Fiaker wehren sich gegen "ungerechtfertigte" Kritik

Täglich dürfen Besucher in der größten Fiakerei Wiens einen Blick hinter die Kulissen werfen. "Heute" war vor Ort und fragte bei den Kutschern nach, wie sie über Tierleid und strenge Auflagen denken.
"Es sind alle herzlich eingeladen, vorbeizukommen und sich im Stall umzusehen. Wenn Sie uns bei der Arbeit beobachten und sehen, wie wir mit den Pferden umgehen, werden Sie merken, wie viel uns an den Tieren liegt", erzählt Johann Paul seinen Besuchern. Er ist der Chef des größten Fiaker Betriebs in Wien und gewissermaßen ein Aushängeschild eines Wiener Wahrzeichens, das um seinen ehemals guten Ruf kämpfen muss. Streiten will er sich nicht, sondern den Dialog anbieten. In den Stallungen in der Rappachgasse 34a in Simmering haben alle Wiener die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu blicken. Skeptiker sollen durch "Transparenz" überzeugt werden, dass Tierschutz in der Branche ernst genommen wird.

Debattieren in Stall und Kutsche

Täglich um 9.30 Uhr ist der Stall für die Öffentlichkeit zugänglich. Eine Voranmeldung und 25 Euro (pro Person) sind dafür benötigt. Wer den Tieren nahe sein will, darf das tun, die Pferde zeigen bei Fremden keine Scheu. Sie kennen es ja aus der Stadt. Wenig Scheu haben ebenfalls die Mitarbeiter, wenn es darum geht Fragen zur Fiakerei zu beantworten. Auch die besonders Unangenehmen, wie etwa ein mögliches Leid der Pferde durch die Arbeit. Paul betont wiederholt, dass kritische Fragen gar erwünscht wären. Man hätte im Stall nichts zu verbergen und schon gar kein Tierleiden.

Er gibt auch offen zu, dass die Idee zu den informativen Stallbesichtigungen gerade aus den hitzig geführten Debatten entstanden ist. "Vielen haben dazu eine Meinung, nur wenige sind mit der Materie wirklich vertraut", verlautbarte Fiaker-Sprecherin Martina Michelfeit Stockinger einst. Es herrsche "Aufklärungsbedarf", sagt Marco Pollandt von Riding Dinner. Pauls Geschäftskollege und Gründer von Wiens erstem Fiaker-Restaurant ist selbst leidenschaftlicher Kutscher.

CommentCreated with Sketch.13 Kommentar schreiben Arrow-RightCreated with Sketch. Gegen 10 Uhr, geht es in einer einstündigen Fahrt mit den Kutschen von Simmering aus Richtung City, wo die Fiaker um 11 Uhr offiziell ihren Dienst antreten. Die Fahrt ist bei der Besichtigung inkludiert. Man wird mit zur Arbeit mitgenommen sozusagen. Für die Wiener dürfte die Route zu einem der Sammelpunkte in der Inneren Stadt faszinierender sein, als die Sehenswürdigkeiten zu sehen, die man schon bestens aus dem Alltag kennt.

"Einmal bin ich ein paar Minuten zu früh zur Arbeit erschienen – Strafe"

Dort angekommen, fragen wir gleich bei den Kutschern nach, wie sie die Diskussionen um ihren Beruf erleben. Die sehen nicht ein, was das ganze Tamtam soll. Dass Regeln aufgesetzt werden, finden sie nur richtig und gut, allerdings könnten selbst Außenstehende das Gefühl bekommen, die Fiaker wären von einer Anzeigen-Plage befallen.

Unter Kollegen ist Karl Cantonati als "Fiaker-Legende" bekannt. Der 58-Jährige ist ein Anekdoten-Sammelsurium und kennt nicht nur Wien wie seine Westentasche. Seit Jahren erzählt er besonders gern über die Auswüchse städtischer Verordnungen und deren rigorose Kontrollen. "Ich liebe meine Arbeit, ich kann mir nicht vorstellen etwas anderes zu tun, aber was alles auf uns zukommt an Regeln und Bestimmungen…. Früher waren wir angesehene Leute, jetzt sollen wir alleine an den Straßenschäden schuld sein? Sehen Sie diese Vertiefungen in den Straßen, für mich sieht das mehr nach schwerem Kfz-Verkehr aus, man spricht eben lieber über die Spuren von Hufeisen im Asphalt. Es ist zum wahnsinnig werden."

