsident Wolodimir Selenski geben werde. Das sei wohl auch von Russland so geplant. Müller bezweifelt, ob die Ukraine die Ablehnung ihrer Haltung durchziehen könne. Das könnte sich als schwierig erweisen.
Gleichzeitig sei es auch denkbar, dass es sich beim russischen Angebot um eine Falle handelt. So gebe es zur Zeit noch unbestätigte Meldungen, dass Russland seine militärischen Aktivitäten bei Bachmut verstärken könnte.
Das Angebot der Waffenruhe habe zwei Vorteile für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, ist Müller überzeugt. Erstens spiele er sich frei vom Druck der Kommentatoren und Blogger in Russland – so zeige er, dass er "Herr des Handelns" ist und die Agenda kontrolliere. Zweitens setze das Angebot zur Waffenruhe eben die ukrainische Gegenseite massiv unter Druck, so der Professor.
Will Putin mit diesem Schritt die Moral der eigenen Truppen heben oder ist er auf Grund der jüngsten Verluste gar dazu gezwungen? Müller glaubt, dass beide Überlegungen eine Rolle spielen. Putin sei als "gewiefter Taktiker" bekannt, auch wenn er diesen Ruf im Zuge des Krieges in Teilen verloren haben dürfte. Sein taktisches Verständnis würde nun wieder "punktuell" zum Vorschein kommen. Mit möglichen Diskussionen in der Ukraine und im Westen will Russland jedenfalls die "geschlossene Front" aufbrechen.
Auch wenn die Kritik von Bloggern in Russland weiter zunimmt, so geht Müller davon aus, dass der Kreml nach wie vor die Informationshoheit über weite Teile der Bevölkerung habe. Denn viele Bewohner Russlands – vor allem ältere und jene in ländlichen Bereichen – hätten keinen Zugang zum Internet oder diversen Social-Media-Kanälen. Nach wie vor sei das TV in Russland das wichtigste Medium. Und dort gebe es kaum bis gar keinen Widerspruch zum Handeln im Kreml.