Fatima lenkte sich mit Fußball von Mobbing ab

Die Liebe zum Ball begleitet Fatima Hashemi seit einigen Jahren. Am Fußballplatz kann sie abschalten und den stressigen Alltag hinter sich lassen.
Die Liebe zum Ball begleitet Fatima Hashemi seit einigen Jahren. Am Fußballplatz kann sie abschalten und den stressigen Alltag hinter sich lassen.Sabine Hertel
Mit 13 Jahren kam Fatima Hashemi aus Kabul nach Wien. Hier entdeckte sie die Liebe zum Fußball und kickt heute im Verein "PlayTogetherNow".

"Ich bin nicht wie andere Mädchen", lacht Fatima Hashemi im Gespräch mit "Heute". "Ich mag keine Berufe, die nur für Frauen bestimmt sind und mag es auch nicht, wenn Männer sagen, ein Sport sei nur für sie". Ihre Einstellung lebt Hashemi in der Praxis aus. Die 19-jährige ist im dritten Lehrjahr zur IT-Systemtechnikerin und in ihrer Freizeit macht sie vor allem eines gerne: den Fußballplatz unsicher.

Mobbing und Ausgrenzung in der Schulzeit

Doch der Weg dorthin war weit. Hashemi wurde in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, geboren. Fußball wurde dort zwar – zur Überraschung vieler – vor der Machtergreifung der Taliban gespielt, jedoch unter strengen Vorschriften. "Ein Kopftuch und lange Kleidung waren Pflicht", erzählt Hashemi, die sich damals noch vergleichsweise wenig für den Ballsport interessierte. Im Alter von 13 Jahren kam Hashemi mit ihren Eltern und drei Geschwistern in Österreich an, lebte zunächst in Kärnten und zog nach dem positiven Asylbescheid nach Wien. Die Schulzeit war für das junge Mädchen von Ausgrenzung und negativen Erfahrungen geprägt. "Ich wurde gemobbt, vor allem wegen meiner schlechten Deutschkenntnisse", erinnert sie sich. "Ich hatte kaum Freunde und fand keinen Anschluss". Das Mobbing hatte schließlich sogar einen Schulwechsel zur Folge.

Fußball bringt Kulturen zusammen

Eines der wenigen Dinge, die Hashemi in der schweren Zeit Halt gaben, war der Sport. "Anfangs war ich im Turnen, Fußball kam mir nie in den Sinn", erzählt sie. "Für mich war das kein Frauenspiel." In einem Kurs des Integrationsfonds erzählte ihr eine Kollegin von "PlayTogetherNow". Der Wiener Verein bietet neben diversen anderen Freizeitaktivitäten auch Fußball für Menschen mit Migrationshintergrund an. 2018 gründete "PlayTogetherNow" eine Mannschaft, in der auch Frauen, bzw. FLINTA (Female, Lesbian, Inter, Trans, Asexual)-Personen das Fußballspielen ermöglicht wurde. Der ehrenamtliche Verein bietet sämtliche Aktivitäten kostenlos an. Viele Frauen mit Migrationshintergrund fanden damals den Weg zu "Phönix", wie die Mannschaft auch genannt wird. "Fußball besitzt die einzigartige Kraft, Menschen aller Kulturen zusammenzubringen", heißt es vom Verein. "Fair Play und Freude am Spielen sind bei uns groß geschrieben."

Die Entscheidung fiel für Hashemi allerdings nicht sofort. "Alle meine Freunde haben gesagt, ich soll das nicht machen, ich werde es nie schaffen und dieser Sport sei nur etwas für Männer", erinnert sie sich. Die Eltern hatten ganz andere Sorgen: "Sie wollten nicht, dass ich mir etwas breche, mich verletze". Trotz allem Gegenwind entschied sich die junge Frau dafür und absolvierte ihre ersten Trainings vor zwei Jahren - an der Donau. "Wir hatten damals noch keinen Trainingsplatz und keinen Trainer. Es war mehr Spaß - aber genau das war es eben auch. Wir haben es sehr genossen und da habe ich gewusst: Ich will weitermachen."

"Wenn ich spiele, vergesse ich alles"

Seitdem hat sich bei "Phönix" so einiges getan: Mittlerweile spielen zwischen 30 und 50 Frauen regelmäßig auf einem Trainingsgelände in der Donaustadt und haben auch einen Trainer, der sie dabei unterstützt. Aus Spaß ist Ernst geworden: In der DSG-Liga geht es so richtig zur Sache und der Ehrgeiz ist niemandem aus dem Team abzusprechen - wenn auch die Freude am Spiel nie fehlen darf, wie Hashemi bestätigt. Dass die Eltern recht behalten sollten, zeigte sich schon bald: "Ohne blaue Flecken geht es beim Fußball nicht", lacht Hashemi und erinnert sich an so manche Verletzung zurück.

Trainer Omid Mansouri ist begeistert vom jungen Nachwuchstalent: "Sie ist sehr diszipliniert und war eine der wenigen Spielerinnen, die nie ein Match oder Training ausgelassen haben. Sie hat immer das meiste aus dem Training herausgeholt und durch ihre Zielstrebigkeit war es innerhalb von wenigen Monaten schwierig, einen Zweikampf gegen sie zu gewinnen". Hashemi habe aber nicht nur im Fußball begeistert, betont ihr Trainer. Auch im Bereich Inklusion habe sie dem Team sehr geholfen. "Durch ihr Talent und ihre Motivation hat sie sehr viele Frauen dazu motiviert, Fußball zu spielen." Heute führt Hashemi als unsere jüngste Spielerin und Kapitänin das Team mit Zuversicht und übernimmt am Platz auch das Gespräch mit den Schiedsrichtern. Für Mansouri ist sie aus dem Team nicht mehr wegzudenken: "Sie ist nicht nur ein Rollenvorbild für Frauen mit Migrationshintergrund, auch für alle Frauen in unserem Team."

Ein Leben ohne Fußball wäre für Hashemi nicht mehr möglich. Für sie ist der Sport Ausgleich zum oft stressigen Alltag. "Wenn ich spiele, vergesse ich alles, mein Kopf ist dann ganz frei". Doch nicht nur das: Durch den Fußball hat die junge Sportlerin mittlerweile auch Freunde gefunden. "Wir sind wie eine große Familie und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es PlayTogetherNow nicht gäbe", sagt sie. Ihr größter Wunsch wäre, irgendwann mal in einer Profiliga zu spielen. Auf die Frage, wer denn ihr Vorbild sei, kontert sie wie aus der Pistole geschossen: "Natürlich ich selbst!"

Vom Theaterworkshop bis zum Schwimmkurs

Neben dem Fußballspiel bietet der Verein "PlayTogetherNow" auch noch zahlreiche weitere Freizeitaktivitäten für Menschen mit Migrationshintergrund an. Dazu gehören gemeinsame Kochevents, eine Theatergruppe oder Schwimmkurse. Das nächste Theaterstück ist übrigens im Mai geplant und handelt von interkulturellen Perspektiven auf die Liebe. Die Angebote sind kostenlos, der Verein arbeitet ehrenamtlich und ist auf Spenden angewiesen. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Website von "PlayTogetherNow".

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