Als Martin P. * (Anm. Name geändert) am 1. Juni seinen Geburtstag feierte, ahnte er noch nicht, wie der Abend für ihn ausgehen wird. Martin, welcher seit zehn Jahren in Bern-Bümpliz wohnt, hatte zur Feier des Tages etwas getrunken und war kurz vor Mitternacht auf dem Nachhauseweg von der Wohnung eines Kollegen. "Beim Warten an der Tramhaltestelle muss mir wahrscheinlich mein Handy aus der Hosentasche gerutscht sein", erzählte Martin P.
Ganz genau sagen, wo er das Handy verloren habe, kann er nicht. Jedoch vermutet Martin P. den Standort des Mobiltelefons im Mattenhof zwischen der Cäcilienstraße und der Haltestelle "Kaufmännischer Verband" oder in der S8 Richtung Westside im Raum Betlehem. Der Erstwert des Telefons habe ihn 300 Franken gekostet und es handelt sich dabei um ein Samsung Galaxy S51. "Aber eigentlich ist mir das Gerät egal, ich will nur unbedingt meine Fotos mit meiner kürzlich verstorbenen Mutter zurück", so Martin P.
Wie er gegenüber "20 Minuten" erzählt, sei seine Mutter im Mai kurz vor ihrem 80. Geburtstag verstorben. "Ich hatte ein sehr inniges Verhältnis mit meiner Mutter", so Martin P. Diese wohnte aber nicht in Bern, weshalb sie sich nicht oft sahen. "Wir haben daher viel per Whatsapp geschrieben, Fotos geschickt und mit der Videofunktion telefoniert." Mit dem Verlust des Handys seien nun bedeutungsvolle Erinnerungen verloren gegangen.
Der Erstwert des Telefons sind rund 300 Euro, es handelt sich dabei um ein älteres Samsung Galaxy S51, die Inhalte des Telefons sind aber für Martin P. unbezahlbar. "Wir nehmen die Existenz von Menschen oft als gegeben und selbstverständlich an, aber das Leben kann schneller vorbei sein, als einem lieb ist. Wenn dann eine enge Person stirbt, werden diese digitalen Daten, die man mit ihr teilte mit zu Erinnerungen. Sie sind wie Gedächtnisstützen, die einem helfen, sich zu erinnern."
Um seine gemeinsamen Fotos mit seiner Mutter wieder zu bekommen, hat Martin P. einen Aufruf gestartet. "An jeder Haltestelle der Bahn Nummer Acht und an verschiedenen umliegenden Haltestellen habe ich Zettel mit meiner Geschichte verteilt", so P. Auch eine Belohnung von 220 Euro habe er ausgeschrieben. "Das ist in etwa der Restwert des Handys, auch wenn die Daten unbezahlbar sind. Eine höhere Belohnung liegt aber leider für mich nicht drin, da ich aus Gesundheitsgründen momentan selbst in einer prekären Situation bin.", erklärt Martin P.
Insgesamt 50 Zettel habe er bisher verteilt und der Aufwand zahlt sich aus. Ein guter Freund von ihm habe Martin P. schon geschrieben, dass an ein paar Stationen schon einzelne Zettelchen mit seinen Angaben fehlen. Ein weiterer Freund konnte ihm ein Ersatzhandy für die Zwischenzeit organisieren. Es scheint, als fiebere nicht nur Martin P. mit.
Denn auch außerhalb seines Bekanntenkreises traf sein Aufruf auf Anklang. Die Journalistin und Autorin des Ratgebers "Verbunden" Anna Miller erstellte einen Instagram-Beitrag mit dem Kommentar "Lasst uns dieses Handy finden, Freund*Innen! Spread the word!". So auch ein Tiktoker aus Bern "mister_besi_der_tiktoker", der in einem Video an den gesunden Menschenverstand appellierte.
"Zu sehen und hören, dass die Leute sich um meine Geschichte kümmern und Anteilnahme zeigen, tut gut", so Martin P. Im Alltag sei man mit seinen Problemen und der Trauer oft allein, darum sei es umso schöner, wenn Leute einem helfen. "Ich bin dennoch eher pessimistisch eingestellt, ob wir mein Handy finden können. Einen kleinen Hoffnungsschimmer habe ich aber definitiv."