Rassismus-Eklat

Gigi d'Agostino? Das hört Merkel im Video wirklich

Der Rassismus-Eklat von Sylt und weitere Vorfälle zeigen: Gigi d’Agostinos "L’amour toujours" wird für das Skandieren von Nazi-Parolen missbraucht.

Gigi d'Agostino? Das hört Merkel im Video wirklich
Auf der Plattform X (ehemals Twitter) wird in Posts wie diesem die Behauptung verbreitet, Angela Merkel habe bei ihrer Verabschiedung vom Kanzleramt im Dezember 2021 Gigi d'Agostinos "L'amour toujours" gehört. Diese Behauptung ist falsch.
Screenshot X

Sylt, Mallorca, Hamburg: Obwohl schon über 20 Jahre alt, ist Gigi d’Agostinos Song "L’amour toujours" derzeit ein großes Thema. Schuld sind die rassistischen Parolen, die manche Menschen auf den Beat singen. Nun ist in den sozialen Netzwerken ein Video aufgetaucht, das vorgibt, die deutsche Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Hören einer akustischen Version des Songs zu zeigen. Doch der Schein trügt.

Video zeigt nicht, was behauptet wird

Das Video ist echt, wurde aber manipuliert: Die in dem Clip zu hörende Tonspur wurde nachträglich hinzugefügt. Die entsprechenden Posts verbreiten damit Falschbehauptungen (siehe folgender X-Post). Im Original stammt das Audio von einer Live-Aufnahme einer österreichischen Urban-Brass-Brand.

Daran ist die Manipulation erkennbar: Bild und Ton passen nicht

"Nicht auch noch Mutti", heißt es in einem mittlerweile wieder gelöschten X-Post dazu. "Von Merkel hätte ich das am wenigsten erwartet. Beschämend!"

Auch einige andere X-User teilen den Ausschnitt (etwa hier, hier, hier und hier), der dem eingeblendeten Logo nach von Welt.de stammt, die das Material wiederum vom ZDF hatten. Das verleiht dem Clip Glaubwürdigkeit. Doch bei genauem Hinsehen und Hinhören wird klar: Hier stimmt etwas nicht. Bild und Ton passen nicht zueinander. Sie sind weder synchron noch sind die Instrumente zu sehen, die zu hören sind. Auch die Bewegungen des Dirigenten passen nicht zu "L’amour toujours".

Clip zeigt die Ex-Bundeskanzlerin bei ihrer Verabschiedung 2021

Der Ausschnitt zeigt Angela Merkel beim Großen Zapfenstreich anlässlich ihrer Verabschiedung aus dem Kanzleramt am 2. Dezember 2021. Das bestätigt die Bilderrückwärtssuche. Während des Events wurden drei von Merkel ausgewählte Musikstücke gespielt: Nina Hagens "Du hast den Farbfilm vergessen", Hildegard Knefs "Für mich soll’s rote Rosen regnen" und der Choral "Großer Gott, wir loben dich". Gespielt wurden sie vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr. Gigi d’Agostinos "L’amour toujours" war anders als in dem auf Social Media verbreiteten Clip kein Thema. Eine komplette Aufzeichnung der Verabschiedung ist beim ZDF zu sehen.

Dieses Lied hört Merkel wirklich

Auch Welt.de berichtete damals live. Vergleicht man die Aufzeichnung von damals mit der nun verbreiteten Szene, ist klar zu sehen, dass Merkel in dem entsprechenden Moment Nina Hagens Song hört.

1/10
Gehe zur Galerie
    Der Vergleich der Aufnahmen zeigt: Die Szenen während des Nina-Hagen-Songs im Welt.de-Video ... (Im Bild: Haltung des Dirigenten bei 23:29 Minuten)
    Der Vergleich der Aufnahmen zeigt: Die Szenen während des Nina-Hagen-Songs im Welt.de-Video ... (Im Bild: Haltung des Dirigenten bei 23:29 Minuten)
    Screenshot Yotube/Welt Nachrichtensender

    Zweckentfremdete Tonspur stammt von Band aus Österreich

    Die für die Video-Manipulation verwendete Tonspur stammt von der österreichischen Urban-Brass-Band Sound Gurus. Darauf weisen X-Userinnen und -User in den sogenannten Community Notes unter den entsprechenden Posts hin.

