Young Carer

Hanna: "Musste mit 7 Jahren meine kranke Mama pflegen"

Als Hanna K. fünf war, erkrankte ihre Mutter an Multipler Sklerose. Seit sie sieben Jahre alt ist, kümmert sie sich um die heute 54-Jährige.

Christine Ziechert
Hanna: "Musste mit 7 Jahren meine kranke Mama pflegen"
Hanna mit ihrer Mama (l.), um die sie sich auch jetzt noch kümmert. 
zVg

Essen besorgen, Zähne putzen, aufs Klo setzen und den Pyjama anziehen: Als Hanna K. fünf Jahre alt war, erkrankte ihre Mama an Multipler Sklerose: "Seit ich sieben bin, kümmere ich mich um sie", erzählt die Niederösterreicherin aus Waidhofen/Thaya im Gespräch mit "Heute".

Die heute 23-Jährige zählt damit zu den sogenannten "Young Carers" in Österreich: Laut dem Bundesministerium für Soziales gibt es derzeit rund 42.700 Kinder und Jugendliche in Österreich (Stand Dezember 2022), die Verwandte pflegen und sich zusätzlich auch noch um Geschwister, den Haushalt, Behördenwege und Arzttermine kümmern.

Hanna als Young Carer

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    Ab dem Alter von sieben Jahre musste sich Hanna um ihre kranke Mama kümmern.
    Ab dem Alter von sieben Jahre musste sich Hanna um ihre kranke Mama kümmern.
    zVg
    Ich beschäftige mich viel mit 'Young Carers' und versuche mich für sie einzusetzen, weil viele noch unsichtbar sind
    Hanna K.
    Young Carer

    Was diese Kinder und Jugendliche leisten, bleibt von der Öffentlichkeit meist unbemerkt: "Ich beschäftige mich viel mit 'Young Carers' und versuche mich für sie einzusetzen, weil viele noch unsichtbar sind. Es fehlt einfach die Anerkennung. Man sollte sich immer wieder bewusst machen, was man da eigentlich leistet und, dass man stolz auf sich sein darf. Und auch den Mut haben, dazu zu stehen", meint Hanna K.

    2005 erhielt ihre Mutter die Diagnose Multiple Sklerose, vier Jahre später saß sie bereits im Rollstuhl: "2013 konnte sie dann auch nicht mehr die Finger und Hände bewegen. Seit zehn Jahren ist sie komplett gelähmt", berichtet die 23-jährige Krankenpflegerin, die unter der Woche in Wien lebt.

    Früh gelernt, selbstständig zu werden

    Erst als Hanna 15 Jahre alt war, stand ihrer Mutter eine persönliche Assistenz zur Verfügung: "Das hat mir das Leben erleichtert. Am Vormittag bin ich in die Schule, dann schnell heim." Die Sorge, dass ihrer Mama etwas passiert sein könnte oder, dass es ihr nicht gut geht, hatte Hanna dabei immer im Hinterkopf: "Einmal war sie krank. Sie ist dann den ganzen Tag auf der Bank gelegen und hat gewartet, dass ich nach Hause komme", erinnert sich die Niederösterreicherin.

    Ab dem Alter von etwa 11 Jahren bereitete Hanna für ihre Mama und sich selbst die Mahlzeiten zu – davor bestellte sie manchmal Essen im Ort. Dazu kamen der Haushalt und Arztbesuche. Umfassende Unterstützung von sozialen Diensten erhielt das Mädchen damals nicht: "Ab und zu hat eine Tante meiner Mutter ausgeholfen oder ein Schwager bei Arztbesuchen, und von der Caritas kam jemand in der Früh – aber sonst habe ich das Meiste gemacht. Ich habe früh selbstständig werden müssen", reflektiert sie.

    Wenn Freunde mit ihren Eltern einfach so essen gegangen sind, dann hat mich das traurig gemacht. Ich konnte so etwas nie machen
    Hanna K.
    Young Carer

    Die Erinnerungen an diese schwierige Zeit sind oft verschwommen, die mentalen, psychischen und auch physischen Anstrengungen – etwa, wenn ihre Mutter gestürzt war und sie ihr wieder aufhelfen musste – nicht ganz vergessen, aber: "Ich habe viel verdrängt", meint Hanna K. Aus Scham erzählte die Schülerin nur ihren engsten Freunden von ihrer Lage, fühlte sich in manchen Situationen als Außenseiterin: "Wenn Freunde mit ihren Eltern einfach so essen gegangen sind, dann hat mich das traurig gemacht. Ich konnte so etwas nie machen."

    Was sind Young Carers?
    Young Carers sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die regelmäßig ein Familienmitglied mit Pflegebedarf, Behinderung oder langfristiger Erkrankung pflegen. Daneben stemmen sie noch andere Aufgaben wie z.B. Arbeiten im Haushalt, Betreuung von Geschwistern, Begleitung zu Arztterminen, Erledigung von Behördenwegen und emotionale Unterstützung. Studien zufolge gibt es in Österreich rund 42.700 Young Carers. Sie sind im Durchschnitt 12,5 Jahre alt. Mehr als zwei Drittel von ihnen sind Mädchen.

    Trotz allen Schwierigkeiten "hat meine Mama versucht, mir alles zu ermöglichen", erzählt Hanna K. Auch eine Psychotherapie konnte sie als Kind machen: "Die hat mir damals gut geholfen." Die lange Zeit während ihrer Kindheit und Jugend, in der die 23-Jährige ihre Mutter gepflegt hat, hat sie nachhaltig geprägt – sie wurde Krankenpflegerin und absolviert derzeit eine Psychotherapie-Ausbildung. 

    Meine Mutter ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Zu wissen, dass sie da ist, ist mir wichtig. Aber selbst heute noch habe ich Angst, dass ihr etwas passiert
    Hanna K.
    Young Carer

    Am Wochenende fährt Hanna immer heim zu ihrer Mutter ins Waldviertel: "Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich habe großen Respekt vor ihr – sie ist mental sehr stark, hört mir zu und ist mir eine große Stütze. Sie meint, ich bin der Grund, dass sie weitermacht. Zu wissen, dass sie da ist, ist mir wichtig. Aber selbst heute noch habe ich Angst, dass ihr etwas passiert." 

    cz
    Akt.