Politik

Experte zerreißt im ORF Corona-Fehler der Regierung

Die Regierung habe während der Pandemie viel Geld verschwendet und epidemiologisch sinnlose Maßnahmen beschlossen, kritisiert Gerald Gartlehner.

Roman Palman
Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Screenshot ORF

Österreich war auf eine Pandemie "sehr schlecht" vorbereitet, lautet das vernichtende Urteil von Epidemiologe Gerald Gartlehner Dienstagnacht im ORF zu den letzten drei Jahren. "Die Grundlage des Epidemiegesetzes stammt noch aus der Monarchie. Der Epidemieplan stammt aus 2006 und war hauptsächlich auf Grippe ausgerichtet. 2012 gabs eine Evaluierung und da wusste man schon, dass Handlungsbedarf besteht. Dann ist eigentlich nichts passiert", erklärt der Leiter des Departements für evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Donau-Uni Krems.

Viel Geld verschwendet

Er teilt im Gespräch mit ORF-Star Armin Wolf vor laufender Kamera knallhart gegen die Politik aus: "Es gab manche Entscheidungen während der Pandemie, von denen man schon zum Zeitpunkt der Entscheidung wusste, dass sie epidemiologisch falsch waren." Als Beispiel nennt der Experte die Massentests zu Weihnachten 2020. 

Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Screenshot ORF

"Dass das nicht funktionieren wird, was damals epidemiologisch völlig klar. Es war eine politische Entscheidung, hat sehr viel Geld gekostet und zwei Wochen später waren wir wieder im Lockdown". Das Geld, so Gartlehner weiter, wäre etwa in Studien besser angelegt gewesen. Damit hätte man auch die Wirksamkeit bzw. Folgen von Schulschließungen ("einer der großen Fehler") in einzelnen Bundesländern ergründen können.

Grundsätzlich seien die Gratis-Tests aber eine gute aber sehr teure Idee gewesen, "der epidemiologische Schönheitsfehler an dem Ganzen war, dass es keine Strategie dahinter gab. Es wurde irgendwie zu einem freundlichen Bürger-Service, das die Leute einfach verwendet haben, oder nicht."

Vermeidbarer Lockdown

Waren auch die Lockdowns vielleicht unnötig? "Ich denke, in Österreich, wahrscheinlich nicht. Den letzten Lockdown, während der Delta-Welle, den hätten wir uns wahrscheinlich ersparen können, wäre die österreichische Bevölkerung besser geimpft gewesen – 80 Prozent der Intensivbetten waren damals mit Ungeimpften belegt – und hätte die Politik nicht so lange gewartet, um dann wirklich Maßnahmen zu setzen." Ein schlechtes Zeugnis für die Regierung, abgesehen vom Nachbarland Slowakei, hatte der Rest von Europa in dieser Welle keine Lockdowns mehr verhängt.

Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Screenshot ORF

Den umstrittenen Lockdown für Ungeimpfte zerreißt der niederösterreichische Epidemiologe in der Luft. Was hat der gebracht? "Nichts, oder fast nichts. Das war eine rein politische Entscheidung. Ich glaube, man wollte die geimpfte Bevölkerung irgendwie auf irgendeine Art und Weise befriedigen, indem es die Ungeimpften schwerer haben sollten." Auch diese Maßnahme habe "epidemiologisch keinen Effekt" gehabt.

Impfpflicht ein "Fehler"

Sein damaliges Dafürhalten zu einer Impfpflicht bezeichnete Gartlehner als "Fehler". Da packt er sich auch an der eigenen Nase: "Man hätte damals vorhersehen müssen, dass man die Personen, die sich nicht impfen lassen, damit nicht überzeugen kann. Dass es nur einen Bruch in der Gesellschaft verursacht." Er sei damals wegen der dramatischen Situation auch dafür gewesen, die Intensivstationen seien mit Ungeimpften damals völlig überfüllt gewesen. "Es war wahrscheinlich auch der persönliche Frust". Allerspätestens mit dem Auftreten der weniger aggressiven Omikron-Variante im Jänner, hätten aber alle gesehen, dass eine Impfpflicht nichts mehr bringen würde. "Man hätte dann nicht ein halbes Jahr warten müssen, dass man das zurücknimmt.

Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Epidemiologe Gerald Gartlehner in der ZIB2 mit Armin Wolf am 4. April 2023 über die Corona-Fehler der Regierung.
Screenshot ORF

"Völlig unterschätzt"

Er selbst, so gibt sich der Epidemiologe einsichtig, sei mehrmals auch daneben gelegen. Zu Beginn der Pandemie habe er "völlig unterschätzt, was da auf uns zukommt." Er habe an das gute Gesundheitssystem geglaubt und, dass dieses Virus wie die vorherige SARS-Variante an Österreich vorbeiziehen werde. 

In vielen Dingen könne man der Politik deswegen vermutlich auch keinen Vorwurf machen: "Das war eine Situation, die wir alle noch nicht erlebt haben. Vieles musste im Blindflug gemacht werden, weil es auch keine wissenschaftlichen Daten dazu gab." Dennoch habe es eben dann auch jene unseligen Situationen gegeben, wo politische Überlegungen das Rational der Experten ausgestochen hätten.

Lernen für die Zukunft

Gartlehner wünscht sich nun auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung der letzten drei Jahre: "Wichtig ist, dass wir etwas lernen. Wir brauchen eine wissenschaftliche Evaluierung dieser letzten drei Jahre. Das hat nie stattgefunden und ich kenne auch keine Pläne." Das solle am besten durch ausländische Forscher geschehen, die keine Interessenskonflikte hätten.

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