    "20 Minuten" hat die Band kontaktiert. Die zeigt sich "entsetzt": Man habe erst durch die Anfrage von dem manipulierten Video erfahren. Es handle sich tatsächlich um eine Live-Version der Band aus dem Jahr 2022. "Wir haben auf Basis von Gigi d’Agostinos Originalversion in Kombination mit einem weiteren Lied ein Arrangement in rein instrumentaler Form in unserem Repertoire, spielen dieses seit 2021 live und haben eine Aufnahme aus dem Jahr 2022 davon auf Youtube veröffentlicht."

    Der Clip von Sound Gurus ist seit Dezember 2022 auf YouTube verfügbar. Aus diesem stammt die Tonspur, die auf das Video der Merkel-Verabschiedung gelegt wurde.

    "Es ist uns wichtig, zu betonen, dass es sich hier um manipulierte Videos handelt, mit denen wir absolut nichts zu tun haben (wollen)", schreibt die Band. Dass ihre Musik "hier zweckentfremdet wird, finden wir einerseits grausam und andererseits problematisch, werden diese selbstverständlich melden und überlegen, rechtliche Schritte einzuleiten". Bereits seit dem Auftauchen des "grauenhaften Videos von Sylt" frage sich die Band, wie der richtige Umgang mit dem Lied für sie aussehen könnte. "Wir haben noch keine Antwort gefunden, möchten uns jedoch klar von allen entfremdeten Umgängen mit der Originalversion beziehungsweise unserer Version distanzieren."

    Song handelt eigentlich von Liebe
    Gigi d’Agostinos Song wurde nicht beim Großen Zapfenstreich Angela Merkels im Jahr 2021 gespielt. Doch selbst wenn, wäre das kein Skandal. Denn laut dem italienischen DJ ist "L’amour toujours" eine Hommage an die Liebe und ihre "ewige Wirkung", wie er einst selbst erklärte. Nach dem Rassismus-Eklat von Sylt betonte er erneut, dass es in seinem Song ausschließlich um Liebe geht. "In meinem Lied 'L’amour toujours' geht es um ein wunderbares, großes und intensives Gefühl, das die Menschen verbindet. Es ist die Kraft der Liebe, die mich hochleben lässt", teilte d’Agostino am Samstag auf Anfrage mit. Zentral sei zudem die Freude über die Schönheit des Zusammenseins.

    Fazit

    Das Video, das Angela Merkel beim Hören einer akustischen Version von Gigi d’Agostinos "L’amour toujours" zeigt, ist manipuliert. Die Tonspur wurde nachträglich hinzugefügt und stammt ursprünglich von der österreichischen Urban-Brass-Band Sound Gurus, die sich gegenüber 20 Minuten klar von der Zweckentfremdung distanziert. Tatsächlich wurde bei Merkels Verabschiedung 2021 dieser Song nicht gespielt.

    Die Bilder des Tages

    1/59
    Gehe zur Galerie
      <strong>22.07.2024: Klima-Aktivstin (23) soll 25.000 Euro Strafen zahlen.</strong> Weil sie kein Geld haben, sitzen Aktivisten der "Letzten Generation" ihre Strafen immer öfter im Häf’n ab. <a data-li-document-ref="120048177" href="https://www.heute.at/s/klima-aktivstin-23-soll-25000-euro-strafen-zahlen-120048177">Eine Aktivistin soll 25.000 Euro zahlen &gt;&gt;&gt;</a>
      22.07.2024: Klima-Aktivstin (23) soll 25.000 Euro Strafen zahlen. Weil sie kein Geld haben, sitzen Aktivisten der "Letzten Generation" ihre Strafen immer öfter im Häf’n ab. Eine Aktivistin soll 25.000 Euro zahlen >>>
      Letzte Generation

      Auf den Punkt gebracht

      • Der Artikel enthüllt, dass das Video, das Angela Merkel beim Hören von Gigi d'Agostinos "L'amour toujours" zeigt, manipuliert wurde
      • Die Tonspur stammt von der österreichischen Band Sound Gurus und wurde nachträglich hinzugefügt
      • Tatsächlich wurde der Song bei Merkels Verabschiedung 2021 nicht gespielt
      • Die Band distanziert sich von der Zweckentfremdung ihrer Musik
      red, 20 Minuten
      Akt.