Einen knappen Monat, nachdem in der Schweiz das neue Schuljahr begonnen hat, heißt es auch für die ukrainischen Kinder und Jugendlichen wieder die Schulbank zu drücken. Doch die Bildungslage präsentiert sich wegen der anhaltenden russischen Invasion immer schwieriger. Eine Umfrage vor dem Schulbeginn zeigt, dass fast 60 Prozent der Eltern ihre Kinder aus Sicherheitsbedenken nicht zur Schule schicken, wie der "Tages-Anzeiger" schreibt.
Die Sorgen sind berechtigt – laut dem Bildungsministerium verfügen nur rund 40 Prozent der Schulen über einen funktionierenden Luftschutzkeller, ein absolutes Muss in der momentanen Lage, wo jederzeit ohne Vorwarnung Luftangriffe über die Bildungseinrichtungen niedergehen können. Alleine seit April wurden laut der Non-Profit-Organisation Acap landesweit 2276 Bildungseinrichtungen beschädigt, mindestens 177 davon wurden komplett zerstört.
Die ukrainischen Behörden beziffern die Zahl der seit Kriegsbeginn zerstörten Schulen gar auf 270, rund 2400 Schulen sollen stark beschädigt sein. Ein Bild, dass am Freitag vom Medienprojekt Nextra auf Twitter gepostet wurde, soll beispielsweise einen Kindergarten in Slowiansk zeigen, der durch russischen Beschuss zerstört wurde.
Der Unterricht im neuen Schuljahr findet vielerorts in ungewohnter Form statt. Während einzelne Regionen auf den von der Corona-Zeit bekannten Online-Unterricht setzen, werden Schülerinnen und Schüler oft auch in Bunkern unterrichtet, weil entsprechende Schulen bereits zerstört sind. Gerade in den Regionen Donezk und Charkiw im Osten der Ukraine wird fast ausschliesslich auf Online-Unterricht gesetzt, da die Bombardierungen und Kämpfe in diesen Gebieten besonders heftig sind.
Dies zeigt sich auch in den Zahlen: Während einzelne Regionen im Westen noch keine einzige Zerstörung von Bildungsinfrastruktur melden, wurden in Charkiw seit dem 24. Februar bereits 515 Schulen zerstört, in der Region Donezk sollen es gar 525 sein.
Auch für ukrainische Kinder in von Russland besetzten Gebieten dürfte dieser Schulstart nur wenig mit jenen vergangener Jahre zu tun haben. Dort haben die Schulen bereits auf russische Lehrpläne umgestellt, um die Jugend umzuerziehen und die ukrainische Identität möglichst weit zu eliminieren – ganz nach dem Gusto von Kreml-Chef Putin, laut dem die Ukraine ein Teil Russlands und die nationale Identität des Landes eine Erfindung aus der Sowjetzeit sei.
Die russischen Behörden sollen laut den Experten des Institute for the Study of War außerdem eine Liste veröffentlicht haben, die die genauen Koordinaten aller Bildungseinrichtungen in von Russland besetzten Gebieten verzeichnet. Offiziell soll die Liste dazu dienen, um vor ukrainischem Beschuss zu warnen, es wird aber befürchtet, dass der Kreml Angriffe unter falscher Flagge starten könnte, um diese dann der Ukraine in die Schuhe zu schieben.
Dies käme der russischen Regierung auch im Hinblick auf die niedrigen Anmeldezahlen in russischen Schulen auf ukrainischem Boden zugute, die dann gegenüber der Bevölkerung in Russland mit anscheinend ukrainischen Angriffen gerechtfertigt werden könnte.