Hanke: "Gute Frauenpolitik muss lästig sein"

Die neue Vorsitzende der SPÖ Wien Frauen, Marina Hanke, im Gespräch mit "Heute"-Redakteurin Louis Kraft.
Die neue Vorsitzende der SPÖ Wien Frauen, Marina Hanke, im Gespräch mit "Heute"-Redakteurin Louis Kraft.Bild: Helmut Graf

Am Samstag wurde Marina Hanke (28) zur neuen Vorsitzenden der SPÖ Wien Frauen gewählt. Im Gespräch mit "Heute" erzählt sie von ihren Plänen.

Heute: Wie oft werden Sie gefragt, ob Sie mit Wirtschafts- und Finanzstadtrat Peter Hanke verwandt sind?

Hanke (lacht): "Mehrmals pro Woche. Es wird aber langsam weniger". (Wirtschafts- und Finanzstadtrat Peter Hanke und Marina Hanke, beide SPÖ, sind nicht miteinander verwandt, Anm.)

Heute: Sie wurden am Samstag mit 86,01 Prozent der Stimmen zur neuen Vorsitzenden der SPÖ Wien Frauen gewählt. Waren Sie vom Wahlergebnis überrascht?

Hanke: "Ich habe mich zumindest sehr gefreut. Das Ergebnis ist ein Zeichen, dass wir als SPÖ Frauen geschlossen in die Zukunft gehen".

Heute: Sie galten als Wunsch-Nachfolgerin von Renate Brauner. Ist das mehr Segen oder Fluch?

Hanke: "Weder noch. Ich bin eine eigenständige Person mit eigenen Ideen. Und ich möchte an meinen Taten gemessen werden".

Heute: Was wollen Sie von ihrer Vorgängerin, Ex-Stadträtin Renate Brauner beibehalten, was völlig anders machen?

"Ich möchte junge Feministinnen und deren Expertise ins Boot holen."

Hanke: "Ich möchte die Organisation mehr öffnen und neue Netzwerke schaffen. Es gibt viele junge, engagierte Feministinnen, deren Expertise und Ideen ich ins Boot holen möchte. Beispielsweise im Bereich der sozialen Medien, wenn es um Hass im Netz geht. Wer mit anderen gemeinsam im Bündnis arbeitet, ist stärker. Als SPÖ Frauen können wir noch mehr Frauen zum Mitmachen aktivieren und innerhalb unserer Organisation Frauen stärken".

Heute: Was sind Ihre konkreten Vorhaben?

Hanke: "In einem ersten Schritt möchte ich mich nun einmal intern mit allen treffen und nachfragen, welche Anliegen, Wünsche und Ideen es gibt".

Heute: Sie zitierten die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal (SPÖ), die sagte: "Nur eine Frauenorganisation, die lästig ist, hat eine Existenzberechtigung". Wie, bei wem und womit wollen Sie lästig sein?

"Will bei allen lästig sein, auch in der eigenen Partei."

Hanke: "Bei allen, auch in der eigenen Partei. Frauenpolitik ist immer auch eine Aufgabe des Gesamtorganisation. Generell gilt: Es wurde schon vieles erreicht, aber angesichts der rückwärtsgewandten Frauenpolitik der türkis-blauen Bundesregierung müssen wir ein achtsames Auge auf die Entwicklungen haben und notfalls deutlich dagegen auftreten".

Heute: Johanna Dohnal hat auch gesagt "Die Vision des Feminismus ist nicht eine 'weibliche Zukunft'. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn." Ist das überhaupt machbar?

"Müssen klar machen, dass gute Frauenpolitik auch Männern etwas bringt."

Hanke: "Ja. Nicht übermorgen, aber es ist machbar. Dazu gehört es aber auch, den Männern klar zu machen, dass gute Frauenpolitik den Männern etwas bringt. So ist etwa die Männerkarenz erst nach dem konsequenten Einsatz der Frauen möglich geworden, verknüpft mit der Forderung nach einer gerechten Verteilung von Familienarbeit. Hier geht es um Aufklärung und Information und das ist eine Kernaufgabe der sozialdemokratischen Frauenorganisation."

Heute: Ist die Durchschnittsfrau zu genügsam?

Hanke: "Nein, das glaube ich nicht. Es gibt sehr viele Frauen, die merken, dass es Defizite gibt und das was nicht passt. Daher kämpft die Sozialdemokratie für mehr Vollzeitbeschäftigungen für Frauen und den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen."

Heute: Sie kritisieren die Bundesregierung wegen ihrer "rückwärtsgerichteten Frauenpolitik". Was sind aus Ihrer Sicht die größten Verfehlungen?

