Good-bye, Google! Huawei baut eigenes Ökosystem

Mit Apples iOS und Googles Android teilen sich zwei Tech-Konzerne den Markt fast vollständig. Mit dem US-Bann will Huawei das nun ändern.
Es ist eine Premiere: Erstmals seit Inkrafttreten des US-Banns gegen den Elektronik-Giganten hat sich das Unternehmen am Donnerstag bei einem Meeting in Wien zur Zukunft von Huawei vor allem in Europa und Österreich geäußert. Und kündigt große Umbrüche an: Man macht sich unabhängiger von Google beim Betriebssystem, gleichzeitig wird die Produktpalette gewaltig ausgebaut und ein eigenes Software-Ökosystem entsteht.

Der US-Bann war für Huawei ein zweischneidiges Schwert, sagt Fred Wangfei, Country Manager der Kosumentenprodukte von Huawei in Österreich. Als am 19. Mai 2019 die Nachricht darüber, dass Huawei bei neuen Smartphones keine Google-Dienste mehr verwenden darf, aufkam, seien die Smartphone-Verkäufe kurzzeitig gefallen. Nach drei Wochen habe man sich aber in Europa und weltweit erholt – und in China sogar einen Rekordkurs hinlegen können.

Kein Weg zurück zu Google

Weil im Heimatland Google-Dienste sowieso kaum genutzt werden, stieg dort der Marktanteil auf 42 Prozent. "Wir sind nicht vom US-Markt abhängig", sagt Wangfei zur weltweiten Situation, und die Zahlen scheinen ihn zu bestätigen: 240 Millionen Smartphones hat Huawei 2019 weltweit verkauft, um 14 Prozent mehr als 2018 und das trotz des US-Banns. In Österreich, wo das jüngste Flaggschiff Mate 30 Pro gar nicht erschien, ist man etwas unter den Rekord-Marktanteil von 30 Prozent aus dem Mai 2019 zurückgefallen. Dass Huawei noch immer bei rund 25,6 Prozent rangiert, liegt auch am Erfolg der P30-Smartphone-Serie, die mit neuen Farbmodellen den Wegfall des Mate 30 beinahe kompensieren konnte.

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Doch weil der US-Bann so einschneidende Veränderungen mit sich brachte, will sich das Unternehmen unabhängiger von Google machen und seine Produktpalette gewaltig erweitern. "Es ist eine neue Situation für uns", sagt selbst Wangfei. Während es für bestehende Produkte keine Änderungen in puncto Google-Diensten geben soll, werden neue Produkte auch eine neue Ära für den Konzern einläuten. Erster Schritt: "Wir haben begonnen, unser eigenes Ökosystem aufzubauen." Was das bedeutet, macht Wangfei klar: "Wir setzen langfristig auf Android Open Source und die AppGallery, auch wenn der US-Handelsbann aufgehoben wird." Bedeutet: Vorerst führt trotz weiterer Zusammenarbeit mit Google kein Weg zurück zum "normalen" Android-Betriebssystem mit Googles Playstore und Co., auch nicht, wenn der US-Bann aufgehoben wird.

Huawei pumpt jede Menge in HMS

Huawei Mobile Services (HMS) soll das neue System heißen, das langfristig gesehen die Basis für eine dritte große Smartphone- und Mobilgeräte-Plattform neben iOS und Android werden soll. "Wir sind stark am Chipset-Sektor, wir sind stark am Hardware-Sektor. Wir können das beste technologische Produkt weltweit anbieten, und das werden wir auch beim Software-Ökosystem können", sagt Wangfei. Dafür pumpt Huawei drei Milliarden US-Dollar und 4.000 Angestellte alleine in die Entwicklung der HMS. 400 Millionen monatlich aktive Nutzer zählt bereits jetzt das Herzstück, die AppGallery als Alternative zum PlayStore. Was noch fehlt sind die großen Apps.

Die stehen in den Startlöchern, sagt HMS-Verantwortlicher Kang Zhang. Huawei Assistant, Huawei Music und Huawei Video stünden vor dem Start in Österreich und immer mehr heimische Unternehmen, Medien und Banken würden an Apps für Huaweis App-Store arbeiten. Auch die "Heute"-App ist dort vertreten. "Wir glauben fest daran, dass diese Welt ein drittes Ökosystem braucht, und wir sind dieses Ökosystem. HMS ist offen, alles basiert auf der freien Version von Android. Wir zwingen die Entwickler nicht, unsere eigenen Anbieter zu nutzen. Apps müssen nicht von Grund auf neu entwickelt, nur adaptiert werden. Und für die Entwickler ist alles gratis", heißt es. Nutzer im Gegenzug sollen über ein Punktesystem für App-Donwloads "entlohnt" werden. Gesammelte Punkte soll man entweder zur Bezahlung von Premium-Diensten wie Streaming oder in Huawei-Shops für Preisnachlässe auf Produkte einsetzen können.

Was in Österreich geschehen soll

Österreichs Mobilfunker Magenta ermöglicht es bereits, kostenpflichtige Apps über die Mobilfunkrechnung abzurechnen, mit A1 und Drei laufen derzeit Gespräche dazu. Die HMS-Software selbst soll dann auf allen Geräten laufen, neben Smartphones auch auf TVs, Tablets und Co. und bei Partnern, denen die Software zur Verfügung gestellt werde. Doch was passiert mit den Apps, die den Europäern am meisten durch den US-Bann fehlen, Stichwörter Whatsapp, Facebook und Instagram? Konkretes dürfe man noch nicht verraten, aber man arbeite daran. Schon jetzt würden erste US-Top-Apps wie Office und Snapchat in der AppGallery zu finden sein.

Warum sich Huawei sicher ist, auch die anderen App-Anbieter trotz US-Bann ins Boot holen zu können? "Alle Daten bleiben in Europa, wir bieten nur die Plattform für die Apps an." Doch auch bei den Produkten soll sich in Österreich in absehbarer Zeit etwas tun. Nach Smartphones, Tablets, Notebooks und Kopfhörern wird Huawei Lautsprecher, Smartbrillen und Monitore nach Österreich bringen. Und: Schon in Kürze soll das nicht veröffentlichte Huawei Mate 30 doch in der Alpenrepublik zumindest in ausgewählten Kanälen wie bei den Mobilfunkanbietern erscheinen.

Reaktion von Huawei

Huawei hat noch am Donnerstagabend ein offizielles Statement

zur Causa abgegeben. Darin heißt es, dass anders als verlautbart der Verzicht auf Google beziehungsweise Android-Dienste noch keine so beschlossene Sache sei: "Ein offenes Android-Ökosystem ist immer noch unsere erste Wahl. Wenn aber die USA uns dieses nicht verwenden lassen, haben wir die Möglichkeit, unser eigenes zu entwickeln."

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