Joe Biden konnte bis anhin 253 Stimmen auf sich vereinen, Trump kam auf 213 Stimmen. Der Politologe Alexander Trechsel sagt: "Wenn Joe Biden die Staaten, in denen er derzeit vorne liegt, also Nevada, Arizona und Michigan, auch noch gewinnt, kommt er auf die 270 Stimmen, die nötig sind."
Das könnte noch dauern. Die vielen brieflichen Stimmabgaben fordern einige Staaten stark. So wurden etwa in Michigan aufgrund der Corona-Pandemie 10-mal mehr Stimmen brieflich abgegeben, als noch vor vier Jahren. Trechsel erklärt: "Im wichtigen Staat Pennsylvania können Stimmen bis zu sieben Tage später noch ausgezählt werden." Dazu kommen laut dem Polit-Experten Stimmen aus dem Militär, das im Ausland stationiert ist. "Die US-Wahl sind längst kein Wahltag mehr, sondern eine Wahlperiode", sagt Trechsel.
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"Nein", sagt Trechsel. Denn: "Beide Parteien haben das Recht, Nachzählungen zu fordern. Donald Trump hat das auch bereits angekündigt. Weil er Wahlbetrug bei den brieflichen Stimmabgaben vermutet, drohte er auch mit dem Obersten Gericht." Es sei also nicht auszuschließen, dass auf die eigentliche Wahl noch ein langes gerichtliches Hickhack folge.
Hier hatte laut Trechsel der Umgang von Trump mit der Corona-Pandemie einen großen Einfluss: "Er hat sehr viele Tote in Kauf genommen. Die Demokraten haben damit stark gegen Trump mobilisieren können. Gleichzeitig betonte Trump stets, dass er so die Wirtschaft am Laufen hielt. Auch die Black Lives Matter-Bewegung könnte laut Trechsel eine Rolle gespielt haben – in Wisconsin, aber auch in anderen Staaten. Dazu kommt, dass die Biden-Kampagne laut Trechsel nicht mit jener von Clinton von vier Jahren verglichen werden kann. "Die Demokraten haben, gerade in Staaten wie Wisconsin oder Michigan, dazugelernt und eine intensive Kampagne geführt."
Gerade weil verschiedene Swing-States lange brauchen mit dem Auszählen der Stimmen, steht der Sieger noch nicht fest. Mit Ohio und Florida gingen zwei Swing-States an Trump, in Arizona konnte sich vermutlich Biden durchsetzen. Zuletzt ging Wisconsin an Biden. In Pennsylvania, Nevada, Michigan und North Carolina lagen gestern Abend noch keine Resultate vor. Laut Trechsel könne man in den Swing-States nicht wirklich von Überraschungen sprechen: "Sie heißen ja genau Swing States, weil sie mal für die Demokraten, mal für die Republikaner wählen." Überraschend sei aber etwa, dass sie die Exil-Kubaner in Florida offensichtlich mehrheitlich hinter die harte Gangart von Trump gegenüber Kuba gestellt hätten. Die Latinos und Latinas in Arizona haben laut Trechsel aufgrund der Immigrationspolitik Trumps auf Biden gesetzt.
Das kam für Trechsel nicht überraschend: "Er hat angekündigt, das er schon am Dienstag alles klar machen wolle. In der Nacht hat er sich dann auf völlig undemokratische Weise zum Sieger erklärt und gefordert, dass das Stimmenzählen gestoppt werden soll." Selbst aus den Reihen der Republikaner sei Trump dieses Vorgehen angekreidet worden: "Das geht in einer Demokratie natürlich nicht", sagt Trechsel.
Wohl kaum. Laut Trechsel wird das nicht einfach, Trump wird alles tun, um eine Niederlage zu verhindern. "Er kann sich nicht als Verlierer sehen, das wird er nie akzeptieren, ohne nicht alle Register gezogen zu haben. Vermutlich wird er dazu gezwungen werden müssen."
Das ist laut dem Experten schwierig zu sagen. Ein Grund könnte sein, dass klare Prognosen schon zu einem frühen Zeitpunkt die Wahl selber beeinflussen könnten: "Dass Biden schon früh mit 90%iger Wahrscheinlichkeit zum Sieger erklärt wurde, könnte dazu geführt haben, dass einige seiner Unterstützer sich als sichere Sieger sahen und nicht mehr wählen gingen. Umgekehrt könnte es auch die letzten Trump-Anhänger noch mobilisiert haben."
Davon geht Trechsel nicht aus: "Bisher verlief die Wahl ruhig. Wie sich das weiter entwickelt hängt natürlich vom Ausgang der Wahl und vom Verhalten des Verlierers ab. Bürgerkriegsähnliche Zustände erwarte ich aber nicht."
Für Trechsel sind die USA, die älteste Demokratie der Welt, die Verlierer der Wahl – unabhängig davon, wie diese ausgeht. "Die Wahl zeigt erneut eine extreme Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Und die absolut inakzeptablen, undemokratischen und autoritären Aussagen des amtierenden Präsidenten lassen für die Zukunft nichts Gutes erahnen. Dazu kommt, dass Trump, ob er die Wahl gewinnt oder verliert, noch mindestens zwei Monate im Amt bleiben wird, während die Corona-Pandemie wütet. Auch wenn Biden gewinnt: Als Volk, als Staat und Demokratie haben wohl vor allem die USA verloren", sagt der Experte.