"Kürzungen im Frauenbudget ist der falsche Weg"

Hanke: "Etwa die Reform der Mindestsicherung, die zehntausende Kinder und Frauen in die Armut treibt. Aber auch die Diskussion rund um den Schwangerschaftsabbruch. Für die Fristenlösung wurde lange hart gekämpft und jetzt ist diese in Gefahr. Daneben sind auch die Kürzungen im Frauenbudget, etwa bei Frauenvereinen oder Beratungsstellen, der falsche Weg. Hier wird durch konservative und rechte Sichtweisen scheibchenweise Frauenpolitik zurückgedreht. Beim AMS wurde die Zielvorgabe, die Hälfte der Mittel für Frauenförderung einzusetzen, gestrichen, stattdessen wird für 'qualitative Teilzeitverhältnisse' geworben. Das ist nicht das, was Frauen absichert."

Heute: Was muss geschehen, damit Sie als Frauenpolitikerin zufrieden sind?

Hanke: "Ich bin zufrieden, wenn es keinen Unterschied mehr macht, ob man als Bub oder Mädchen geboren wird. Wenn beide Geschlechter die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, Frauen nicht mehr strukturell benachteiligt werden, aber auch beide nicht in gesellschaftliche Rollenbilder gezwängt werden. Denn was die Gesellschaft von Frauen und Männern erwartet, schränkt beide ein."

Heute: Zurück zu Johanna Dohnal: Schon 1993 warnte sie bei der UN-Menschenrechtskonferenz in Wien: "Für Frauen ist der vorgeblich sichere Hort der Familie ein sehr gefährlicher Platz: das Ausmaß an tätlicher Gewalt im privaten Zusammenleben ist ein unvorstellbar großes". Die Gewalt gegen Frauen und Mädchen scheint zu steigen, heuer gab es bereits zehn Frauenmorde in Österreich. Die Stadt Wien baut ihr Gewaltschutznetz aus und hat die Errichtung eines neuen 5. Frauenhauses beschlossen. Reicht das aus?

"Buben sollen lernen, Männlichkeit ohne Gewalt zu definieren."

Hanke: "Die Gewalt gegen Frauen ist natürlich auch eine Machtfrage und entsteht aus dem gesellschaftlichen Bild, dass Männer über Frauen verfügen können. Um dagegen anzugehen, gibt es aber nicht die eine Maßnahme, sondern es braucht ein ganzes Maßnahmenbündel. Das beginnt schon bei den Kindern, die früh lernen sollen, mit Konflikten umzugehen. Buben sollen neue Wege kennenlernen, ihre Männlichkeit zu definieren, als über Gewalt. Daneben braucht es aber auch den Ausbau der Arbeit mit den Tätern und dem Opferschutz. In Wien gibt es mit dem Frauennotruf und den Frauenhäusern schon gute Maßnahmen. Wichtig ist aber auch, den Frauen ein ökonomisch selbständiges Leben zu ermöglichen. Denn wenn sie genug verdienen, um sich selbst eine Wohnung leisten zu können, dann müssen sie nicht in gewalttätigen Beziehungen bleiben."

Heute: Die Forderung nach "gleichem Lohn für gleiche Arbeit" gibt es seit Jahren. Dennoch verdienen Frauen weiterhin deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen. Viele Parteien versprechen, sich für Gleichheit einzusetzen, geschehen tut aber nichts. Woran liegt das und was müsste geschehen?

Hanke: "Das ist ja auch eine langjährige Forderung der SPÖ. Bisher ist es aber daran gescheitert, dass sich für die Umsetzung keine Mehrheit gefunden hat. Das Lohntransparenzgesetz, das Gehälter offenlegt, wäre aber ein erster Schritt zu mehr Gerechtigkeit. In Wien haben wir es geschafft, dass der Equal Pay Day (also der Tag, ab dem Frauen im Vergleich zu Männern quasi gratis arbeiten, Anm.) immer weiter nach hinten rutscht. Vom Bund kommen hier aber nur Lippenbekenntnisse. So erklärt etwa die Frauenministerin (Julian Bogner-Strauß, ÖVP, Anm.), Gleichberechtigung sei wichtig, andererseits schiebt sie aber das Frauenvolksbegehren, das mehr als eine halbe Million Menschen unterschrieben haben, vom Tisch."

Heute: Ist Feminismus zu einem Schlagwort geworden, das Leute abschreckt?

Hanke: "Es gibt schon Stimmen, die meinen, 'Gleichberechtigung gut und schön, aber jetzt geht es zu weit'. Dazu sage ich klar Nein. Wir haben das auch bei der Übergriffsdebatte #MeToo erlebt, dass dann auch der Einwand kam, die Frau wäre schon auch selbst schuld. Dagegen gilt es aufzutreten und Debatten zu führen. Antifeminismus steigt leider wieder, vor allem auch im Internet. Der Fall Sigi Maurer hat gezeigt, dass es auch juristisch mehr Gespür braucht, damit umzugehen. Wenn heute eine Frau, egal ob Politikerin, Aktivistin oder Journalistin etwas postet, dauert es in vielen Fällen nicht lange, bis jemand mit Gewaltanwendungen droht. Dagegen müssen wir klar auftreten und das geht am besten gemeinsam. Daher halte ich Netzwerke für so wichtig."

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