Frühgeborene müssen Lärm über 100 Dezibel ertragen

Ein Brutkasten im Simulationsraum im AKH.
Ein Brutkasten im Simulationsraum im AKH.Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Eine Studie der MedUni Wien zeigt, dass Frühgeborene im Brutkasten einer hohen Lärmbelastung ausgesetzt sind.

Was hören Frühgeborene, die im Brutkasten liegen? Dieser Frage hat sich ein Team von MedUni Wien und AKH Wien unter der Leitung von Vito Giordano (Neurowissenschaftler an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde und CCP, Comprehensive Center for Pediatrics von MedUni Wien und AKH Wien) und vom Musikphysiologen Matthias Bertsch von der Universität für Musik und darstellende Kunst in der aktuellen Studie "The Sound of Silence" im Journal "Frontiers in Psychology" gewidmet. Dabei zeigt sich, dass Frühgeborene im Brutkasten besonders bei unterstützter Beatmung einer hohen Lärmbelastung ausgesetzt sind.

Das Hörerlebnis in der Gebärmutter unterscheidet sich deutlich von der Hörbelastung außerhalb der Gebärmutter auf einer Intensivstation für Neugeborene (NICU): "Durch den Mutterleib werden hauptsächlich niederfrequente Geräusche (unter 500 Hertz) durch den Mutterleib übertragen und gefiltert. Mehrere Studien haben dokumentiert, dass der Schallpegel innerhalb einer NICU den empfohlenen Schwellenwert von 35 Dezibel (dB) bei weitem permanent überschreitet. Signale von Überwachungsmonitoren, lautes Sprechen, rasches Öffnen der Türen oder medizinische Behandlungen führen zu erhöhten Grundschalldruckpegel und erreichen Spitzenwerte von weit über 100 Dezibel", erklärt Giordano.

Hoher Lärmpegel kann zu Hörschäden führen

Hohe Schallpegel können allerdings zu Hörschäden oder sogar zu Hörverlust führen – bei Frühgeborenen liegt die Häufigkeit bei zwei bis zehn Prozent, bei anderen Kindern dagegen nur bei 0,1 Prozent. "Frühgeborenen im Inkubator fehlt die natürliche Filterung und Absorption der Geräuschkulisse im Mutterleib. Neue akustische Reize bzw. Lärm beeinflussen stark die postnatale Reifung des auditorischen Systems", so Giordano. Stille, die zu einem Gefühl der Isolation führt, ist allerdings ebenso schädlich wie zu laute Reize.

Ziel der nun publizierten Studie war es zum einen, die Dynamik von Geräuschen in einem Inkubator zu dokumentieren, und zum anderen diese Geräuschkulisse erfahrbar, hörbar zu machen: "Jeder, insbesondere Pflegekräfte, Musiktherapeuten oder Eltern können nun durch selbst wahrnehmbare Hörbeispiele eine Vorstellung davon bekommen, wie es 'in der Box' klingt. Drinnen klingt es anderes als draußen vor dem Brutkasten, denn dieser erzeugt einen Bass-Boost, d.h. tiefe Frequenzen unter 250 Hz sind deutlich lauter", erklärt Musikphysiologe Matthias Bertsch.

Situation im Brutkasten am eigenen Leib erfahren

Wer sich eine Vorstellung davon machen möchte, wie ein Frühchen im Brutkasten Musik, Geräusche und direkte Ansprache wahrnimmt, kann sich die 360-Grad-VR-Video Dokumentation ansehen und anhören.

Die Ergebnisse der Studie zeigen eine "Schutzwirkung" des Inkubators insbesondere vor Geräuschen im mittleren bis hohen Bereich, aber eine Verstärkung niedriger Frequenzen innerhalb eines Inkubators. Des Weiteren gibt es nahezu keine akustische Schutzwirkung einer Inkubator-Abdeckung, eine Zunahme höher frequenter Geräusche bei geöffneten Zugangstüren sowie hohe Geräuschpegel, die von einem Atemunterstützungsgerät erzeugt werden. "Für Hörer ist es auch besonders beeindruckend, wie laut diese Atemunterstützungsgeräte im Inneren werden, wenn die Luftmenge nur leicht erhöht wird. Bei hohem Flow und dem damit einhergehenden Rauschen ist der Anstieg dermaßen hoch, dass der Lärm dem eines Staubsaugers in einem Meter Entfernung entspricht (75 dB). So werden zum Beispiel Stimmen von außen unverständlich", fassen die Studienautoren zusammen. Den behandelnden Ärzten wird daher geraten, nur die tatsächlich notwendige Intensität einzustellen. Genaue Informationen zur "Sound of Silence"-Studie finden sich auf der Seite mdw.ac.at/mbm/iasbs/sound-of-silence/.

Forschungsteams arbeiten an neuen Technologien

"Es ist uns wichtig, nicht nur mit akustischen Schallpegeltabellen, sondern mit nachvollziehbaren hörbaren Ergebnissen auf die Problematik erneut aufmerksam zu machen. Die Folgen einer frühen Lärmbelastung können vielseitig sein, wie zum Beispiel eine verminderte Fähigkeit zur Sprachdiskriminierung im Vergleich zu termingeborenen Kindern, was in einer parallelen Studie an der MedUni Wien nachgewiesen werden konnte." Diese wurde im Juli 2019 im Journal "Developmental Cognitive Neuroscience" unter der Leitung der Neurolinguistin Lisa Bartha-Doering im Comprehensive Center for Pediatrics (CCP) von MedUni Wien und AKH Wien durchgeführt. Infos zu dieser Studie unter meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2019/news-im-juli-2019/sprachentwicklung-beginnt-schon-im-mutterleib/.

"Die Erkenntnisse dieser Studien zeigen, dass es wichtig ist, in neue Technologien investieren", erklärt Angelika Berger, Leiterin der Klinischen Abteilung für Neonatologie, Pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie der MedUni Wien/AKH Wien, "und unsere Forschungsteams arbeiten an solchen neuen Technologien, um den akustischen Komfort für unsere kleinsten Patienten verbessern können."

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