Die Kollegen am Michaelerplatz schließen sich Karl Cantonati an und erzählen über ihre Erlebnisse. Der bürokratische Übereifer sei vor allem in Verbindung mit den horrenden Strafen unverständlich. Es würde bewusst auf kleinste Vergehen geachtet und diese sofort gemeldet werden: "Einmal bin ich ein paar Minuten zu früh zur Arbeit erschienen – Strafe!"

Stimmt mit dem Pferd etwas nicht?

Es seien jedoch nicht nur Überreglementierungen, die ihnen die Arbeit immens erschweren. Der Vorwurf der Tierquälerei bringt vor allem die erfahrensten Kutscher auf die Palme. "Wir hatten hier jemanden, der beim Pferd ein bisschen Mundschaum gesehen hat und sofort Tollwut diagnostizierte. Dabei ist das eigentlich ein positives Zeichen. Oder ein Pferd das ein Bein leicht abgewinkelt hat, da hat es geheißen, es würde sich die Beine in den Bauch stehen."

Marco Pollandt ist kein Urgestein der Fiakerei, Geschichten kann er dennoch zu genüge erzählen: "Wir hatten einige Fälle bisher, bei denen das Verhalten des Tieres aus Unwissenheit heraus völlig falsch eingeschätzt worden ist. Etwa ein Pferd, das zum Sturz kam, blieb liegen, weil es das immer tun würde, da es weiß, dass es sich beim Aufstehen am Geschirr verletzten würde. Uns ist klar, welchen Eindruck das auf andere Menschen macht. Die glauben vor lauter Sorge sofort, dass das Tier vor Erschöpfung nicht mehr weiter kann."

Kompromiss zwischen Fiakern und Tierschützern möglich?

Obwohl es hin und wieder einen Aufschrei gibt, der seiner Meinung nach nicht hätte sein müssen, findet Pollandt die Arbeit der Tierschützer grundsätzlich gut: "Einige Änderungen, die auf deren Bemühungen hin entstanden sind, befürworten wir. Dass die Branche nicht immer im positiven Licht da steht, liegt daran, dass es – wie in jeder Branche – schwarze Schafe gibt. Das kriegen eben dann auch jene ab, die ihrer Arbeit gewissenhaft nachgehen. Es ist jedenfalls wichtig, dass hingesehen wird und Missstände aufgezeigt werden, wenn es wirklich Missstände sind."

Allerdings könnte die Kommunikation zwischen diversen Vertretern der Tierschutzvereine und Fiakern besser sein, meint der Start Up-Gründer. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass die Zusammenarbeit eines Tages viel besser klappen wird. Momentan spricht nicht viel dafür, es gibt fundamentale Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Pferdehaltung und der Umgebung, in der sie sich bewegen. Unter Tierschützern wird vielerorts die Meinung vertreten, dass Quälerei der Pferde dann beginnt, wenn man ihnen den Alltagstrubel einer Großstadt zumutet.

Die wichtigsten Mitarbeiter

Paul Johann dagegen, der seine Pferde als die "wichtigsten Mitarbeiter" des Betriebes bezeichnet, sagt: "80 Prozent der Tiere hier wären schon geschlachtet." Über die Fiaker lässt sich gut streiten und die "schwarzen Schafe der Branche", wie Pollandt anmerkte, geben genug Anlass dazu. Was aber Chef des Familienbetriebes Paul sagt, sollte dabei in Betracht gezogen werden: Pferde sind in der Regel leistbar, ihre Haltung ist jedoch kostspielig. Dass den Tieren mehr Auslauf gut tun würde, versteht sich von selbst, nur ist das Wohl des Tieres wie auch beim Menschen eine Frage des Geldes.

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