Die bitteren Zahlen präsentierte Gesundheitsminister Rudi Anschober am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien: Bisher gab es 454.860 positive Testergebnisse in Österreich, 8.515 Personen sind an den Folgen des Corona-Virus verstorben und 427.257 wieder genesen. Derzeit befinden sich 1.285 Personen aufgrund des Corona-Virus in krankenhäuslicher Behandlung. Davon werden 258 auf Intensivstationen betreut. Doch was tut sich hinter den nackten Zahlen?
Über die "Psychische Gesundheit in der Krise", so der Titel der Pressekonferenz, informierten Gesundheitspsychologin Barbara Juen von der Universität Innsbruck und Michael Musalek, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut. Anschober stellte im Vorfeld eine "Coronamüdigkeit" in einer Phase fest, in der bis Ostern ein hartes Durchhalten notwendig wäre. Jetzt gehe es um Unterstützung für jeden Einzelnen.
Deswegen habe man mit der Gründung eines Stabs für psychosoziale Unterstützung mit fünf Fachexperten reagiert. Die Themen: Angst vor Ansteckung, Angst zu sterben, Sorge um Angehörige, Versterben naher Angehöriger, Angst durch Bedrohung oder Verlust der Existenzgrundlage, Einsamkeit und soziale Isolation, eingeschränkte Möglichkeit zu gesunden Lebensstilen, Einschränkungen in der Gesundheitsversorgung und Stress durch beengte Wohnverhältnisse oder Home-Office bei gleichzeitiger Kinderbetreuung.
Gesundheitspsychologin Juen sieht in der Katastrophenforschung die Bewältigung von Krisen der Bevölkerung in Phasen, erst in einem großen Schock mit großer Hilfsbereitschaft und großem Zusammenhalt, dann käme aber eine Phase, in der man desillusioniert werde und danach aggressiv oder hoffnungslos reagieren könnte. Österreich befände sich gerade in der Phase der Desillusionierung. Die Menschen würden sich machtlos fühlen, das könne auf Dauer in Depression oder Aggression münden. Auch, weil es eine Impfung gebe, aber man sie noch nicht kriegen könne oder auch geimpft noch nichts machen könne, so Juen.
Psychische Belastungen treffen vor allem Frauen, junge Menschen von 16 bis 30 Jahren und Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, so Juen. Es brauche jetzt transparente Information und sozialen Zusammenhalt, aber auch Stabilität, etwa dass das Osterfest gefeiert werden könnte. "Dass Ostern ausfallen könnte, wäre eine Katastrophe", so Juen. Auch für die Expertin sei es das erste Mal, dass man "selbst so mitbetroffen ist mit der eigenen Familie". Sie sagt: "Wie müssen vom passiven Opfer zum aktiven Überlebenden werden."
Als Experte müsse man nun auch in der Lage sein, zu sagen, was man falsch gemacht hatte: Man müsse lernen, an der Krise zu wachsen. Auch als Privatperson könne man sich laut der Medizinerin etwas auf dem Weg aus der Krise mitnehmen: Man sehe, dass man stärker sei, als man dachte, dass man seine wahren Freunde erkenne, dass man das Leben mehr genieße und dass sich die Beziehungen ändern würden.
Eine Infektionskrise sei immer mit einer psychosozialen Krise verbunden, so Facharzt Musalek, längerdauernde Belastungen würden den Menschen "die Luft ausgehen lassen". Eine Krise wie diese sei wie ein Handballspiel: Zwei Mal 30 Minuten, wir würden uns etwa zehn Minuten in der zweiten Hälfte befinden, so der Experte. Man werde erschöpfter, die Erholung sei vorbei und das Ende zwar vor Augen, aber noch weit weg. Es sei die Phase, in der der Kampf gegen die Pandemie gewonnen oder verloren werde. "Was wir nicht wissen: Ob es mit der reinen Spielzeit schon vorbei ist oder es eine Nachspielzeit braucht", so Musalek. Jeder Handballer aber wisse: Eine Nachspielzeit sei besser, als das Spiel zu verlieren.
Leider sei die Krise kein Spiel, sondern für viele "blutiger Ernst", weswegen sie gewonnen werden müsse, so der Experte. Die Maßnahmen würden uns massiv belasten, sie seien aber notwendig. Betroffen seien vor allem Kinder und Jugendliche mit Unterricht daheim, dem Wegfall von Sport und soziale Einschränkungen. Ganz besonders wolle Musalek die Jugendlichen hervorheben, "die wir etwas vergessen haben", da sie sich kaum zu Wort gemeldet hätten und man dachte, "die werden das schon schaffen irgendwie".
Aber auch die alten Menschen mit sozialer Isolation und Arbeitende mit Homeoffice und Verlust der Tagesstruktur seien betroffen, denn mit Wegfall der Struktur würden sich Menschen nur mehr in Arbeit stürzen und quasi nichts mehr anderes tun. Erkennbar sei jedenfalls auch eine Gereiztheit, "die Gesellschaften auseinanderbrechen lassen kann". Dazu wolle man Lösungsstrategien entwickeln und vorstellen, so Musalek.
Man dürfe auch nicht in eine Situation der Zwangsbeglückung kommen, indem man dem Bürger sage, was er alles tun müsse, damit es ihm gut gehe. Bürger müssten einen Handlungsspielraum haben, denn was dem einen schwer falle, sei für den anderen eine schöne und leichte Aufgabe. "Wir werden das Spiel aber nicht gewinnen, wenn wir uns zurücklehnen und sagen, der andere soll etwas tun", forderte Musalek weiter den Zusammenhalt der österreichischen Bevölkerung. "Die Hoffnung ist vielen abhanden gekommen, aber die brauchen wir jetzt", so Musalek.