Experten warnen vor Armutsspirale durch Corona-Krise

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Die Mitglieder des nö. Armutsnetzwerkes warnen vor den sozialen Auswirken der Krise. Experten merken die Folgen teilweise schon jetzt.

Acht Monate nach Beginn der Corona-Krise warnen Mitglieder des NÖ Armutsnetzwerk vor den sozialen Auswirkungen. "Die gesundheitliche Bedrohung durch die Covid Krise ist akut und unmittelbar spürbar- die sozialen Auswirkungen zeigen sich verzögert. Armut breitet sich aus, Menschen aus der Mittelschicht sind zunehmend betroffen", so Barbara Bühler, Obfrau des Armutsnetzwerks.

Um Zuhause zu bleiben, auf sich und andere zu schauen, dazu brauche es zumindest drei Voraussetzungen: "Ein Zuhause, Versorgung mit dem Notwendigsten, wie Lebensmittel und die Sicherung existenzieller Bedürfnisse." Dabei wirft Beate Schneider von der St. Pöltner Caritas die Frage auf: "Wie zuhause bleiben, wenn es kein Zuhause gibt?" Leistbarer Wohnraum sei für viele Menschen in Niederösterreich schon vor Beginn der Covid Krise schwer zu bekommen gewesen. Die Corona Krise wirke wie ein "Brandbeschleuniger auf die Armutsspirale, die sich nun für immer mehr Menschen, auch aus dem sogenannten 'Mittelstand', immer schneller dreht."

Spenden als Auffangmittel

Eine Wahrnehmung, die Martin Litschauer (Caritas Erzdiözese Wien) anhand seiner Erfahrungen durch frühere Krisen teilt. "Befürchten wir steigende Armut und Delogierungen wenn nicht rechtzeitig geholfen wird, vor allem da in der ersten Krisenzeit gestundete Mieten und Energiekosten nun immer rigoroser eingefordert werden. Es braucht jetzt sehr rasche und wirkungsvolle Unterstützung der Sozialhilfe Niederösterreich. Schon jetzt werden viele Menschen durch Spendenmittel von den Hilfsorganisationen aufgefangen", so Litschauer.

Die "soogut"-Sozialmärkte sichern indes für viele Menschen aktuell ihre Versorgung. Geschäftsführer Wolfgang Brillmann beschreibt die besonderen Herausforderungen für die Sozialmärkte in den Bereichen Personal, Lebensmittelversorgung und Kooperationen aktuell als besonders schwierig. "Bereits eingeschulte ehrenamtliche Mitarbeiter konnten während des Lockdowns bedingt eingesetzt werden, da viele altersbedingt zur besonders gefährdeten Gruppe gehörten. Gleichzeitig war die Versorgung mit Lebensmitteln in dieser Zeit für viele Menschen besonders wichtig und es gelang bestehende Kooperationen zu bestärken und Neue einzugehen. Die Sozialmärkte werden derzeit verstärkt in Anspruch genommen und wir rechnen damit, dass dies auch so bleiben wird. Umso wichtiger ist Kooperation und Zusammenhalt innerhalb der bestehenden Einrichtungen", so Brillmann.

"Ruhe vor dem Sturm"

Im Hinblick auf die Sicherung existenzieller Bedürfnisse geht Maria Nirnsee von "arbeit plus NÖ" auf die Herausforderungen für erwerbsarbeitslose Menschen ein: Die schon zuvor hohe Langzeitbeschäftigungslosigkeit drohe sich zu verfestigen bzw. noch zu erhöhen. Diesbezüglich gelte es aktiv gegenzusteuern, denn "Arbeit ist identitätsstiftend und ein Grundpfeiler unseres Lebens", so Maria Nirnsee.

Von der "Ruhe vor dem Sturm" spricht indes Schuldnerberater Michael Lackenberger. "Der Run auf die Schuldnerberatung kommt verzögert, aber er kommt. Aktuell verhindern befristet bestehende Regelung das Schlimmste: Delogierungen sind ausgesetzt, Kredite, Mieten und Abgaben können gestundet werden. Doch spätestens im Frühjahr 2021 werden viele Gläubiger offene Beträge fällig stellen und es ist zu befürchten, dass viele diese Forderungen dann nicht begleichen können", warnt er. 

Die Mitglieder des NÖ Armutsnetzwerks betonen, dass es nur gemeinsam gelinge, diese Krise zu bewältigen. "Es gilt jetzt, Bausteine sozialer Sicherheit weiterzuentwickeln, krisenfest zu machen und bestehende Lücken zu schließen", so Barbara Bühler. "Durch das Schließen von Versorgungslücken wie zum Beispiel bei der Sozialhilfe in Niederösterreich, den Abbau bürokratischer Hürden, die Orientierung an vorhandenen Daten wie das Referenzbudget der Schuldnerberatung, der Sicherstellung von Beratung unabhängig von digitaler Infrastruktur und auch in Zeiten von social distancing und last but not least der Verankerung 'sozialer Menschenrechte' als Verfassungsrechte."

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