Mila J. (Name geändert) war mit ihrem Mann sechs Jahre lang verheiratet, als es im Mai des Vorjahres zum heftigsten Streit in ihrer Ehe kam. "Er ist ausgeflippt, weil wir nicht einer Meinung waren. Er hat mich gegen die Wand gestoßen, dann auf die andere Seite und dagegen gedrückt. Ich habe Hämatome an der linken Schulter und am Oberarm erlitten. Unser damals zweijähriger Sohn hat alles mitbekommen. Er hatte furchtbare Angst", schildert die 36-Jährige im "Heute"-Gespräch.
Es war nicht das erste Mal, dass der Mann die Wienerin misshandelt hatte. "Ein paar Monate davor hat er mich nach einem Streit an den Haaren auf den Boden gezogen. Ich war damals schwanger und hatte unseren Sohn am Arm." Erst nach dem letzten Vorfall rief Mila J. die Polizei. Sie erwirkte eine einstweilige Verfügung und ein Betretungsverbot. Außerdem reichte sie nach dem wiederholten Gewaltausbruch die Scheidung ein, die inzwischen rechtskräftig ist.
Erst eine Woche nach dem Streit ging ihr Mann zum Arzt. "Er behauptete plötzlich, ich hätte ihm den Finger verdreht, bzw. sogar gebrochen und zeigte mich ebenfalls an", erzählt die Wienerin entsetzt. "Ich habe nie Gewalt gegen ihn angewendet, es stimmt einfach nicht, was er behauptet." Und: "Bei der Einvernahme der Polizei war weder eine Rötung, noch Schwellung an seinem Finger zu sehen."
Vor wenigen Wochen fand nun die Verhandlung am Bezirksgericht Floridsdorf statt. "Fast noch schockierter als von meinem Ex war ich vom Urteil des Richters", sagt Mila J. Nachdem ihr geschiedener Mann bereits zwei Termine platzen ließ, machte er nun endlich seine Aussage. Die Wienerin selbst wurde als Gewaltopfer jedoch nicht angehört. "Ich konnte nicht mal den Sachverhalt schildern." Der Richter bat den Ex-Eheleuten jeweils eine Diversion an, doch die Wienerin lehnte ab, da sie die Tat nicht begangen habe.
"Jetzt wurde ich verurteilt und muss meinem gewalttätigen Ex 200 Euro Schmerzensgeld zahlen", ist die 36-Jährige außer sich. Ihr geht es nicht um die Summe, sondern um die Tatsache, unschuldig verurteilt worden zu sein. Ihr früherer Mann hatte seine Tat gestanden und musste ihr ebenfalls 200 Euro Schmerzensgeld bezahlen.
Mila J. ließ sich beim Prozess von einer Juristin der Interventionsstelle Wien begleiten. "Die überwiegende Zahl der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen und Kinder. Allein in Wien sind letztes Jahr seitens der Polizei mehr als 4.000 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen worden", so eine Expertin der Interventionsstelle zu "Heute". "Häusliche Gewalt ist ein sehr komplexes Problem und die Gewaltspirale, in der sich die Opfer befinden, nicht so leicht zu durchbrechen. Manche Opfer brauchen mehrere Jahre bis sie sich trauen, erste Schritte zu setzen. Es kommt eher selten vor, dass es Zeug:innen der Gewalt gibt, was es nicht immer leicht macht, Beweise für ein auf ein Betretungs- und Annäherungsverbot folgendes Strafverfahren zu sichern."
Hier erhalten Betroffene von Gewalt Hilfe:
Frauenhelpline (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 222 555
Männernotruf (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 246 247
Rat auf Draht: 147
Autonome Frauenhäuser: 01/ 544 08 20
Gewaltschutzzentren: +43 1 585 32 88
Weisser Ring: 0800 112 112
Für die Wiener Interventionsstelle ist klar: "Die Gefährder übernehmen nur in den seltensten Fällen die Verantwortung für die ausgeübte Gewalt. Es kommen vielmehr verschiedene Strategien zum Einsatz, um den Opfern die Schuld zu geben und sie verantwortlich zu machen. Hier sprechen wir von sogenanntem Victim-Blaming, einer Täter-Opfer-Umkehr. Hier ist die Justiz sehr gefragt, um anhand der – leider oft nicht besonders dichten – Beweislage die richtigen Schlüsse zu ziehen und Konsequenzen zu setzen." Bei Mila J. wurde dies nicht im Sinne des Opfers umgesetzt.