"Gewalt an Frauen kostet dem Staat viel Geld"

Die Allianz "Gewaltfrei Leben", ein Zusammenschluss von über 30 Gewaltschutzorganisationen, prangert das Fehlen von finanziellen Mitteln an.
Am Donnerstagabend ist es in Wien zu einer schrecklichen Gewalttat gegenüber einem 16-jährigen Mädchen gekommen. Der mutmaßliche Täter, ihr Ex-Freund, soll ihr nach Hause gefolgt sein und mindestens 30-mal mit einem Messer auf sie eingestochen haben. Sie schwebt derzeit in Lebensgefahr.

Allianz „Gewaltfrei Leben" prangert das fehlende Budget zur Gewaltprävention an

Das ist eine von zahlreichen erschreckenden Nachrichten, die uns in Österreich beschäftigen. Das Land zählt bereits sechs Femizide, sogenannte Frauenmorde, in diesem jungen Jahr 2020. Die Allianz „Gewaltfrei Leben", ein Zusammenschluss von über 30 Gewaltschutzorganisationen, prangert nun das Fehlen von finanziellen Mitteln an. Derzeit gebe es ein jährliches Budget von zehn Millionen Euro für alle Maßnahmen zur Prävention und zur Gleichstellung von Frauen.

24-Stunden Betrieb der Frauenhelpline steht vor dem Aus

"Jeder Mord verunsichert eine Frau, die in einer Gewaltsituation ist. Wir müssen dieser Frau das Gefühl geben, dass sie in Österreich sicher ist", sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. Die hohe Zahl der Frauenmorde sei ein klares Zeichen dafür, dass in Österreich zu wenig für Gewalt-Prävention getan werde. Wenn das Budget nicht aufgestockt werde, so stehe vor allem die seit 20 Jahren rund um die Uhr und aus ganz Österreich verfügbare Frauenhelpline (0800-222-555) vor dem Aus. "Es kann sein, dass wir die Stunden am Vormittag nicht mehr anbieten können, weil sich das nicht mehr ausgeht. Die 24-Stunden Frauenhelpline ist eine sichere Einrichtung, wo sich Frauen rund um die Uhr hinwenden können. Das ist eine zentrale Anlaufstelle für ganz Österreich. Wir haben jährlich über 8.000 Frauen und Personen aus der Umgebung der Frauen. Das ist eine wichtige Gewaltpräventionsstelle", erklärt Rösslhumer.

CommentCreated with Sketch. zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt kann sich nicht um die Kinder kümmern

Das knappe Budget zur Gewaltmittelprävention führe dazu, dass man sich immer nur bei akuten Problemen einschalten könne und längerfristig keine Betreuung ermöglichen könnte, betont Rosa Logar, Geschäftsführerin Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. Jede einzelne Beraterin betreue rund 280 Klientinnen im Jahr. Im Schnitt haben sie nicht mehr als 5,5 Stunden Beratungszeit pro Klientin. Für mittel- und langfristige Unterstützung fehlen die Ressourcen. Man bräuchte mindestens zehn Stunden pro Klientin, heißt es. Im Jahr 2018 etwa haben 5.350 Kinder Gewalt in Wien miterlebt. Meistens müssten sie mitansehen und erleben, wie Gewalt gegen ein Elternteil (zumeist die Mutter) ausgeübt wurde. Diese Kinder seien schwer traumatisiert, könnten selbst zum Täter werden. Aber um sich darum zu kümmern, dafür gebe es einfach kein Budget, so Logar. „Das Geld fehlt, weil der ganze Bereich der Prävention von Gewalt in der Familie, Gewalt an Frauen und Stalking unterdotiert ist. Es gibt hier zwar ein großes Bekenntnis, dass es wichtig ist, dass man hilft. Aber es sind oft nur Lippenbekenntnisse. Die Anerkennung des Problems ist nicht in Einklang mit der Höhe der Mittel, die bereitstehen. Wenn man das Frauenressort des Bundes anschaut, das sind zehn Millionen Euro, die pro Jahr für alle Frauen und Mädchen in Österreich zur Verfügung stehen für Gleichstellung und gegen Gewalt an Frauen. Das sind 2,6 Euro pro Frau und Mädchen. Das ist einfach zu wenig."

