Der österreichische Trainer Ralph Hasenhüttl musste am Dienstagabend den schlimmsten Albtraum seiner bisherigen Karriere ein zweites Mal durchstehen. Er verlor mit seinen Saints mit 0:9 – ein Deja-vu! Schon vor 15 Monaten hatte Southampton im Heimspiel gegen Leicester City mit 0:9 verloren.
Jetzt wiederholte sich das Premier-League-Debakel im Old Trafford. Manchester United fertigte die Gäste mit neun Treffern ab. Der junge Schweizer Alexandre Jankewitz war nach nur 76 Sekunden mit Glattrot vom Platz geflogen.
Im Oktober 2019 hatte man nach der Leicester-Blamage schon mit dem Rauswurf Hasenhüttls gerechnet. Die Klub-Spitze hielt an jenem Mann fest, der den Verein im Dezember 2018 in akuter Abstiegsgefahr übernommen und gerettet hatte. Dieses Mal blieb es angesichts des historischen Rückschlags auf der Insel erstaunlich ruhig. Von der Vereinsspitze gibt es bis dato keine Wortspenden über den sportlichen Tiefpunkt und mögliche Folgen für den Trainer und sein Team. Auch die englische Presse schoss sich nicht auf Hasenhüttl ein. Alles erweckt den Eindruck, als würde der 53-Jährige auch sein zweites 0:9 unbeschadet überstehen.
Der Grazer kommentierte die Pleite am Dienstag: "Wir sind nach dem ersten 0:9 aufgestanden, und wir werden auch nach dem zweiten aufstehen. Nach der zweiten Roten Karte war jeder Angriff ein Tor. Das ist dann auch zu einfach gegangen. Aber zwei Leute weniger ist hart gegen ein Team wie Manchester."
Die vom Coach angesprochene Situation? In der Schlussphase flog auch Jan Bednarek mit Rot vom Platz und verschuldete dabei einen Elfmeter, den Bruno Fernandes zum 7:0 verwandelte. Es war eine höchst umstrittene Entscheidung von Schiri Mike Dean. Southampton hat inzwischen beantragt, den Referee für die Spiele des Klubs zu sperren. Denn auch der vermeintliche Treffer von Che Adams wurde vom Schiedsrichterteam wegen einer mit freiem Auge nicht erkennbaren Abseitsentscheidung aberkannt.
Rot in der zweiten Minute, ein blendend aufgelegtes Manchester United, Fehlentscheidungen des Schiris inklusive einer weiteren Dezimierung – der völlige Zerfall der Saints hatte viele Auslöser. Unter anderem auch die Verletzungsproblematik, die überhaupt erst dazu geführt hatte, dass Hasenhüttl den 19-jährigen Jankewitz ins kalte Wasser werfen musste. Die lange Liste der Verletzen: Diallo, Obafemi, Romeu, Salisu, Smallbone, Tella, Vestergaard, Walcott, Walker-Peters. Zum Vergleich: United musste nur auf Ergänzungsspieler Phil Jones verzichten.
Diese Faktoren spielen eine Rolle in der vergleichsweise milden öffentlichen Reaktion auf das 0:9. Hasenhüttl hat in der Führungsetage, bei den Fans und seinen Spielern viel Kredit. Nicht umsonst war sein Name bis zur Verpflichtung von Thomas Tuchel sogar in der Verlosung im Rennen um den Chelsea-Job.
Mit geringen finanziellen Mitteln hat Hasenhüttl seinen Verein auf sportlich stabile Beine gestellt und so in der aktuellen Saison auch die besten Premier-League-Klubs ärgern können. Vor rund einem Monat gab es noch Freudentränen über den Sieg gegen Meister FC Liverpool. Im Herbst lachten die Saints sogar zwischenzeitlich von Platz eins. Auch der derzeitige zwölfte Rang liegt noch über dem Soll. Darum wagt derzeit niemand, den Österreicher in Frage zu stellen. Obwohl das 0:9 schmerzt. Niemanden so sehr wie Hasenhüttl, wie er selbst sagte.
Er betonte selbst: "Es ist schrecklich. Nichts hat darauf hingedeutet, dass wir so einen Abend erleben würden. Das spiegelt nicht wider, was wir diese Saison geleistet haben. Es ist schwer zu erklären. Wir müssen damit jetzt schon wieder leben." Auffällig: Wenngleich der Job von Hasenhüttl nicht in unmittelbarer Gefahr zu sein scheint, ist er der einzige, der sich nach der Blamage der Öffentlichkeit stellte. Die Klub-Spitze hätte auch die Möglichkeit gehabt, sich mit oben genannten Argumenten schützend vor ihren Coach zu stellen …