Die jüngsten Personalentscheidungen von Präsident Wolodymyr Selenskyj sorgen in der Ukraine für Diskussionen. Zuerst wurde der bisherige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow abgesetzt, kurz darauf folgte die Ablöse von Armeechef Olexander Syrskyj. Trotz seines Amtsverlusts bleibt Fedorow bei der Bevölkerung, insbesondere bei jungen Menschen, weiterhin sehr beliebt.
In vielen großen Städten gehen seit Mitte Juli täglich Menschen auf die Straße, um die Wiedereinsetzung Fedorows zu fordern. Für Freitag ist eine große Demonstration in Kiew angesetzt. Der 35-Jährige gilt als Symbol für Modernisierung, vor allem durch seine Arbeit als Minister für digitale Transformation und die Einführung der E-Government-App DIIA.
Wie orf.at berichtet, hat Fedorows technikaffiner Ansatz, etwa durch den verstärkten Einsatz von Drohnen im Krieg, besonders bei der jüngeren Generation Anklang gefunden. Sein Rücktritt wird von vielen als Rückschlag gesehen – auf Protestplakaten war etwa zu lesen: „Fedorows Rücktritt ist ein Geschenk an Russland“.
Der Konflikt zwischen den verschiedenen Flügeln der ukrainischen Streitkräfte ist nicht neu. Während Jüngere und Quereinsteiger aus zivilen Berufen für eine offenere und technologisch fortschrittliche Armee stehen, setzen andere weiterhin auf klassische Militärstrukturen. Fedorow wird der reformorientierten Gruppe zugerechnet, während Syrskyj zur traditionellen Richtung gezählt wurde.
Nach Syrskyjs Entlassung wurde der 43-jährige Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber ernannt, der ebenso als Reformer gilt. Fedorow selbst lehnte nach seiner Absetzung alle weiteren angebotenen Posten ab und fordert weiterhin seine Wiedereinsetzung als Verteidigungsminister. Er erklärte, nur drei Positionen hätten Einfluss auf den Kriegsverlauf: Verteidigungsminister, Oberbefehlshaber und Präsident.
Laut einer aktuellen Umfrage der ukrainischen Forschungsgruppe Rating sprechen sich 72 Prozent der Befragten gegen Fedorows Entlassung aus, nur fünf Prozent begrüßen sie. Die Online-Zeitung Kyiv Independent schreibt, Selenskyj habe aus einem loyalen Vertrauten einen politischen Gegner gemacht. Der Politologe Olexiy Haran meint: „Selenskyj hat Fedorow durch sein eigenes Handeln Auftrieb gegeben und seine Beliebtheitswerte in die Höhe getrieben.“
Fedorows Karriere ist eng mit jener Selenskyjs verbunden – seit Jahren arbeitete er in verschiedenen Funktionen eng mit dem Präsidenten zusammen. Bis zu seiner Entlassung war er durchgehend Teil der Regierung. 2019 organisierte der Unternehmer aus der Region Saporischschja den digitalen Wahlkampfauftritt Selenskyjs und übernahm danach das Ministeramt für digitale Transformation.
Beobachter sehen in Selenskyjs Personalentscheidungen vor allem politische Motive. Es wird vermutet, dass er damit den wachsenden Einfluss Fedorows eindämmen möchte. Eine Präsidentschaftswahl scheint trotz Überlegungen im Umfeld Selenskyjs derzeit unrealistisch, da das Kriegsrecht Wahlen verbietet.
Ob Fedorow seine gestiegene Popularität politisch nutzen kann, bleibt offen. Politikberater Olexij Kowschun sagte gegenüber dem Kyiv Independent: „Damit Wahlpolitik überhaupt eine Bedeutung hat, müssen wir erst einmal überleben. Denn Wahllogik ist bedeutungslos, wenn wir tot sind.“