Christian E. soll seine Frau im Streit zuerst gewürgt, dann vom Balkon geworfen haben. Montagabend wurde er des Totschlags für schuldig befunden. Der Staatsanwalt nahm das Urteil nicht an.
Karin E. wurde am 22. April im Innenhof einer Hausanlage in Wieden tot aufgefunden. Sie stürzte 15 Meter von der Terrasse in die Tiefe. Ihr Mann Christian E., der bei der ersten Vernehmung behauptete, gar nicht in der Wohnung gewesen zu sein, spielte vor Freunden und Polizei fünf Tage lang den Ahnungslosen. Die Ergebnisse der Obduktion überführten schlussendlich den Gatten. "Es hätte ein perfekter Mord sein können", wie die Staatsanwaltschaft meinte.
Vor Gericht zeigte er sich am Montag geständig: "Ja, ich bin schuld am Tod meiner Frau, aber es war kein Mord." Der IT-Techniker wird von seinem Anwalt und langjährigen Bekannten Timo Gerersdorfer als "rational denkender" Mensch beschrieben, der "stets nur schlichten wollte". Wie konnte es dann so weit kommen, dass der angeblich Friedliebende wegen Mordes auf der Anklagebank sitzt?
Verteidigung: Problematische Ehe und Scheinglück
Das Eröffnungs-Plädoyer des Verteidigers schoss sich auf den angeblich exzessiven Lebenstil und die radikalen Stimmungsschwankungen der Getöteten. Nie wollte die Mutter ein Kind haben, sie wollte Karriere machen. Der Angeklagte zeigte dafür Verständnis und unterzog sich vor Jahren einer Vasektomie. Als sie trotzdem schwanger wurde, war er immer für die dreijährige Tochter da. Die Frau soll ganze Nächte durchgefeiert haben.
Das alles half nichts: Trotz Rückkehr in den Banker-Job und der Freiheit, feiern zu können, wann immer sie will, soll sie immer tiefer in eine Sinnkrise gestürzt sein. Am meisten setzte ihr jedoch das Älterwerden zu. Der Angeklagte, meint Gerersdorfer, unternahm alles, um die Stimmungs-Eskapaden seiner Frau in den Griff zu bekommen. Er selbst soll nie auf Konfrontationskurs mit ihr gegangen sein.
"Ich war fassungslos und traurig und wollte, dass es aufhört"
Zwei Tage nach Karin E.'s Geburtstag veranstalteten ihr Mann und ein befreundetes Pärchen eine kleine Feier für die 45-Jährige. Das Feiern des "Alterns" soll sie jedoch als zynisch empfunden und mit wüsten SMS reagiert haben. Auf die Frage, ob der Angeklagte diese SMS vorzeigen kann, sagte er, er hätte sie gelöscht.
Christian E. vermittelte bei seinen Aussagen den Eindruck einer zerrütteten Ehe, die nur deswegen weiterhin bestand hatte, weil er sich aufopferte. An diesem Abend jedoch eskalierte es: "Sie warf ein Prosseco-Glas nach mir, schlug auf mich ein und trat nach mir. 'Stirb du Oasch', 'du bist ein wundervoller Vater, aber ein miserabler Eheman!', schrie sie mich an. Ich war fassungslos, traurig und wollte nur, dass es aufhört. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist, aber ich begann sie zu würgen." Bei seinen Ausführungen zum Tat-Abend kämpfte er gegen die Tränen.
"Wahrscheinlich war es ein Unfall"
Christian E. wusste vor Gericht scheinbar selbst nicht mehr, wie er die Tat einordnen soll. Die letzten Momente bevor seine Frau in die Tiefe stürzte, will er gar nicht gesehen haben: "Als sie mich auf der Terasse ein weiteres Mal attackierte, würgte ich sie wieder und drehte meinen Kopf weg. Irgendwann hörten die Tritte und Faustschläge auf. Ich weiß nicht mehr wie lange es dauerte." Der entscheidende Moment der Tat – der Sturz – bleibt im Ungewissen. Auf die Frage, ob er es als einen "Unfall" beschreiben würde, musste der 46-Jährige nachdenken. "Da ich meine Frau nicht töten wollte, war es wahrscheinlich ein Unfall, ja."
"Ein Harmonisierer", bei dem "der letzte Tropfen das Fass zum überlaufen brachte"
Mehr Klarheit brachte das Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen. "Der Angeklagte ist, wie die Verteidigung schon beschrieben hat, eine Person die Konflikte immer lösen wollte, sei es auch zu seinem Nachteil. Wenn er ein Konflikt nicht gelöst werden konnte, dann flüchtete er. Er ist das, was ich als einen 'Harmonisierer' bezeichnen würde. Was aber auch dazu führt, dass sich negative Spannungen in ihm jahrelang sammelten. Die Tat war der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte: ein destruktiver Ausbruch."
Als Zeugen geladene Bekannte gaben vor Gericht an, nichts von Ehe-Problemen mitbekommen zu haben. Die Verstorbene habe ihre Tochter geliebt, sei in der Mutterrolle aufgegangen. Von "außergewöhnlichen" Streitigkeiten mit dem Ehemann hätten sie nichts mitbekommen.
Sieben Jahre Haft wegen Totschlags
Am Abend wurde Christian E. wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft gab keine Erklärung ab, das Urteil ist damit nicht rechtskräftig.