Allianz ‚Gewaltfrei leben': "Gewalt kostet dem Staat viel Geld"

"Wir fordern 210 Millionen Euro für die Prävention von Gewalt. Diese Summe brauchen wir, um Opfer zu schützen und Gewalt zu verhindern", betont Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin Verein Autonome Frauenhäuser. Eine von fünf Frauen sei von Gewalt betroffen und die Konsequenzen und Kosten seien für Österreich noch viel höher. Das Referat zu Bewertung des Europäischen Mehrwerts (European Added Value Unit - EAVA) der EU schätzt die Kosten innerhalb der EU auf 226 Milliarden Euro. Das entspreche rund 450 Euro pro EU-Bürger und damit 3,7 Milliarden Euro für Österreich. Diese Kosten beziehen sich auf Polizeieinsätze, Krankenhausaufenthalte, Arbeitsunfähigkeit oder auch die weiterführende Kriminalität der Kinder, die selbst Kriminalität erlebt haben.

Verein "Orient Express" zählt mehr bedrohte Klientinnen von Zwangsheirat, aber nicht mehr Budget

Auch Selma Demir, aus dem Vorstand des Vereins Orient Express, einer Beratungsstelle für Frauen mit Migrationshintergrund, die bei Gewalterfahrungen und Missbrauch hilft, prangert die fehlenden Mittel an. Sie haben mehr und immer jüngere Klientinnen: "Sie sind nicht mehr betroffen, also es kommt nicht zur Zwangsheirat, sondern sie sind bedroht. Da ist ein Wandel die letzten Jahre passiert. Wir erreichen mehr Bedrohte und nicht Betroffene." Ihre Sonderschwerpunkte seien auch Genitalverstümmelung und Zwangsheirat. Konkret fehlen finanzielle Mittel in der Beratungsstelle: "Dort wo Beratungen und Begleitungen als Erstanlaufstelle in die anonymen Schutzeinrichtungen erfolgen müssen. Da fehlt es an Gelder für den Personaleinsatz", betont sie.

Beratungsstellen für sexuelle Gewalt haben 25.000 Euro Jahresbudget

Ursula Kussyk vom Bund Autonome Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt sieht eine positive Entwicklung, dass dank der Me-Too -Bewegung immer mehr Frauen Mut haben, gegen sexuelle Gewalt aufzustehen und davon zu erzählen.

In ihren Stellen bieten sie Beratung persönlich, telefonisch, per Email für Frauen und Mädchen ab 14 bei sexueller Gewalt an. "Das geht von sexueller Belästigung bis hin zu schwerer Vergewaltigung. Wo es beim Geld fehlt ist, dass es bei fünf Einrichtungen, die es seit den 80er Jahren gibt, viel zu gering personell ausgestattet sind. Es gibt jetzt die Hoffnung, dass ein nachvollziehbares, pragmatisches Finanzierungssystem mit der Neugestaltung der vier Stellen in den Bundesländern, die es nicht gegeben hat, miteingeführt wird", so die Sozialarbeiterin. Die neu eingeführten Stellen hätten 25.000 Euro Budget im Jahr, das sei auf Dauer zu wenig.

Erarbeitung feministischer Unterrichtsmodelle: Zu wenig Geld für Personal

Die Miete werde erhöht, genauso wie Gas und Strom. "Nachdem unsere Summen bestenfalls gleich bleiben, mit ganz wenig Anpassungen, ist es so, dass wir dann Stunden kürzen müssen. Weil wir das Geld für die Infrastruktur brauchen: Wir brauchen ein Büro, wir brauchen ein Telefon", erklärt Renate Tanzberger aus dem Verein EfEU. Ihr Verein arbeitet intensiv mit Lehrkräften daran, Geschlechter-Bilder zu hinterfragen. "Wenn sie zum Beispiel einen Tisch wegschieben und dann sagen sie: ‚Welcher starke Bursch hilft mir?'. Wenn ein technisches Gerät bedient wird und Lehrer wenden sich immer an die Burschen. Hier ist es wichtig, auch für Lehrkräfte nochmals die eigenen Geschlechter-Bilder zu hinterfragen und zu schauen, wie wirkt sich das auf meinen Unterricht aus."

Gewaltpräventions-Maßnahmen für Polizisten, Richter und Schüler

Die von der Allianz „Gewaltfrei leben" geforderten 210 Millionen Euro würden nicht nur zu den unterschiedlichen Organisationen fließen - und diese unterstützen, sondern auch in eine langfristig angelegte Gesamtstrategie investiert werden, um Frauen und Kinder besser vor Gewalt zu schützen – den nationalen Aktionsplan gegen Gewalt. Die Allianz „Gewaltfrei leben" will zusätzlich Geld in Forschung investieren, Weiterbildungsmöglichkeiten für relevante Berufsgruppen wie etwa Polizisten oder Richter ermöglichen, Ressourcen für Dolmetschleistungen erhöhen, Gewalt-Aufklärungsarbeit an Schulen ermöglichen, internationale Zusammenarbeit und eine technische Ausstattung von Gerichten für sensiblere Einvernahmen von Gewaltopfern zur Verfügung stellen.

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