Mit einem professionellen Netzwerk und einer hierarchischen Ordnung mit Sitz in einem Callcenter in der Türkei konnte eine Betrügerbande 182 Opfer in Wien, NÖ und anderen Bundesländern um Geld, Gold und Schmuck im Gesamtwert von 3,8 Millionen Euro erleichtern. Bei rund 400 potenziellen Opfern blieb es seit dem Jahr 2018 beim Versuch. Dabei war die kriminelle Vereinigung wie folgt aufgebaut: Capo und dessen Familie, Anrufer, Abholer und Buchmacher.
Die Masche war dabei wohl durchdacht: Mit fingierten Anrufen mittels Verwendung von sogenannten gespooften Telefonnummern (Anm.: bei den Opfer stand dann glaubhaft eine Nummer einer österreichischen Sicherheitsbehörde) gewannen die Anrufer erstmal das Vertrauen der meist betagten Opfer und fragten diese gezielt nach Vermögenswerten aus. Erst wenn das Opfer überhaupt keinen Zweifel an der mutmaßlichen Echtheit der "Polizisten" hatte, schlugen die Betrüger unterschiedliche Sicherheits- bzw. Vorsichtsmaßnahmen vor, wie: "In ihrer Gegend wird gerade viel eingebrochen, ein Kollege holt aber ihr Bargeld und Gold ab und wir verwahren es sicher für Sie auf. Der Kollege ist in den nächsten zwei Stunden bei Ihnen."
Nach dem Anrufer kam der Bote ins Spiel. Mit gut gemachten Totalfälschungen von Polizeidienstausweisen und teils Polizeikapperl gingen die Täter zu den Senioren und sicherten die Wertgegenstände. Dabei übergaben die Opfer oftmals mehrere zehntausend Euro, Schmuck und Golddukaten. Die Abholer bekamen dafür bis zu 20 % Erfolgshonorar.
Einer 82-Jährigen nahmen die Täter sogar 270.000 Euro ab, zwei Tage lang wurde die alte Frau von einem Abholer zu verschiedenen Banken und Depots begleitet. Nach intensiven Ermittlungen des Landeskriminalamtes ("Heute" berichtete) gab es zahlreiche Festnahmen, fast die gesamte Bande sitzt mittlerweile in Haft, nur der Capo Mehmet Y. ist nach wie vor flüchtig (auch die Familie von Mehmet Y., Elif und Emine Y., waren Teil des kriminellen Netzwerkes).
Im Mai wurde bereits einem Abholer der Prozess gemacht. Demnächst müssen sich weitere vier Botengänger vor Gericht verantworten. Ein Serbe (41) aus Wien-Brigittenau, dessen Frau und Sohn sowie ein Türke sollen mit Dienstausweisen und Polizeikapperl bei den Pensionisten erschienen sein. Das erbeutete Geld mussten die Abholer über eine bekannte türkische Bank an die Familie Y. überweisen.
Das Serben-Trio und der Türke werden von den renommierten Anwälten Andreas Reichenbach und Florian Höllwarth vertreten. Ein Prozesstermin steht noch nicht fest und wird für Herbst erwartet. Den Angeklagten droht dabei bis zu zehn Jahren Haft. Es gilt für alle Verdächtigen die Unschuldsvermutung.