Die beliebte Online-Politikorientierungshilfe "wahlkabine.at" steht vor dem Aus. Finanzielle Probleme sorgen dafür, dass die Arbeit bis auf Weiteres eingestellt wird. Auf dem Portal konnten interessierte User per Mausklick eine Liste von rund 25 Fragen zu aktuellen Themen beantworten und so herausfinden, wie ihre persönlichen Meinungen mit den Standpunkten der Parteien übereinstimmen. Darüber hinaus erhalten sie eine detaillierte Übersicht, wie diese Fragen von den Parteien beantwortet wurden.
Seit ihrem Start vor mehr als zwei Jahrzehnten bei der Nationalratswahl am 24. November 2002 hat wahlkabine.at etwa 30 Wahlgänge auf Bundes- und Länderebene begleitet. Geführt von einem Team unabhängiger Experten, hat sich wahlkabine.at großen Vertrauens und enormer Popularität erfreut. Bei den Wiener Landtagswahlen 2020 haben rund 220.000 Menschen von diesem Angebot Gebrauch gemacht, bei der Nationalratswahl 2019 haben fast eine Million Personen auf wahlkabine.at zurückgegriffen. wahlkabine.at zählte europaweit zu den erfolgreichsten Wahlorientierungshilfen und wurde im EU-Parlament als Best Practice Beispiel der Politischen Bildung präsentiert.
"Das zeigt, dass es ein breites Interesse an den inhaltlichen Positionen der Parteien gibt, jenseits des Getöses eines Wahlkampfs und der zunehmenden Personalisierung in der Politik. Auf wahlkabine.at müssen Parteien zu verschiedenen Themen klar Position beziehen, was sie im Wahlkampf aber eher ungern tun. Dadurch sorgt wahlkabine.at mitunter auch für das ein oder andere Überraschungsmoment", erklären die Herausgeber, zu denen neben Journalisten unter anderem auch Politikerwissenschaftler der Universitäten Wien und Innsbruck zählen. "Das große Vertrauen in wahlkabine.at spiegelt sich auch in der Verwendung im Unterricht wider; dadurch ist wahlkabine.at zu einer wichtigen Ressource der politischen Bildung in Österreich geworden. wahlkabine.at erreichte auch Menschen, die sich sonst wenig für Politik interessieren und war besonders in Zeiten von Politikverdrossenheit ein wichtiges Angebot für Jung- und Erstwählen."
Das große Vertrauen und der breite Erfolg basieren auf hohen Qualitätsstandards und parteipolitischer Unabhängigkeit. wahlkabine.at gewährleistet Usern absoluten Datenschutz und wertet keinerlei Daten aus – schon gar nicht zu kommerziellen Zwecken. "Das Redaktionsteam hinter wahlkabine.at, bestehend aus unabhängigen Journalisten österreichischer Tages- und Wochenzeitungen sowie Sozialwissenschaftlern, ist auch das, was sie von internationalen Tools unterscheidet. Aber auch wenn die Mitarbeit vielfach ehrenamtlich erfolgt, bedarf doch jede Ausgabe sehr umfangreicher, professioneller Redaktionsarbeit und diese als unabhängiger Verein zu ermöglichen, wurde zunehmend schwieriger. Aufgrund der notwendigen Neutralität von wahlkabine.at sind politische Anbiederung oder eine kommerzielle Monetarisierung ausgeschlossen. Zuletzt wurde sogar eine Crowd-Funding Kampagne initiiert, was den Arbeitsaufwand aber weiter erhöht und die Finanzierungsgrundlagen noch prekärer macht", heißt es in einer Aussendung am Montag.
Für die Nationalratswahl im kommenden Jahr zeichnet sich ab, dass die Finanzierung für das erforderliche Team nicht mehr möglich sein wird. "Angesichts der fehlenden finanziellen Optionen konnten leider auch keine geeigneten Nachfolger gefunden werden, die eine Weiterführung mit der Qualität und politischen Unabhängigkeit, die die Nutzer von wahlkabine.at erwarten, übernehmen könnten", so das Redaktionsteam. "Deshalb müssen wir mit großem Bedauern bekannt geben, dass wahlkabine.at bis auf weiteres nicht mehr zu Verfügung stehen kann und auch für die kommende Nationalratswahl nicht online gehen wird."