"Father of All": Hat jemand Green Day gesehen?

Im Versuch die Geschichte des Rock wiederzubeleben, verlieren Green Day sich im neuen Album "Father of all Motherfuckers" selbst.
Mit "Dookie" und "When I Come Around" feierte die Kultpunk-Band Green Day Mitte der 1990er ihren Durchbruch. Seither sind genau 30 Jahre vergangen. Die Welt hat sich verändert – und Green Day mit ihr. Gerade ist ihr neues Album "Father of all Motherfuckers" erschienen.

Was uns das Regenbogen-rotzende Einhorn am Cover wohl sagen möchte? Sind sie noch die Kinder der Bastarde von 69?

Beim teilweise politischen und gesellschaftskritisch aufgeladenen Vorgänger-Album "Revolution Radio" erhoben sie neben Gute-Laune-Rock noch den Anspruch individuelle Schicksale zu integrieren. Man denke an Werke wie "Still Breathing" und "Ordinary World". Mit Lyrics wie "In the Headline legalize the truth" besänftigten sie wiederum rebellische Punk-Naturen.

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Rettung der Rock-Musik


In diesem Album geht es um ein kollektives Schicksal und um die Frage nach der Rettung der Rock-Musik. Green Days Antwort darauf ist, dass eine Rettung nur funktionieren kann, wenn man die klassischen Elemente wieder verwendet. Indem sie somit die Rolle des Vermittlers einnehmen, sind sie jedoch kein Hauptakteur mehr.

Das neue Album erscheint dem geschulten Hörer daher eher wie ein Nebenprojekt mit ungesund viel Weichspülergehalt. Wie ein Abgesang an das, was die Marke Green Day zu sein hatte. Sie verarbeiten Stilelemente unterschiedlicher Künstler, darunter The Who, Little Richard, T-Rex und The Supremes.

In energievoll schlummernden 26 Minuten werden unterschiedlichste Einflüsse des klassichen Rock abgehandelt. Das machen sie nicht zum ersten Mal - auch bei "Uno...Dos...Tre" gibt es die Tendenz teilweise, siehe etwa bei "Kill the DJ", bei dem die Integration weit besser funktioniert. Mit "Meet Me on the Roof" befinden wir uns straight in den Siebzigern, mit "Stab You in the heart" hören wir eine Portion Soul und Elvis-Presley-Reminiszenz.

Wenn Green Day zuvor Belanglosikeit unterstellt wurde, ("Uno...Dos...Tre") gab es zumindest noch einzelne Passagen, die eine Wirkkraft besaßen, entweder textlicher oder rhythmischer Natur.

Eine Hommage an die Geschichte des Rock

Zu den seltenen Diamanten unter den Bands, die sich vom Rest abheben, gehört immer auch ein unverwechselbares Element. Bei diesem Album würde man es nicht Green Day zuordnen, wenn man es nicht weiß. Die DNA ist ihnen beim Heraufbeschwören der Rock-Geschichte abhanden gekommen. Bei dem Versuch die "neue Seele von Soul, Motown und Glam" zu schaffen, verliert die Band ihre eigene.

Bei dem Rückblick auf die Geschichte des Rock plätschert man mit Zeitdruck durch die Jahrzehnte. Für eine Band, die (um Billie Joe zu zitieren) nie Songs von anderen spielen würde, klingt es so, als würden sie fremde Lieder interpretieren. Lediglich in„Sugar Youth" ist die DNA der Band noch vorhanden, wie auch die typische Wiederholung von Passagen bei "Graffitia". "Junkies on a high" zeigt wie Green Day in einem Fahrstuhl innerhalb eines apokalyptischen Szenarios klngen könnte.

Laut Billie Joe soll es eine „glorreiche Anarchie" darstellen

Selbst die ebenso in den Kritiken durchgefallene Trilogie "Uno Dos Tre" hatte trotz des Party-Themas so etwas wie einen roten Faden, eine Storyline aus Party-Erinnungen.

