"Far Cry 6" im Test: Typisches, aber bestes "Far Cry"

"Far Cry" bleibt "Far Cry": Der sechste Teil der Game-Serie dreht zwar an einigen Schrauben und gefällt, eine Revolution bleibt jedoch aus.

Was "Assassin's Creed" mit "Origins" schaffte, nämlich eine radikale Neuausrichtung der Serie, das bleibt bei Ubisofts "Far Cry" voerst noch aus. Während der zehnte Teil der Assassinen-Reihe mit einem vollkommen neuen Kampfsystem, Rollenspiel-Elementen und einer riesigen, lebendigen Welt die Serie auf neue Beine stellte, bekommt der Spieler mit "Far Cry 6" genau das, was er sich von einem "Far Cry" erwartet. Vielleicht muss man für eine echte "Revolution" oder ein Reboot tatsächlich auch bis zum zehnten Teil warten, "Far Cry 6" begeistert aber dennoch und dreht an kleineren Schrauben.

Neue Spielfigur, neue Gamewelt, neuer Bösewicht und natürlich neue Waffen: In vielen Bereichen wagt das neue "Far Cry" durchaus Neuerungen, auch wenn das Gameplay klassisch bleibt. Eine der größten Neuerungen ist dabei, dass der Spieler in "Far Cry 6" nicht in die Rolle einer unbekannten und fast wortlosen Figur schlüpft, die zudem bisher nie in Cutscenes zu sehen war. In "Far Cry 6" darf man die Kontrolle über Dani Rojas übernehmen, auf Wunsch entweder in männlicher oder weiblicher Form. Dani tritt zudem voll vertont auf und ist auch mehrmals in den Videosequenzen des Spiels zu sehen.

Motive des Bösewichts sind nachvollziehbar

Zudem bekam die Spielfigur endlich auch eine ordentliche Hintergrundgeschichte spendiert: Dani ist im Inselparadies Yara aufgewachsen und stellt sich nun gegen den machthungrigen Diktator Antón Castillo, um ihre Heimat und das Leben der Inselbewohner zu retten. Bei der Handlung geht das neue "Far Cry" etwas mehr Richtung Realismus: Statt Wahnsinn stehen Emotionen im Mittelpunkt. Bösewicht Castillo ist nämlich kein rein durchgeknallter Irrer, sondern ein Mann, der Folter und Tod selbst erleben musste, einem utopischen Traum folgt und seinem Sohn ein besseres Leben bieten will – durch Gewalt.

In "Far Cry 6" erleben wir ein Szenario, das wohl auch in der Realität zu finden wäre: Auf der Karibikinsel Yara (sieht fast etwas aus wie Kuba) baut sich Castillo ein eisernes Regime auf, um das Land in seinem Glauben zum Paradies zu machen. Wer sich dagegen stellt, stirbt. Unser Held oder unsere Heldin erkennt die rücksichtslosen Methoden des Diktators recht früh und will sich von der Insel absetzen – doch wird gefasst, muss Schreckliches erleben und findet schließlich ihren Weg zu der Guerilla-Bewegung der Insel, die den Kampf gegen den brutalen Machthaber eröffnet.

Ernster, finsterer und realistischer

Klar, humorige Szenen bietet auch dieses "Far Cry", es geht aber im Spielverlauf und in der Handlung weit ernster, finsterer und realistischer zu, als man es von der Reihe bisher gewohnt war. Mit tollen Folgen: Erstmals lag uns im Test beim Durchspielen etwas an unserer Hauptfigur, an vielen der Nebencharaktere und wir konnten sogar eine Spur Verständnis dafür aufbringen, warum aus Gegenspieler Castillo ein dermaßen brutaler Diktator wurde. Die Story zeigt Tiefgang, ist spannend gestaltet und unterhält über Stunden gut, auch wenn sie streckenweise wieder zu Missionen zwingt, um sich fortzusetzen.

Action wird natürlich auch in "Far Cry 6" großgeschrieben, die Handlung bietet aber sowohl ruhige als auch herzerwärmende und tieftraurige Momente. Nicht nur das Leid der Inselbewohner, der Kampf für die Freiheit und die Macht der Freundschaft werden beleuchtet, auch muss der Spieler den Verlust ihm geliebter Menschen ungeschönt hinnehmen. Klasse ist auch gemacht, dass sich hier nicht "Gut" und "Böse" gegenüberstehen. Verschiedene Guerilla-Truppen auf der Insel haben selbst Schmerz erlebt, aber auch Gräuel begangen, manche sind frustriert von Verlusten, andere befeuert von Rachegefühlen.

