Manch ein Autolenker auf der Schweizer Autobahn A1 dürfte am Samstagnachmittag kurz geschluckt haben: In Richtung Bern war ein beigefarbener Mercedes Kombi mit Berner Nummerntaferl unterwegs, der die Attrappe eines nuklearen Marschflugkörpers hinter sich herzog. An der Heckscheibe und am Anhänger prangten Botschaften, die einem das Christentum nicht gerade auf die sanfte Art schmackhaft machen wollen, etwa: "Wer Jesus ignoriert, ist im Krieg mit Gott."
"Jesus hat viele Anhänger"
Auf Twitter, wo ein Foto der bizarren Fahrzeugkombination kursiert, überbieten sich die User gegenseitig mit spöttischen Kommentaren und Wortspielen. "Jesus hat viele Anhänger", witzelt einer. Andere fragen sich, ob der Sohn Gottes "aus dem Atomwaffenvertrag NPT ausgestiegen" sei oder ob es sich um die "schweizerische Version vom Straßenkarneval" handle.
Nicht allen Kommentatoren ist aber nach Scherzen zumute. Einige fragen sich: Darf man mit einer Raketenattrappe auf offener Straße herumkurven? An der ein Warnhinweis für Radioaktivität haftet? Begleitet von religiös-militanten Parolen?
Gezielte Ablenkung, Rassendiskriminierung?
Der Berner Rechtsanwalt Michael Steiner sieht die Hauptfrage darin, inwiefern auf einer Autobahn solcherlei "Werbung" gemacht werden dürfe. Aufschriften und Bemalungen, heißt es nämlich im Straßenverkehrsgesetz (SVG), "dürfen die Aufmerksamkeit anderer Straßenbenützer und -benützerinnen nicht übermäßig ablenken". Steiner sagt: "Es handelt sich wohl um eine gezielte Ablenkung der anderen Fahrer." Insofern gehe er davon aus, dass der Fahrzeuginhaber für seine Botschaften bestraft werden könnte. Hingegen bezweifelt Steiner, dass sich der Fahrer wegen der Raketenattrappe strafbar mache: "Die ist ja klar symbolisch gemeint."
Für die Rechtsanwältin Sarah Schläppi wiederum könnte der Tatbestand der Diskriminierung erfüllt sein. "Im vorliegenden Fall wird impliziert, dass alle, die nicht an Gott glauben, minderwertig sind", erklärt Schläppi. Ferner steht für sie eine Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit im Raum. Laut Strafgesetzbuch macht sich nämlich strafbar, "wer öffentlich in gemeiner Weise die Überzeugung anderer in Glaubenssachen, insbesondere deren Glauben an Gott, beschimpft, verspottet oder Gegenstände religiöser Verehrung verunehrt".
"Die Menschen wachrütteln"
Recherchen von "20 Minuten" ergaben, dass es sich beim Eigentümer der Raketenattrappe um einen bekannten Glaubensaktivisten handelt. Der 69-Jährige sorgte bereits in der Vergangenheit mit seinen Aktionen für Aufsehen: 2002 etwa zog der Abtreibungsgegner vor der Schweizer Abstimmung zur Fristenlösung mit einer Leichenkutsche und blutigen Puppen wochenlang durch die Schweiz.
"Ich und meine Frau sind überzeugte Christen", sagt er. Davon, klagt er, gebe es heute leider nicht mehr sehr viele. "Viele Menschen glauben nicht einmal mehr, dass sie eine Seele haben. Das ist ein furchtbares Drama." Bekehren wolle er zwar niemanden, wohl aber "die Menschen wachrütteln" und die biblische Botschaft verkünden: dass nämlich Gottes Zorn erfahre, wer an Jesus vorbeilebe. Die Rakete diene zum einen als Blickfang, zum anderen solle sie aber auch zeigen, dass wir in Anbetracht der weltweit steigenden Rüstungsausgaben "auf einem Pulverfass leben", so Zweifel.
Setzt sich für Polizei-Angreifer ein
Wenn der Rentner mit seiner Fake-Atomwaffe auf der Autobahn fährt, ist ihm die Aufmerksamkeit gewiss. Viele Fahrer würden abbremsen und sein Gefährt mit dem Handy filmen. Dass ihm Leute ab und an den Vogel zeigen, stört ihn nicht. "Ich winke dann einfach zurück." Trotz möglicher Verstöße, die die Juristen ins Feld führen, habe er noch nie Probleme mit der Polizei gehabt, sagt er. Im Gegenteil: "Ein Polizist hat meine Rakete sogar einmal fotografiert."
Der Fundamentalist ist auch ein enger Vertrauter von Peter Hans K., einem Rentner, der 2010 einen Polizisten schwer verletzte und der vergangene Woche vom einem Regionalgericht zu einer Verwahrung verurteilt wurde. Der 69-Jährige, der sich für die Freilassung von K. einsetzte, protestierte vor dem Gerichtsgebäude gegen den Prozess. Auf einem Plakat hieß es: "Eine Justiz ohne Gerechtigkeit ist Un-Recht".