Die von der türkis-grüne Regierungsspitze gemeinsam mit SP-Chefin Pamela Rendi-Wagner angekündigte Impf-Lotterie dürfte unmittelbar vor dem Aus stehen – "Heute" berichtete. Der Grund ist schnell erklärt: für die Durchführung findet sich einfach kein Partner.
Bereits nächste Woche dürfte die Lotterie dabei zu Grabe getragen werden! Von der ORF-Redakteursvertretung gibt es jedenfalls erhebliche Bedenken. Allerdings drängt die SPÖ weiter auf die Umsetzung der Lotterie und des Impfanreizes und fordert nun Alternativen. SPÖ-Vizeklubchef Jörg Leichtfried will eine Klarstellung von Seiten der Regierung.
"Sollte die Regierung – einmal mehr – im Corona-Management scheitern und die Impflotterie zur Hebung der Impfrate nicht auf die Reihe bringen, dann muss sofort eine Alternative her, mit der man einen positiven Anreiz für das Impfen schafft", so Leichtfried am Freitag.
Doch wie können solche Impf-Anreize überhaupt funktionieren? Verhaltensökonom Florian Spitzer (Institut für Höhere Studien) äußerte sich am Freitagabend in der "Zeit im Bild 2" zu diesem Thema, das seit Monaten für hitzige Diskussionen und Schlagzeilen sorgt – und wohl auch noch weiter sorgen wird.
Grundsätzlich sei eine Impf-Lotterie "positiv" zu bewerten, so Spitzer. Es gebe mehrere Beispiele, wo eine Lotterie Personen zu einer Verhaltensänderungen bewegt werden konnten. Studien, etwa aus den USA, würden aber auch zeigen, dass die Ergebnisse dabei durchaus gemischt seien.
So würde es Untersuchungen geben, die keinen wirklichen signifikanten Effekt finden. Das müsse man sich im Detail genau ansehen. Zudem würde sich Österreich bereits in einem späten Zeitpunkt in der Pandemie befinden. "Wir haben jetzt die Impfpflicht und da ist die Frage, wen man mit einer Impf-Lotterie erreichen möchte", erklärt der Experte.
Außerdem sei er sich auch nicht sicher, ob man Personen, die sich bis jetzt nicht haben impfen lassen, wirklich mit einer solchen Lotterie erreichen könne. Würde da eventuell eine Impfprämie mehr Sinn machen, also eine direkte Überweisung auf ein Konto der Menschen?
Mit einer Impfprämie würde man laut Spitzer "tendenziell" mehr erreichen können, da der Anreiz sofort da sein würde. Es gebe Studien aus den USA, die zeigen würden, dass man etwa mit 500 Euro 90 Prozent Impfquote, mit 100 Euro 80 Prozent erreichen könne. "Da ist durchaus Potenzial da", so der Verhaltensökonom.
Man müsse aber auf die "nicht intendierten" Nebenwirkungen aufpassen – also mögliche negative Auswirkungen für weitere Impfungen. "Dass man immer wieder aufgrund des Gewohnheitseffekts dann immer wieder bezahlt werden möchte", erklärt Spitzer im Gespräch mit Moderator Martin Thür.
Außerdem könne es zu "strategischem Zuwarten" bei anderen Impfungen oder zukünftigen Pandemie kommen. "Da muss man sehr vorsichtig sein", stellt der Experte weiter klar.
Doch wie hoch sollte der Betrag einer Impfprämie nun sein? Dazu Spitzer: "Je höher der Betrag, desto größer die Impfquote, die man erreichen kann. Bei sehr kleinen Beträgen kann man auch einen gegenläufigen Effekt haben, etwa mit zwei, drei oder auch zehn Euro. Das ist dann eher schädlich. Mit 100, 200 oder 500 Euro da kann man sicherlich was bewegen."
Florian Spitzer ist sich aber auch sicher, dass man im Sommer 2021 mit einer solchen Impf-Lotterie mehr erreichen hätte können als zum jetzigen Zeitpunkt. "Dann wären wir im Herbst bzw. Winter besser da gestanden. Jetzt ist die Situation schwierig". Jetzt habe man nur mehr eine kleine Gruppe der Zögerlichen.
Wichtig sei aber, dass man sich jetzt nicht auf der Impfpflicht ausruht, sondern diese weiter mit Maßnahmen begleitet. So müsste die Impfung weiter gut zugänglich sein. "Vieles wurde schon gut umgesetzt", so Spitzer. Man könne sich aber die niederschwelligen Impfangebote noch genauer ansehen, etwa im ländlichen Bereich.
Außerdem spiele auch die Aufklärung eine wichtige Rolle. Es gehe darum, dass man Informationen an die Menschen bringt und nicht nur einfach zur Verfügung stellt und hoffe, dass sie abgerufen wird. Man müsse auch Impf-Mythen aufklären und Kampagnen machen, dass die Impfung sicher ist.
Das Impfgesetz gilt ab 5. Februar, in einigen Wochen soll dann bereits gestraft werden. "Motivieren solche Strafen eher als vielleicht finanzielle Anreize?", wollte Thür wissen. "Das ist grundsätzlich schwierig zu sagen. Was man aber auf jeden Fall sagen kann ist, dass es nicht intendierte Nebeneffekte gibt", erklärt Spitzer in der ZIB2.
Der Verhaltensökonom wäre froh gewesen, "wenn wir die Impfpflicht hätten vermeiden können". Der Experte spricht ein Phänomen aus der Psychologie an, bei dem es darum geht, dass es Menschen nicht mögen, wenn ihnen etwas im persönlichen oder gesundheitlichen Bereich vorgeschrieben wird.
Das könne dann zu verschiedenen Auswirkungen führen. "Es kann zu Radikalisierungen führen, zudem beobachten wir auch, dass die Impfgegner-Szene immer mehr anwächst. Wir haben auch vielleicht die Gefahr der Spillover-Effekte (Anm. Übertragungseffekte) auf andere Impfungen. Das halte ich für eine ganz große Gefahr, wenn das Thema Impfen so negativ behaftet ist, dass sich die Leute dann sich und ihre Kinder nicht mehr impfen lassen."