Der Mann, der den Hitlergruß erfand

1919 hielt ein italienischer Dichter die Welt kurz in Atem. Er gilt als ein Vordenker des Faschismus.

Es war ein riesiges Spektakel, das sich am 12. September 1919 in Fiume (heute Rijeka an der kroatischen Adria) abspielte. Ein Konvoi von Lastwagen brachte italienische Freischärler in die Stadt, die mehrheitlich italienische Bevölkerung jubelte den Männern zu. An ihrer Spitze stand Gabriele D'Annunzio, ein bedeutender Dichter, aber auch ein politischer Abenteurer.

Vom Balkon des Rathauses aus erklärte er: "Ich, der Freiwillige, der in allen Waffengattungen gekämpft hat, ich, der verwundet und verstümmelt wurde, ich reagiere auf die tiefe Sorge meines Landes, indem ich verkünde, dass Fiume heute auf ewig zur Mutter Italien zurückgekehrt ist."

Verstümmelter Sieg

Das Problem dabei war, dass Mutter Italien Fiume gar nicht haben wollte. Zwar waren viele Italiener enttäuscht darüber, dass ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg an der Seite der Sieger nur zu bescheidenen Gebietsgewinnen geführt hatte. D'Annunzios Rede vom "verstümmelten Sieg" (vittoria mutilata) fand durchaus Zuspruch. Die meisten hatten sich aber damit abgefunden, dass Fiume in den Pariser Friedensverhandlungen Kroatien zugesprochen worden war.

Exzentriker

D'Annunzio als schillernde Figur zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Er brüstete sich damit, Hunderte von Frauen verführt zu haben, darunter die reichsten und berühmtesten seiner Zeit. In seiner Garderobe fanden sich nicht nur Hunderte von Schuhen und Handschuhe aus erlesenem Leder, sondern auch ein Nachthemd, das vorne mit einem goldbestickten Loch ausgestattet war. Es sollte ihm wohl den Beischlaf mit seiner jeweiligen Geliebten erleichtern.

Er war aber auch ein Kriegsheld. Beim Kriegseintritt Italiens 1915 meldete er sich sogleich freiwillig, obwohl er schon 52 Jahre alt war. Er nahm an zahlreichen Gefechten teil und verlor dabei sein rechtes Auge. Legendär wurde er, als er 1918 Wien, die Hauptstadt von Italiens Erzfeind, überflog und dabei Flugblätter in den italienischen Nationalfarben abwarf.

Impresa di Fiume

Der Impresa di Fiume (Unternehmen von Fiume) genannte Stadtstaat, über den D'Annunzio nun herrschte, war eine Mischung aus archaischen und modernen Elementen. Er war nach dem Ständeprinzip organisiert, garantierte aber auch die Gleichheit der Geschlechter.

D'Annunzios Hofhaltung wirkte auf ausländische Besucher unwiderstehlich komisch. Wenn er im Rathaus die Staatsgeschäfte führte, spielte im Hintergrund seine aktuelle Geliebte, eine Pianistin, Sonaten von Beethoven.

Das Ende

1920 wurde es der italienischen Regierung zu bunt. Nach einer längeren Wirtschaftsblockade ließ sie Fiume bombardieren. D'Annunzio wurde verwundet, konnte aber nach Italien fliehen, wo er trotz seiner Eskapaden bis zu seinem Tod im Jahr 1938 unbehelligt lebte.

Römischer Gruß

Das Unternehmen von Fiume scheiterte grandios, blieb aber nicht ohne Folgen. Der spätere italienische Diktator Benito Mussolini war von D'Annunzios Inszenierungen fasziniert. In seiner faschistischen Bewegung führte er den "römischen Gruß" mit ausgestrecktem rechtem Arm ein. Und dieser war unter D'Annunzios Anhängern üblich gewesen. Tatsächlich ist die Bezeichnung "römischer Gruß" unhistorisch: Nach Auskunft des Altphilologen Wilfried Stroh gibt es zwar einige Römerstatuen mit erhobener rechter Hand, aber eine übliche Grußgebärde war das nie. Die Nazis machten daraus den Hitlergruß.

Wie D'Annunzio ließ sich Mussolini von seinen Getreuen Duce (Führer) nennen, was Hitler bekanntlich auch übernahm. Und wie D'Annunzio hielten Mussolini und Hitler stundenlange Reden vor ihren Anhängern und ließen ihre paramilitärischen Verbände endlos defilieren. Die faschistischen Diktatoren haben die Kunst der Massenverführung auch von D'Annunzio gelernt. Insofern wird man ihm einen Anteil an deren Verbrechen nicht absprechen können.

CommentCreated with Sketch. Jetzt kommentieren Arrow-RightCreated with Sketch.
Nav-Account red Time| Akt:
WeltwocheGood NewsWeltwocheNationalsozialismusAdolf Hitler

ThemaCreated with Sketch.Weiterlesen