"Far Cry 6" denkt die Spielkarte neu

Die Handlung geht sogar so sehr in die Tiefe, dass sich mehrmals die Frage stellt: Was, wenn wir den Diktator tatsächlich stürzen können und es wird danach nur schlimmer, weil sich dann alle auf Yara blutig bekämpfen? "Far Cry 6" bindet den Spielern dabei keine platten Antworten oder "Alles wird gut"-Szenarien auf die Nase, sondern lässt sie auch mal gerne selbst grübeln, ob man aus den richtigen Motiven heraus handelt und man nicht persönlich auch Blut an den Händen hat. Obwohl genial ausgefallen, könnte mit diesem Prinzip auch das Ende des Spiels einige Zocker etwas enttäuschen.

Eine Neuerung ist auch, dass die Spielkarte von Yara vom Start weg komplett aufgedeckt und die drei großen Areale der Insel fast frei begehbar sind. JSmart dabei: Wichtige Orte erscheinen erst auf der Karte, wenn man sie selbst in der Spielwelt entdeckt, andere Schauplätze werden durch das Belauschen von NPC-Gesprächen, Sammeln von Notizen, Beobachten von Schildern und Plakaten und Co. identifiziert. Das macht nicht nur den Spielablauf realistischer und lässt dem Gamer viele Freiheiten der Herangehensweise, sondern verhindert auch, dass man von Missions-Symbolen auf der Karte erschlagen wird.

Sehr klassische Nebenaufgaben

Apropos Symbole: Eine Fortschrittsanzeige mit einer Prozentzahl der erledigten Aufgaben gibt es hier nicht mehr. Das gefällt! Jedes Areal der Insel wird von einer anderen Gruppe mit jeweils unterschiedlichen Motiven kontrolliert. Entsprechend soll man alle Areale im Verlauf des Spiels besuchen und mit erledigten Aufgaben für die Gruppierungen eine gemeinsame Armee gegen den Diktator schaffen. Neben den sehr spannend und gut erzählten Haupt- und Nebenmissionen gibt es aber wieder jede Menge klassische Tätigkeiten wie Angeln und Jagen oder das Basen-Erobern. Motto: Kann man, muss man aber nicht.

Die Insel selbst mag zwar in der Karibik liegen, bietet aber sehr viel Abwechslung bei der Gestaltung der Areale, der Tier- und Pflanzenwelt sowie mit einem Mix aus riesiger Stadt, kleinen Dörfern und mystischen Dschungel-Gebieten. Berge hier, Trampelpfade da, Strände dort – "Far Cry 6" zeigt eine der schönsten, detailliertesten und abwechslungsreichsten Spielwelten der jüngsten Jahre. Zwar machte dabei die Grafik im Vergleich zum Vorgänger nicht unbedingt einen großen Sprung, etwas schärfer und detailreicher geht es aber im Vergleich zum Vorhänger zu, auch wenn das Next-Gen-Feeling fehlt.

Gute KI und neue Erkundungs-Mechaniken

Die Abwechslung setzt sich im Spielverlauf immer mehr fort und dauernd fallen beim Zocken neue Details auf: Je nach Insel-Areal verändern sich Tier- und Pflanzenwelt, geografische Gegebenheiten, zum Teil aber auch sogar Klima- und Wetterbedingungen. Ebenfalls neu in die "Far Cry"-Reihe hält eine besondere Mechanik Einzug: Je nachdem wo sich Dani gerade befindet, reagieren ihre Mitmenschen freundlich oder feindlich gesinnt auf sie. In der großen Inselstadt des Diktators kann man sich beispielsweise in aller Ruhe umsehen, wenn man die Waffe mal wegsteckt – und nicht gesucht wird.

Trägt man die Wummen allerdings vor sich her, ist Ärger vorprogrammiert. Je nachdem, mit wie vielen Schergen Castillos man sich anlegt und wie viele man um die Ecke bringt, umso höher steigt auch die Fahndungsstufe unserer Spielfigur. Müssen wir uns anfangs nur gegen Standard-Soldaten wehren, rücken später Elitetruppen aus, die uns auch auf abgelegenen Wegen identifizieren können, wenn wir scheinbar unbewaffnet sind. Aber auch sonst ist die Künstliche Intelligenz des Spiels recht smart: Soldaten schöpfen beispielsweise Verdacht, wenn wir sie über längere Zeit zu offensichtlich belauschen.

