Expertin verrät, wie viele Kannibalen unter uns wandeln

"Ein Kannibale hat mir einmal offenbart, dass sein absolutes Lustobjekt die muskulöse Brust eines Mannes ist", erzählt Nahlah Saimeh im Interview.
"Ein Kannibale hat mir einmal offenbart, dass sein absolutes Lustobjekt die muskulöse Brust eines Mannes ist", erzählt Nahlah Saimeh im Interview.zVg
In Berlin sorgt der Fall eines verschwundenen Mannes für Schlagzeilen. Der Verdacht: Sein Liebhaber hat ihn getötet und gegessen.

Nahlah Saimeh hat schon in viele menschliche Abgründe geblickt: Die forensische Psychiaterin verfasst Gutachten in Gerichtsfällen oder Kriminalprognosen bei Entlassungen aus Strafanstalten. Saimeh sprach schon mit Mördern, Vergewaltigern und Kannibalen. Die 54-Jährige war unter anderem Chefärztin einer forensischen Psychiatrie. Seit 2014 ist sie Lehrbeauftragte der Universität Konstanz im Fachbereich Psychiatrie.

Frau Saimeh, kann jeder Mensch zum Kannibalen werden, zum Beispiel in extremen Hungersnöten?

Es gibt tatsächlich den Begriff des "Hungerkannibalismus". Wie Menschen in Extremsituationen reagieren, kann nie genau vorhergesagt werden. Öffentlich bekannt ist ein Flugzeugabsturz in den Anden im Jahr 1972. Da hatten die Passagiere nur die Möglichkeit, ihren erfrorenen Sitznachbarn zu essen oder zu verhungern. Aber: Es gibt auch in solchen Situationen Menschen, die sich nicht überwinden können und die eher sterben würden. Und dann gibt es solche, deren Überlebenswille stärker ist. Wer leicht psychopathische Züge hat, wird sich zum Beispiel eher überwinden können, aber solche Extremsituationen spielen sich jenseits konventioneller psychiatrischer Beurteilungen ab.

Was sind die Beweggründe für Kannibalen, um Mitmenschen zu verspeisen?

Die Gründe und die aggressiven Absichten dahinter sind sehr verschieden. Eine andere Person zu essen, ist einerseits die absolute Dehumanisierung: Durch das Verspeisen wird der Wert des Menschen auf die Stufe von Fleisch gesetzt. Und nicht nur das. Kannibalistische Handlungen verstümmeln die Integrität des Körpers völlig. Es ist die maximal denkbare Vernichtung und Entwürdigung: Ich esse eine Person und scheide sie dann aus. So wurden zum Beispiel früher in Kriegen und Kämpfen Gegner entmenschlicht.

Und andere Gründe?

Wir reden hier über sehr seltene Phänomene. Das will ich noch mal betonen. Es gibt psychotische Gründe und es gibt eben auch die Fantasie der totalen Verschmelzung und der Überwindung innerer Einsamkeit und inneren Leere-Erlebens. Der Täter will dann eins sein mit dieser Person. Er verspricht sich davon das Erleben von Innigkeit. Jede Person ist anders, man muss halt mit den Leuten reden.

Das haben Sie getan. Was ist Ihnen aus den Gesprächen besonders in Erinnerung geblieben?

Ein Kannibale hat mir einmal offenbart, dass sein absolutes Lustobjekt die muskulöse Brust eines Mannes ist. Zwar hatte er auch Sex mit diesen Männern. Aber für ihn war das Date nur Mittel zum Zweck, er wollte einfach diese Männer kennenzulernen. Seine ganze Begierde war auf den Mann als anatomisches Objekt ausgerichtet. Solche Personen sind natürlich nicht fähig, echte Intimität aufzubauen. Wenn der Wunsch nach Intimität daran gebunden ist, jemanden zu töten und zu verspeisen, ist dass tragischerweise das Maximum an Beziehungsunfähigkeit.

Gibt es bestimmte Körperteile, die sehr begehrt sind?

Das hängt sehr mit der Persönlichkeit des Täters zusammen. Wenn jemand sagt, ich will in ein menschliches Herz hineinbeißen, ist dass schon eine sehr archaische Handlung und narzisstisch machtvoll. Das Herz gilt symbolisch als Zentrum des Lebens und der Liebe. Ein abgetrennter Penis dagegen hat eine starke sexuelle Bedeutung. Womit wir bei einem weiteren Sonderbereich des Kannibalismus wären.

Und der wäre?

Kannibalismus als Lustprinzip. Sexuelle Lust kann an das Verspeisen von menschlichen Körperteilen gebunden sein, manchmal ersetzt der Kannibalismus jede andere sexuelle Aktivität. Wie beim oben erwähnten Beispiel.

Wieso gibt es keine Fälle von Kannibalinnen?

Ob es keine gibt, kann ich nicht sagen, aber ich kenne auf jeden Fall keine Kannibalin. Aber wie gesagt, kannibalistischen Handlungen liegen oft schwere psychische Störungen zugrunde, die mit sexuell abweichenden Wünschen einhergehen. Männer sind davon öfter betroffen als Frauen.

Es gibt ja auch den "einvernehmlichen" Kannibalismus, dass Personen gegessen werden wollen. Wie schätzen Sie das ein?

Dahinter stecken schwere Störungen der Persönlichkeit und auch schwere paraphile Störungen. Mit paraphil sind sexuelle Neigungen gemeint, die stark von der Norm abweichen. Aufgegessen zu werden, ist die ultimative masochistische und nihilistische Fantasie. Nihilistisch, weil man sich dabei komplett auflöst. Aber man kann nicht verallgemeinern: Für einige ist es ein Rollenspiel, sie wollen gar nicht wirklich sterben. Andere möchten sich der Fantasie maximal hingeben und sind bereit, sich dafür in tödliche Gefahr zu bringen. Aber gerade online trifft ein breites Spektrum an Personen aufeinander.

Weiß man, wie viele Kannibalen es weltweit gibt?

Es gibt Schätzungen, wonach sich weltweit rund 80.000 Personen in einschlägigen Foren tummeln.

Erklärt dies auch, weshalb regelmäßig Fälle von Kannibalismus publik werden?

Kannibalismus ist ein Phänomen, das es immer gegeben hat und immer geben wird. Und in unserer vernetzten Welt wird auch fleißig darüber berichtet. Aber was heißt regelmäßig? Das ist doch eher sehr selten.

Und weshalb sind Zuschauer und Leser immer wieder so fasziniert von diesem Phänomen?

Kannibalismus ist der absolute Tabubruch. Denn wir leben seit Jahrhunderten in einer Kultur, in der kannibalistische Handlungen rituell nicht mehr eingebunden sind. Und Menschen sind immer fasziniert, wenn jemand etwas tut, was man einfach nicht macht. Und dann gibt es noch die Angstlust, diese Mischung aus Ekel und Faszination.

In welchen Kulturen waren kannibalistische Handlungen rituell eingebunden?

Auf der zu Indonesien gehörenden Insel Nias gab es früher Kopfjäger und Kannibalen. Kannibalismus ist rituell eingebunden in den Wunsch, die Seele des Verstorbenen für die Gemeinschaft zu bewahren und durch das Aufessen in die Gemeinschaft aufzunehmen. Diese bewahrenden Motive sind eingebunden in einen ausgefeilten Ahnenkult und im Grunde ja Kennzeichen einer Art metaphysischen Verständnisses.

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