Ukraine

"Grauenvoll" – so reagiert Kanzler auf Ukraine-Massaker

Seit Samstag gehen die unfassbaren Bilder aus dem Kiewer Vorort Butscha um die Welt. Jetzt hat sich auch Kanzler Karl Nehammer zu Wort gemeldet. 

Nikolaus Pichler
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Kanzler Karl Nehammer geht mit Russland hart ins Gericht. 
Kanzler Karl Nehammer geht mit Russland hart ins Gericht. 
Steffi Loos / dpa / picturedesk.com

Menschen in Zivilkleidung, die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, mit einer Schusswunde im Kopf, der halbnackte mit Prellungen, Blutergüssen und Wunden übersäte Körper eines Toten, gefangen in einem Kanalloch oder die halb verscharrten Leichen von Männern in einer Grube: Die furchtbaren Bilder aus dem Kiewer Vorort Butscha gehen aktuell um die Welt. "Heute" zeigt die Fotos bewusst nicht. 

Am Samstag fanden die ukrainischen Behörden rund 280 Leichen von Menschen in Zivilkleidung rund um Straßen und in Massengräbern. Offenbar dürften auch in anderen Orten der Hauptstadtregion ähnliche Verbrechen begangen worden sein. Die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenedyktowa sagte am Sonntag, dass 410 Leichen in Orten rund um Kiew gefunden worden seien. Es seien viele Verbrechen begangen worden über würden immer noch begangen.

Internationale Politik entsetzt

Weltweit herrscht nun Entsetzen über die mutmaßlichen Kriegsverbrechen. Am Sonntag kam es zu einer Welle von internationalen Reaktionen. Jetzt hat sich auch Bundeskanzler Karl Nehammer zu Wort gemeldet. "Die grauenvollen Bilder von erschossenen Zivilisten in Butscha zeigen: Dort sind Kriegsverbrechen begangen worden. Sie müssen lückenlos aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Die russische Armee hat sich dafür zu verantworten", schrieb Nehammer auf Twitter.

Zuvor hatte bereits das Wiener Außenamt eine UNO-Untersuchung gefordert. Politiker von Grünen und NEOS forderten eine schärfere Gangart gegenüber Russland.

Entsprechende Forderungen wurden auch in Deutschland laut. Während Kanzler Olaf Scholz zunächst lediglich eine "schonungslose" Aufklärung forderte, sprach Außenministerin Annalena Baerbock von härteren Sanktionen. Verteidigungsministerin Lambrecht brachte einen Gasstopp ins Spiel, verwies aber auf die dafür erforderlichen Abklärungen innerhalb der EU. Deutschland zählte bisher gemeinsam mit Österreich zu den Bremsern innerhalb der EU, was einen Verzicht auf russische Gaslieferungen betrifft. Dagegen gaben die baltischen Staaten am Sonntag bekannt, seit Monatsbeginn komplett auf russisches Gas zu verzichten.

Der Vorsitzende der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Manfred Weber, forderte angesichts der jüngsten Entwicklungen eine drastische Verschärfung der Sanktionen gegen Russland. "Es ist höchste Zeit, Kohle- und Öl-Lieferungen aus Russland zu beenden und die Waffenlieferungen für die Ukraine zu verstärken", sagte der deutsche Christlichsoziale den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Als "furchtbar und unerträglich" bezeichnete der italienische Premier Mario Draghi die Bilder aus Butscha. Die estnische Ministerpräsidentin Kaja Kallas forderte neben einem "fünften Sanktionspaket" auch mehr Waffenlieferungen für die Ukraine. Ihr slowenischer Kollege Janez Jansa betonte: "Unsere oberste Priorität sollte eine verstärkte militärische Unterstützung sein. Panzer und Suhois (russische Kampfflugzeuge, Anm.) können nur durch moderne Raketen gestoppt werden

Moskau dementiert Verantwortung

Russland stellte wenig überraschend die Verantwortung für die Tötungen in Abrede. Jegliches von der Ukraine veröffentlichte Bild- und Filmmaterial in diesem Zusammenhang stelle eine Provokation dar, meldete die Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Moskau. "In der Zeit, in der die Siedlung unter der Kontrolle der russischen Streitkräfte stand, hat kein einziger Einwohner unter irgendwelchen Gewalttaten gelitten", teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Die Soldaten hätten den Vorort Kiews bereits am Mittwoch verlassen.

"Das ist Völkermord. Die Auslöschung einer Nation und seines Volkes", sagte dagegen der ukrainische Präsident Selenskyj. Er forderte im US-Sender CBS, dass "alle Verantwortlichen, einschließlich der Befehlshaber, bestraft werden müssen". Der ukrainische Außenminister Dmitro Kuleba sprach von einem "absichtlichen Massaker" und forderte weitere Sanktionen. "Die Russen wollen so viele Ukrainer wie möglich vernichten", schrieb er im Onlinedienst Twitter.

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    Nach dem Rückzug der russischen Besatzer stoßen ukrainische Truppen weiter in den Norden des Landes vor. Dort werden sie von der Bevölkerung jubelnd empfangen. (3. April 2022)
    Nach dem Rückzug der russischen Besatzer stoßen ukrainische Truppen weiter in den Norden des Landes vor. Dort werden sie von der Bevölkerung jubelnd empfangen. (3. April 2022)
    REUTERS/Serhii Nuzhnenko

    Butscha zählt zu den Orten rund um Kiew, die in den vergangenen Tagen von der ukrainischen Armee befreit worden waren. 

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      Wo früher Menschen gelebt haben, ist jetzt nur noch ein Trümmerfeld übrig.
      Wo früher Menschen gelebt haben, ist jetzt nur noch ein Trümmerfeld übrig.
      REUTERS