Zwar ignorieren Green Day die politischen Begebenheiten in den USA und auf der Welt nicht zur Gänze - Billie Joe verweist in Interviews immer wieder darauf, dass man bei „Father of all Motherfuckers" nicht nicht an Donald Trump denken kann - , aber er betont auch, dass das nicht der Fokus des neuen Albums war.

Indem sie die Causa Trump also nicht direkt angreifen, ereilt sie der Vorwurf des Rückzugs von politischen Themen. Drummer Trè Cool argumentierte dazu in einem Interview, dass "American Idiot" nach wie vor Aktualität besitze. Damit sollte er Recht behalten: Bei einem Besuch des US-Präsidenten in Großbritannien schaffte es der Hit im Jahr 2014 nach 14 Jahren wieder in die britischen Charts.



Wer Gesellschaftskritik sucht, findet sie verstreut in "Oh Yeah", das die Mittelmäßigkeit und den Selbstinszenierungswahn anprangert und dabei selbst mittelmäßig erscheint. Möglicherweise ist die musikalische Mittelmäßigkeit ein Stilmittel für die Kritik an der realen Mittelmäßigkeit, in der die Exzellenz nicht überleben kann. Das Lied wirkt wie eine Parodie über das Zeitalter - und gesellt sich zum Ideal des Regenbogen rotzenden Einhorns am Cover. Die Wellenform der abwechselnden Verläufe von Hit-und Miss-Kreationen hat ihre Schieflage erreicht. Die Selbstsuche endet in der Zerstreuung. Gleichgültigkeit bleibt eines der präsenten Hauptthemen. Billie Joe kommt wieder in den Stimmbruch. Ein Hoch auf die ewige Jugend.



Drei Punkrockern mit ADHS kann man schwer vorwerfen, sie würden sich als nicht erwachsen genug positionieren. Green Day sind eine der wenigen Bands ihrer Ära, die noch Bestand hat und dabei hilft ihnen das spielerische Element ihrer ewigen Kindlichkeit. Niemand hat den Begriff der "Berufsjugendlichen" so positiv geprägt wie das kalifornische Trio. Wer hinter die Kulissen sieht, erblickt Kinder, die sich und anderen am Set Streiche spielen und eine Band, die zu einer Bewegung mutierte und ihre Heimat abseits gesellschaftlicher Verpflichtungen gefunden hat.

Tanzbar sollte es sein

Sie machen mit dem Album tatsächlich das, was man nicht von ihnen erwarten würde und haben dabei weder Wiedererkennungs- noch überhaupt Erkennungswert. Etwas Tanzbares, Energiegeladenes zu produzieren, das gut als Live-Performance taugt, soll schließlich ihre Ambition gewesen sein, wie der Green Day-Frontman in Interviews betont. Damit in Zusammenhang steht auch Billie Joes Überlegung "Warning" noch einmal aufzunehmen.

Fazit: Die melodisch tragenden Lieder sind jene, die sie schon vor Release des Albums mit Videos vorgestellt hatten. Sonst erinnert nur Billie Joes Stimme an die Band. Nichts, was Green Day machen, ist schlecht, aber für ihre Verhältnisse kann es für Fans teilweise als enttäuschend empfunden werden. Die Berufsjugendlichen sind jedoch Ende ihrer Vierziger. Experimentieren sollten sie also dürfen. Dafür erscheint "Uno... Dos... Tre" harmlos und vor allem strukturiert.

Ob es nach dem Vertragsende bei Warner einen baldigen Aufgesang als Independent Artist geben wird, bleibt abzusehen. Vielleicht bewahrheitet sich eine Fan-Theorie, die annimmt, dass Green Day in Unabhängigkeit ein neues Album herausbringen wird.

Am 21. Juni kommen Green Day mit Weezer und Fall Out Boy ins Wiener Ernst-Happel-Stadion. Da Green Day dafür bekannt sind, eine gute Auswahl an Altem und Neuem zu spielen, darf man sich über ihre großen Hits freuen.

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