"Habe noch 50 €" – Alleinerzieherin nach Unfall gekündigt

Nicole S. brach sich zwei Wirbel, leidet seitdem an chronischen Schmerzen.
Nicole S. brach sich zwei Wirbel, leidet seitdem an chronischen Schmerzen.GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com, privat
Nicole S. brach sich bei einem Arbeitsunfall zwei Wirbel. Seitdem leidet sie an Schmerzen, ist zu 80 % behindert. Trotzdem wurde sie gekündigt.

"Ich war ein Arbeitstier, eine richtige Powerfrau, hatte sogar mit 28 Jahren Krebs. Ich hab' alles überlebt und geschafft, aber jetzt kann ich nicht mehr", ist Nicole S. (49) verzweifelt. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern hält sich derzeit finanziell mit Familienbeihilfe und Alimenten über Wasser: "Meine Ersparnisse in Höhe von 30.000 Euro habe ich in den vergangenen zwei Jahren aufgebraucht. Ich habe nur mehr 50 Euro zum Essen, kann meinen Verpflichtungen seit März nicht mehr nachkommen. Ich habe große Angst, dass ich meine zehnjährige Tochter nicht mehr ernähren kann!"

Schuld an der Misere der 49-Jährigen, die in Eisenstadt lebt, ist ein Arbeitsunfall vor 17 Jahren: "Ich war damals Röntgen-Assistentin auf der Intensiv-Station im AKH. Im OP-Saal sollte ich eine intubierte und narkotisierte 120-Kilo-Patientin heben. Ich wusste, das schaffe ich mit meinen 62 Kilo nicht. Aber eine Ärztin meinte, wenn ich es nicht mache, ist das Arbeitsverweigerung. Also habe ich es versucht", erinnert sich Nicole S. 

"Ich war 30 Minuten lang bewusstlos. Als ich wieder aufgewacht bin, hatte ich höllische Schmerzen" - Nicole S.

Mit fatalen Folgen: Die Burgenländerin rutschte im Blut am Boden aus und stürzte: "Ich war 30 Minuten lang bewusstlos. Als ich wieder aufgewacht bin, hatte ich höllische Schmerzen. Sie haben mir einen Venenkatheter gesetzt und ein starkes Schmerzmittel verabreicht. Ich hab' nichts mehr gespürt und weiter gearbeitet", erzählt die 49-Jährige.

Doch am nächsten Tag konnte Nicole S. nicht mehr aufstehen: "Eine Magnetresonanz-Tomographie hat dann gezeigt, dass zwei meiner Wirbel an drei Stellen gebrochen sind. Der Arzt meinte damals zu mir, dass ich Glück im Unglück hatte. Wäre ich nicht Triathletin gewesen, würde ich im Rollstuhl sitzen."

"Nach 31 Dienstjahren wurde ich gekündigt – trotz 80 % Behinderung und Personalvertreter-Status" - Nicole S.

Drei Wochen nach dem Unfall ging die Röntgen-Assistentin nach eigenen Angaben wieder arbeiten, erst ein Jahr nach dem Unfall erhielt sie vom Amtsarzt ein "Hebeverbot". Bis dahin blieb  Nicole S. an ihrem alten Arbeitsplatz, danach wurde sie versetzt: "Ich kam ins Labor und wurde für Hilfstätigkeiten eingesetzt, die meiner Ausbildung absolut nicht entsprachen", meint die 49-Jährige.

Obwohl Nicole S. unter chronischen Schmerzen litt, schwere Medikamente nehmen musste und die schwer geschädigten Wirbelstellen aufgrund von Stressreaktionen immer wieder brachen (insgesamt acht Mal, Anm.) war die Burgenländerin – unterbrochen von längeren Krankenständen – weiter im AKH beschäftigt – bis Sommer 2020: "Nach 31 Dienstjahren wurde ich gekündigt – trotz 80 % Behinderung und ohne Zustimmung des Behinderten-Ausschusses. Ich wurde über das ruhende Ersatzmandat der Personalvertretung rausgekickt!", so die 49-Jährige.