Hier ist das Game ganz klar ein "Far Cry"

Anders als in den Vorgänger wird man durch die neue Erkundungs-Mechanik nicht ständig von Wildtieren angefallen oder von herumstreifenden Feinden attackiert. Abseits davon ist das Gameplay aber ganz, wie man es von einem "Far Cry" kennt und liebt. In Ego-Shooter-Manier werden Feinde auf Korn genommen, Dutzende verschiedene Waffen abgefeuert, Fallen gelegt, Feinde schleichend ausgeschaltet und nach und nach Teile der Insel erobert. Nicht fehlen dürfen dagegen die liebgewonnen tierischen Begleiter im Game: Neben zahmen Alligatoren gibt es auch den Fan-Liebling, Rollstuhl-Dackel Chorizo.

Bei den Waffen geht das neue "Far Cry" mehr hin zur Marke Eigenbau. Zwar sind auch wieder klassische Gewehre und Pistolen mit an Bord, um das Guerilla-Leben besser einzufangen, werden Schießeisen aber auch aus allem hergestellt, was gerade verfügbar ist – seien es Nagel-Waffen oder Spraydosen-Wummen. In Slapstick abgleiten will man aber auch hier nicht: Die Entwickler haben dazu sogar selbstgebaute und improvisierte Waffen analysiert. Solche Checks gab es außerdem auch in puncto Religionen, Kulturen und Guerillas: Alles wird realistischer dargestellt.

Ein ganzes Arsenal an Waffen mit dabei

Auf Missionen darf der Spieler sich drei Haupt- und eine Nebenwaffe am virtuellen Waffenrad mitnehmen, die Bestückung kann aber jederzeit im Menü angepasst werden. Ein Aufleveln von Waffen, Begleitern oder gar der Spielfigur selbst gibt es übrigens nicht mehr. Was bleibt, ist der pure Ballerspaß, denn das Feedback der Waffen ist eindrucksvoll gelungen und die gestrichenen Auflevel-Anforderungen machen Lust auf Experimente. Feinde werden nun per Smartphone markiert, lautlose Kills per Machete durchgeführt. Finden Feinde Leichen, brechen sie die Suche nach uns übrigens nicht mehr so schnell ab.

Optionale Aufgaben wie die Basiseroberung sind zwar für den Fortschritt nicht erforderlich, belohnen aber mit Ressourcen, mit denen wir an den Werkbänken des Spiels Waffen basteln und mit Schalldämpfern, Visieren, größeren Magazinen und vielem mehr anpassen können. Ebenfalls wieder zu finden: Fahrzeuge, die sich mit Waffen bestücken und tunen sowie jeder Zeit an den Standort der Spielfigur transportieren lassen. In der Spielwelt versteckte Kleidung bietet außerdem kleine Boni wie mehr Waffenschaden oder besseren Schutz vor Kugeln. Neu ist eine Prise Aufbau-Sim in den Rebellen-Lagern.

Da ist er ja dann doch noch, der Wahnsinn!

In den Stützpunkten kann der Spieler je zwei verschiedene Gebäude bauen, die mit gesonderten Effekten beim Spielen unterstützen. Verstecke beispielweise liefern Daten zu feindlichen Basen und damit einen Kampf-Vorteil, Küchen dagegen Stärken und mit Kampf-Effekten. Die Objekte lassen sich in drei Stufen aufwerten, was den jeweiligen Effekt erhöht. Apropos Effekte: Im Spielverlauf wird Dani immer wieder mit neuen Supremo-Rebellenrucksäcken ausgestattet, die dann doch noch einige liebgewonnene "Far Cry"-Wahnsinnigkeiten wie Raketengeschosse oder Stromstöße auf Lager hat. 

Wer Yara nicht alleine befreien kann, der nimmt – auch das kennt man bereits – einen Koop-Partner auf die Reise mit. Neben dem kompletten Hauptspiel finden sich auch einige extraharte Missionen, die man besser zu zwei zu bewältigen versucht. "Far Cry 6" ist zwar keine Revolution geworden und in vielen Bereichen ein sehr, sehr klassischer Serienteil, aber auch der bisher beste der ohnehin tollen Reihe, und das will was heißen. Die Handlung ist emotionaler und realistischer, die Karte abgespeckter, bei den Aufgaben kann man alles, muss aber nichts abschließen und das Ballern ist solider denn eh und je.

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch.
Nav-Account rfi Time| Akt:
VideospielGamesSpieletest

ThemaCreated with Sketch.Weiterlesen