Frauenhäuser begehen ihren 40. Jahrestag

Mit einer Sonderausstellung im Wiener Volkskundemuseum begeht der Verein Wiener Frauenhäuser des 40. Jahrestag ihrer Gründung.

"Am Anfang war ich sehr verliebt …". Unter diesem Namen bietet eine Ausstellung im Wiener Volkskundemuseum in der Laudongasse 15-19 (Josefstadt) erstmals eine Übersicht über die Geschichte und Entwicklung der Wiener Frauenhäuser. Eröffnet wurde die Schau am Abend des 26. April durch die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), die Vorsitzende des Vereins Wiener Frauenhäuser Martina Ludwig-Faymann, die Geschäftsführerin Verein Wiener Frauenhäuser Andrea Brem sowie dem Direktor des Volkskundemuseums Matthias Beitl und Kuratorin Anne Wanner.

"Die Ausstellung ist eine würdige Idee, das 40. Jubiläum der Frauenhäuser zu begehen", erklärte Frauenberger Donnerstag im Zuge einer Pressekonferenz. Es sei eine Frage der Haltung, wie man Frauen beim Durchbrechen der Gewaltspirale unterstützen könne. Daher nehme die Stadt Wien ihre Verantwortung ernst und habe die Finanzierung der Wiener Frauenhäuser als fixen Punkt im Budget verankert, betonte sie.

Erstes Frauenhaus im November 1978

Am 27. April 1978 wurde der Verein Soziale Hilfen für gefährdete Frauen und ihre Kinder gegründet. Im November 1978 eröffnete das erste Frauenhaus in Wien. Ausgehend von den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen der 1970er Jahre, die die Gründung des ersten Frauenhauses ermöglichten, zeigt die Ausstellung die Anfänge der Frauenhausarbeit und die Entwicklung der psychosozialen Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern in den letzten vier Jahrzehnten. Darüber hinaus stellt sie die persönlichen Geschichten gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder in den Mittelpunkt. Eingebettet wird all dies in den Kontext politischer und gesellschaftlicher (Frauen-)Bewegungen und Realitäten der vergangenen Jahrzehnte.

Ziel des gemeinsam mit dem Verein Wiener Frauenhäuser erarbeiteten Ausstellungsprojekts ist es, die Wahrnehmung und die Sensibilisierung für das Thema Gewalt gegen Frauen zu verstärken und die professionelle und gesellschaftspolitische Arbeit der Frauenhäuser einem breiten Publikum vorzustellen.

"Nach wie vor geschieht Gewalt zu einem hohen Teil im direkten Umfeld, also durch den Partner oder Ex-Partner. Daher ist es wichtig, den Frauen zu zeigen, dass die Stadt an ihrer Seite steht", betonte Frauenberger.

Frauenrechte im Wandel der Zeiten

In Österreich galt bis in die 1970er Jahre das im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch von 1811 festgeschriebene Familienrecht, das den Ausbruch aus einer Gewaltbeziehung für Frauen massiv erschwerte. § 91 ABGB definierte den Mann als Oberhaupt der Familie, Ehefrau und Kinder erhielten automatisch den Nachnamen des Mannes. Der Mann war der alleinige gesetzliche Vertreter der Kinder. Er blieb dies auch im Scheidungsfall, unabhängig davon, bei welchem Elternteil die Kinder lebten. Häusliche Gewalt galt als Tabuthema.

Dies änderte sich durch die Frauenbewegung der 1920er und später der 1960er und 1970er Jahre. Federführend für die Umgestaltung des Familienrechts waren der damalige Justizminister Christian Broda und die Frauenpolitikerin Johanna Dohnal. Der §91 wurde im Jahr 1975 abgeschafft. Anstelle der patriarchalen Bestimmungen aus dem 19. Jahrhundert trat die Partnerschaftsehe, die beiden Ehepartnern die gleichen Rechte und Pflichten zuschrieb.

Über 17.000 Frauen in 40 Jahren betreut

"Das erste Wiener Frauenhaus war zugleich auch das erste in Österreich und eigentlich nicht mehr als ein vergrößertes Wohnzimmer. Daher wurde schon 1980 das zweite Frauenhaus gebaut. Heute haben wir in Wien vier große, moderne Frauenhäuser sowie 44 Übergangswohnungen, in denen Frauen wohnen können, die bereits aus dem Frauenhaus ausgezogen sind, aber noch nicht in der Lage sind wieder selbstständig ihr Leben zu bestreiten", erklärte Ludwig-Faymann, Vorsitzende des Vereins Wiener Frauenhäuser.