Kündigungsanfechtung liegt beim Verfassungsgerichtshof

Nicole S. klagte gegen die Kündigung, doch das Erstgericht entschied zugunsten der Stadt Wien: "Die Kündigungsanfechtung läuft derzeit in zweiter Instanz und beim Verfassungsgerichtshof wegen Diskriminierung von Behinderten", erklärt die Alleinerzieherin, die nach eigenen Angaben "seit 17 Jahren durch die Hölle geht". 

"Heute" fragte auch beim AKH um eine Stellungnahme an und erhielt folgende Antwort: "Die Rechtmäßigkeit der seitens der Stadt Wien ausgesprochenen Kündigung wurde vom Arbeits- und Sozialgericht Wien in 1. Instanz bestätigt, wobei in diesem Verfahren selbstverständlich auch die begünstigte Behinderteneigenschaft von Frau S. berücksichtigt wurde, was Frau S. auch bekannt ist. Gegen das Urteil des Arbeits- und Sozialgerichtes Wien hat Frau S. Berufung erhoben und die Entscheidung des Oberlandesgerichtes Wien liegt noch nicht vor."

"Seit 17 Jahren versuche ich, meinen Anspruch auf Invalidenrente bei der AUVA durchzusetzen, doch der Antrag wurde abgelehnt" - Nicole S.

In all den Jahren verbesserte sich der gesundheitliche Zustand von Nicole S. nicht: "Ich habe eindeutig ein Hebetrauma und die Wirbelsäule einer 80-Jährigen. Ich wurde dreimal akut operiert, meine Wirbelsäule musste freigestemmt werden. Meine rechte Hand war gelähmt und ist es trotz ambulanter Reha noch immer. Zusätzlich habe ich eine Autoimmunerkrankung, Long Covid und Depressionen", resigniert die 49-Jährige.

Auch mit der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) und der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) liefert sich Nicole S. seit Jahren einen erbitterten Streit: "Seit 17 Jahren versuche ich, meinen Anspruch auf Invalidenrente bei der AUVA durchzusetzen, das wären 1.500 Euro pro Monat. Doch der Antrag wurde abgelehnt, mit der Begründung, dass es sich nicht um einen Arbeitsunfall handelt und die Verletzungen nur Zerrungen seien", ist die 49-Jährige wütend.

Auch Antrag auf Berufsunfähigkeitspension abgewiesen

Der Fall ging vor das Arbeits- und Sozialgericht, ein Gutachter wurde bestimmt: "Dieser bestätigte zwar, dass es sich um einen Arbeitsunfall handelt. Aber er erklärte auch, dass ich angeblich Vorschäden gehabt habe. Die Klage zur Minderung der Erwerbsfähigkeit wurde daher abgelehnt. Ich habe aber zahlreiche Facharzt-Befunde von renommierten Experten, die das Gegenteil belegen. Ich habe nie vorher Probleme mit der Wirbelsäule gehabt", hält Nicole S. fest.

Auch bei der PVA biss die 49-Jährige bisher auf Granit: "Obwohl ich vom KOBV, dem größten Behindertenverband Österreichs unterstützt werde, wurde der Antrag auf Berufsunfähigkeitspension bereits zum dritten Mal abgelehnt. Auch Pflegestufe 1 und 2 wurden mir mehrfach verweigert, obwohl ich auf Unterstützung und Geld für Schmerzbehandlungen angewiesen bin", erzählt Nicole S.

"Arbeitslosengeld kann ich keines beziehen, weil ich weiterhin arbeitsunfähig und daher nicht vermittelbar bin. Ich habe schwere Existenzängste" - Nicole S.

Von Seiten der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) und des Arbeitsmarktservice (AMS) ist laut Nicole S. ebenfalls keine Hilfe zu erwarten: "Die ÖGK hat meinen Antrag auf Sonder-Krankengeld wegen fehlendem Dienstgeber mehrfach abgelehnt. Und Arbeitslosengeld kann ich keines beziehen, weil ich weiterhin arbeitsunfähig und daher nicht vermittelbar bin. Ich habe schwere Existenzängste." Wer Nicole S. helfen möchte: Mail an [email protected]

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