Gerald Matt: "Kosky gelang mit Macbeth ein großer Wurf"

Anna Netrebko an der Spitze eines genialen Gesangsensembles
Anna Netrebko an der Spitze eines genialen GesangsensemblesWiener Staatsoper
Donnerstagabend sang Anna Netrebko in Macbeth an der Staatsoper. Kunst-Profi Gerald Matt lässt den Abend Revue passieren und beurteilt die Aufführung.

Regisseur Barrie Kosky und Operndiva Anna Netrebko triumphierten Donnerstagabend mit Verdis Macbeth an der Staatsoper. Lange andauernder Applaus belohnte die betörende und verstörende Aufführung, die via Lautsprecher auch nach draußen übertragen wurde. Galt Macbeth bisher als "l’opera senza amore", als "die Oper ohne Liebe", meist als politisches Lehrstück interpretiert, so verzaubert der Opernmagier Kosky den Repertoire-Klassiker in ein mitreißendes Psychogramm einer komplexen und leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Akribisch untersucht er die Dynamik einer zerstörerischen, in den Wahnsinn kippenden, gleichzeitig aber symbiotischen Beziehung eines mörderischen Paares.

Minimal das Bühnenbild; Nacht, endlose Finsternis und Leere umgibt die von Verdi  so genial vertonte Shakespeare’sche Tragödie. In dieser Macbeth-Aufführung stimmt alles und ist dennoch anders. Kosky erhört Verdis Wunsch, wonach seine wohl schaurigste und grausamste Oper nicht primär politisch oder religiös sei, sondern fantastisch, eine Oper, die auch Mut zur Hässlichkeit verlangt. Virtuos entführt er uns in eine düstere, albtraumhafte Welt aus Eros, Macht, Horror, Angst, Gier und Tod. Koskys Macbeth überzeugt als eine selten konzentrierte, innovative und ausdrucksstarke Opernproduktion, in der sich Musik, Gesang, Geräusche, Handlung, Spiel, Bühne und Atmosphäre zu einem ergreifenden Gesamtkunstwerk vereinen.

Überragende Leistungen

Kosky, der die Komische Oper Berlin zu einem der führenden Opernhäuser Deutschlands machte, gelingt mit seinem Macbeth ein großer Wurf, der sich in die Rezeptionsgeschichte der Oper einschreiben wird. Überragend auch die Gesangsleistungen, großartig Luca Salsi und Roberto Tagliavini. Anna Netrebko brilliert mit ihrer ersten Lady Macbeth in Wien. Wunderbar auch Dirigent Phillip Jordan und die Wiener Philharmoniker. Sie geben den seelischen Abgründen der Oper musikalische Kraft und Tiefe.

2022 ist Kosky zurück in Wien, wenn an der Staatsoper der neue Da-Ponte-Mozart-Zyklus startet. Mit diesem grandiosen Macbeth erweist sich die Bestellung von Bogdan Roščić zum Staatsoperndirektor eindrücklich als großes Glück. Er macht seinen Job verdammt gut, er traut sich etwas. Roščić erfindet das Kernrepertoire neu, verbindet stets Innovation mit höchster Qualität und zeigt mit Bravour, dass Oper auch frisch, jung, aktuell und spannend sein kann. Gratulation!

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