In den 40 Jahren ihres Bestehens hätten die Wiener Frauenhäuser 17.400 Frauen und fast ebenso viele Kinder betreut, davon rund 6.300 in den letzten zehn Jahren. "Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Neben der physischen, psychischen und sexualisierten Gewalt stellen wir auch eine Zunahme der Cybergewalt fest", erklärte Ludwig-Faymann.

Jede 5. Frau von häuslicher Gewalt betroffen

Aktuelle Zahlen zeigen, dass in Österreich jede fünfte Frau von Gewalt durch ihren Ehemann oder Partner betroffen ist. In Wien bieten heute insgesamt vier Frauenhäuser Schutz, Unterstützung und eine vorübergehende Wohnmöglichkeit für Frauen, die in ihrer Beziehung körperlich, psychisch oder sexuell misshandelt oder bedroht werden. Die Kontaktaufnahme zu den Wiener Frauenhäusern erfolgt telefonisch, eine Aufnahme im Frauenhaus ist rund um die Uhr möglich.

2017 gingen am Wiener Frauenhausnotruf 1.873 Platzanfragen ein. Nicht alle gewaltbetroffenen Frauen melden sich direkt bei den Frauenhäusern, sondern wenden sich zunächst an die Polizei, das Jugendamt oder andere Gewaltschutzeinrichtungen. Diese vermitteln sie im Bedarfsfall weiter. 2017 machten sich in Wien 624 Frauen mit ihren 640 Kindern auf den Weg in ein Frauenhaus.

Gefährdung oft auch nach Einzug ins Frauenhaus

Obwohl die Betroffenen in den Wiener Frauenhäusern Schutz und Unterstützung finden, geht die Gefährdung der Frauen durch ihren gewalttätigen Partner oder Ehemann oft noch weiter. So werden etwa die Mitarbeiterinnen telefonisch oder außerhalb des Frauenhauses bedroht. Besonders nach der Trennung von ihrem Partner ist das Sicherheitsrisiko für die Frauen hoch. Die Gewalttäter befürchten oder realisieren, dass sie die Macht und Kontrolle über ihre Familie verlieren. Viele Männer akzeptieren die Trennung nicht und üben weiterhin Druck auf die Frauen aus.

Frauen erzählen persönliche Geschichten

In Interviews erzählen Frauen von den erlebten Gewaltgeschichten, ihrem Schritt ins Frauenhaus und wie es ihnen dabei erging. Zahlreiche persönliche Objekte zeugen von Geschichten von Gewalt, Flucht und anhaltender Bedrohung, aber auch von dem Weg in ein selbstständiges und gewaltfreies Leben. Zur Vorbereitung der Ausstellung wurden die Hausarchive gesichtet. Daher stammen historische Objekte oder Dokumente zur Institutionsgeschichte der Frauenhäuser.

Kuratiert wurde die Ausstellung von der studierten Ethnologin und Historikerin Anne Wanner, die seit Oktober 2016 im Volkskundemuseum Wien arbeitet. Unterstützt wurde sie dabei von der diplomierten Sozialarbeiterin und Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser Andrea Brem.

Frauenhäuser als Arbeitsplatz

Die Ausstellung geht aber auch der Frage nach, welchen Herausforderungen und Belastungen die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser ausgesetzt sind und thematisiert Klischees und Vorurteile, die noch immer über ihre Arbeit kursieren. Aktuell arbeiten über 100 Frauen in den Wiener Frauenhäusern, der ambulanten Beratungsstelle des Vereins, dem Übergangswohnbereich und der Geschäftsführung. Nach wie vor sind im Verein ausschließlich Frauen beschäftigt. Feministische Grundsätze sind noch immer die Basis der Frauenhausarbeit.

In diesem Zusammenhang werden auch die Frauenbilder thematisiert, die uns Werbung, Popmusik oder Medien vermittelten und vermitteln. So wird etwa der Frage nachgegangen, welche Rolle diese Bilder für die bewusste oder unbewusste Akzeptanz von Rollenbildern und ungleichen Machtverhältnissen spielen.

Ausstellung noch bis 30. September

Die Ausstellung "Am Anfang war ich sehr verliebt…" ist von 27. April bis 30. September 2018 im Volkskundemuseum Wien in der Laudongasse 15-19 zu sehen. Geöffnet ist sie Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, ab Mai an den Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. Jeden Sonntag um 15 Uhr finden auch Führungen statt, eigene Termine sind auf Anfrage möglich. Der Eintritt kostet für Erwachsene acht Euro, ermäßigte Tickets und Karten für Senioren gibt es um sechs Euro, Studenten, Lehrlinge und Arbeitslose zahlen vier Euro.

(lok)

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